+
Das Kirchenasyl ist noch immer notwendig.

Kirchenasyl

„Gut, ich lasse euch rein“

  • schließen

Pfarrer Jürgen Quandt gilt als Urvater des Kirchenasyls in Deutschland. Ein FR-Interview über die Anfänge des Kirchenasyls und die heutige Politik der Repression.

Herr Quandt, seit 35 Jahren gibt es Kirchenasyl in Deutschland. Aber es steht politisch unter Druck. Ist Kirchenasyl noch notwendig?
Das Kirchenasyl ist so notwendig wie seit über 30 Jahren. Die Tatsache, dass es derzeit Hunderte von Kirchenasylen gibt, zeigt deutlich an, dass es Gründe dafür gibt, Flüchtlinge auf diese Weise vor Abschiebung zu schützen. Nur die Gründe haben sich geändert.

Die meisten Kirchenasyle betreffen inzwischen sogenannte Dublin-Verfahren. Dabei geht es nicht um den Schutz vor direkter Abschiebung ins Heimatland, sondern um den Schutz vor Rückführung nach Italien oder in ein anderes europäisches Land. Warum ist das nötig?
Das hat mit der Ausgestaltung der europäischen Asylpolitik zu tun. Es wird versucht, die Außengrenzen der EU hermetisch abzuriegeln. Diejenigen, die es trotzdem auf sehr gefährliche Weise schaffen, sollen nur dort Aufnahme finden, wo sie die europäische Grenze überschritten haben. Da leben sie aber oft unter unwürdigen Bedingungen. Wir dringen im Kirchenasyl darauf, dass Deutschland den Selbsteintritt erklärt, also Dublin-Fälle übernimmt.

Das ist bisher in vielen Fällen gelungen. Jetzt wird der Ton aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) schärfer. Gilt die Verabredung zwischen dem Staat und den Kirchen noch, wie mit Kirchenasyl zu verfahren ist?
Das ist die Frage. Seit August vorigen Jahres kann man daran zweifeln, dass sie von staatlicher Seite noch beachtet wird. Das Bamf hat die Anforderungen an die Dossiers der Kirchengemeinden deutlich verschärft. Seitdem geht die Zahl der Fälle, wo Deutschland den Selbsteintritt erklärt, drastisch zurück. Diese Politik hat wohl mit der Besetzung des Bundesinnenministeriums zu tun. Sie setzt mehr auf Konfrontation als auf Kooperation.

Sie meinen Innenminister Horst Seehofer. Ist seine Politik Teil einer Verschärfung der Flüchtlingspolitik insgesamt?
Ja, natürlich. Es ist doch nicht zu übersehen, dass wir nicht nur in Deutschland, sondern europaweit eine Entwicklung zu Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus haben. Rechte Parteien haben größeren Zulauf. Das erzeugt einen gesellschaftlichen Druck, der Ausdruck in politischem Handeln findet, gegen Flüchtlingsschutz und gegen Flüchtlingsaufnahme.

Sie gelten als Urvater des Kirchenasyls. War das geplant?
Nein, nein. Unsere Gemeinde Heiligkreuz war bekannt für ihr Engagement. Wir hatten uns schon für den türkischen Asylbewerber Cemal Altun eingesetzt, dem in der Türkei die Todesstrafe drohte. Das hat dazu geführt, dass eine Gruppe junger Leute, die sich mit palästinensischen Familien aus dem Libanon beschäftigten, 1983 an die Gemeinde herangetreten ist. Sie befürchtete, dass ein großer Teil dieser Menschen in den Libanon abgeschoben würde, obwohl da Krieg war. Die Idee vom Kirchenasyl ist nicht von uns geboren worden, sondern von diesen jungen Leuten, die im Religionsunterricht aufgepasst hatten. Die sagten: Da gab’s doch mal im Mittelalter eine Tradition, warum knüpft Ihr nicht daran an?

Kannten Sie diese Tradition gar nicht?
Doch, natürlich. Aber die war für uns Geschichte. Wir wollten uns Gedanken machen, aber dazu kam es erst einmal nicht, denn diese Menschen standen mit Matratzen vor der Tür und haben um Einlass gebeten. Ich musste eine Entscheidung treffen und sagte: Gut, ich lasse euch rein.

Jürgen Quandt gilt als Urvater des Kirchenasyls in Deutschland. Der Pfarrer gewährte einer Gruppe von Palästinensern 1983 Asyl in seiner Heiligkreuzgemeinde im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Der heute 75-jährige Pfarrer und Diplompädagoge zählte 1994 auch zu den Mitbegründern der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche. Für sein Engagement erhielt Quandt 2001 den Georg-Elser-Preis.

Und dann?
Na ja, das waren drei Familien mit zehn Erwachsenen und 18 Kindern. Es gab keine Räume und keinerlei Vorbereitung. Es war chaotisch, und es war klar: Das kann nicht lange durchgeführt werden. Aber das hat dazu geführt, dass in Berlin ein Abschiebestopp erlassen wurde für Abschiebeflüchtlinge aus dem Libanon.

Das hat dann ausgestrahlt in andere Städte?
Es gab vereinzelt Kirchenasyle in Hamburg, in Nordrhein-Westfalen, in Nürnberg. Eine bundesweite Netzwerkstruktur haben wir uns erst zehn Jahre später gegeben. Im Zentrum stand die Evangelische Studienakademie Mülheim mit ihrem damaligen Studienleiter Wolf-Dieter Just. Bei einer Tagung 1994 in Mülheim haben wir die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche gegründet.

Am Wochenende sprechen Sie in Frankfurt bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche zu deren 25-jährigem Bestehen. Was geben Sie den Kollegen dort mit auf den Weg?
Ursprünglich hatte Wolf-Dieter Just sprechen sollen. Leider ist er schwer erkrankt, hat aber seinen Vortrag schon vorbereitet. Ich habe mich mit ihm verständigt, dass ich seinen Vortrag halte und um ein paar Punkte ergänze.

Was wollen Sie ergänzen?
Wir haben angefangen, indem wir uns für Flüchtlinge eingesetzt haben. Die Flüchtlinge sind von uns damals nicht als eigenständige Akteure wahrgenommen worden. Das hat sich in den vergangenen Jahren zum Glück verändert. Ziel der Kirchenasyl-Bewegung muss es sein, verstärkt mit den Geflüchteten-Bewegungen zusammenzuarbeiten, um ihre Rechte durchzusetzen.

Interview: Pitt von Bebenburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion