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Schlafplatz unter dem Kreuz: Flüchtlinge in einer Hamburger Kirche.

Flüchtlinge

"Kirchenasyl ist nie eine Kuschel-Angelegenheit"

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In einigen Härtefällen finden Flüchtlinge in deutschen Gemeinden Kirchenasyl. Das ist für beide Seiten eine Herausforderung.

Als sich die Tür zu Nezirs und Ayads Zimmer öffnet, dringt wohlig-aromatischer Duft in den schmalen Flur. Die beiden Iraker hocken an einem kleinen Tisch und rauchen mit zwei Freunden Wasserpfeife wie Tausende deutsche Jugendliche. Aber sie treffen sich nicht zum Chillen, bevor es gemeinsam in die Disco geht. Nezir und Ayad haben sozusagen Hausarrest, denn sie dürfen ihre vorübergehende Zuflucht, das Kirchenasyl in der evangelischen Christuskirche im fränkischen Haßfurt, nicht verlassen. Nicht einmal für fünf Minuten. Würden sie von der Polizei aufgegriffen, drohte ihnen die sofortige Abschiebung.

Doris Otminghaus freut sich über den gelegentlichen süßlich-fruchtigen Shisha-Qualm in ihrem Pfarrhaus. „Es sind junge Leute, die versuchen, ein Stück Normalität in dieser wahrlich alles andere als normalen Situation zu leben.“ Die Pastorin hat im Frühjahr vergangenen Jahres Räume für maximal vier Flüchtlinge in auswegloser Lage bereitgestellt, nachdem das Presbyterium mit deutlicher Mehrheit zugestimmt hatte. Zuflucht unter dem Dach der Kirche in Härtefällen als ultima ratio, als letztes und äußerstes Mittel. Um die Abschiebung in eine ungewisse und womöglich gefährliche Zukunft wenn nicht zu verhindern, so doch wenigstens zu stoppen, um eine erneute Überprüfung des Falles zu erreichen.

Die Mitbewohner auf Zeit nennt die engagierte Pfarrerin „meine Gäste“, auch wenn sie sie nicht eingeladen hat und niemand genau weiß, wie lange sie bleiben werden. Bei dem 26-jährigen Ayad war es im Juli schon ein Jahr, dass er sein sicheres Quartier bezogen hat; der gleichaltrige Nezir ist vor neun Monaten gekommen, ebenso wie Hasib aus Afghanistan. Der 21-Jährige hat seine gefährliche Heimat schon mit zwölf Jahren verlassen. Bei Verwandten im Iran fand er Unterschlupf – und lernte irgendwann, wie man Fliesen verlegt: Nach seiner abenteuerlichen Flucht arbeitete er in München als Fliesenleger.

Jetzt will man ihn aus seiner gewohnten Umgebung reißen und zurückschicken. „In ein sicheres Land, in dem jeden Tag ein paar Anschläge passieren.“ Hasibs Deutsch ist inzwischen so gut, dass er seinen Sarkasmus deutlich artikulieren kann. „Aber ihr interessiert euch nur für den Terror in Paris oder London.“ Wie ein Teenager hat er Poster von Philipp Lahm an die Wand seines Zimmers geklebt. Hasib und die beiden anderen jungen Männer im Haßfurter Kirchen-Asyl sind dankbar für die Aufnahme. Ein Helferkreis geht für die drei einkaufen, hilft, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, und schaut „einfach so“ vorbei, um ein bisschen Abwechslung in den eintönigen Tagesablauf zu bringen. „Wir haben keine Gitter vor den Fenstern, aber eigentlich sind wir ein Kirchen-Knast“, findet die Pastorin.

„Warten, warten, immer warten“, sagt Ayad (26), der als Gabelstaplerfahrer gearbeitet hat. Er ist wie Nezir kurdischer Jeside und wähnte sich vor einer Abschiebung sicher, weil seine Glaubensgemeinschaft wegen der kollektiven Verfolgung Minderheitenschutz genießt. Vor einer „Zurückschiebung“ nach Ungarn – wo er zuerst registriert wurde – kann er aber offenkundig nicht sicher sein.

Manche deutschen Amtsgerichte betrachten das Reich des Rechtspopulisten Victor Orban als sicheren Hort für Flüchtlinge. Nezir soll nach Bulgarien zurück. „Die gehen ganz schrecklich mit Asylbewerbern um“, sagt die Pastorin, „das ist auf keinen Fall zu verantworten.“ Sicher und gut aufgehoben fühlen sich ihre Gäste, aber die Ungewissheit nagt an ihnen. Dazu kommt die Angst vor Strafen. Seit Kurzem gehen die bayerischen Generalstaatsanwaltschaften verstärkt gegen das Kirchenasyl vor. Im Visier haben sie dabei sowohl Flüchtlinge als auch Geistliche, die sie bei sich aufnehmen.

Kirchenasyl wird kriminalisiert

Doris Otminghaus, die an ihrem Schreibtisch gerade die Papiere für eine Trauung fertig macht, ist schockiert und empört: „Das bedeutet eine Kriminalisierung. Es ist unerhört, Kirchenasyl als illegal zu werten.“ Dabei sei die Praxis völlig transparent, von Verstecken könne keine Rede sein. Jeder Fall werde unverzüglich an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und an die zuständige Ausländerbehörde gemeldet. Zwei ihrer Schützlinge haben einen Strafbefehl über 25 beziehungsweise 90 Tagessätze erhalten, sie selbst eine Vorladung auf die Polizeistation gleich neben dem Pfarrhaus.

Eine Kämpfernatur sei sie nicht, aber durchaus widerständig. „Kirchenasyl ist nie eine Kuschel-Angelegenheit. Wenn wir als Kirche jemanden sozusagen in Schutzhaft nehmen vor dem Zugriff des Staates, dann ist das eine Herausforderung für beide Seiten.“ Der Auftrag der Kirche sei durch das Gebot der Nächstenliebe glasklar definiert. Kirchen und kirchliche Räume, argumentiert Doris Otminghaus sehr prinzipiell, seien schließlich seit Jahrtausenden Tabuzonen. „Das Heilige“, formuliert sie druckreif, „muss unantastbar bleiben. Wo Gott präsent ist, endet der Zugriff des Staates.“

Kein Zugriff des Staates

Diese Grundsätze werden freilich nicht immer beachtet. In einem krassen Fall war im Mai in Ludwigshafen eine dreiköpfige christliche Flüchtlingsfamilie aus Ägypten von der Polizei aus den Räumen der Evangelischen Stadtmission geholt und noch am selben Abend in ihre Heimat verfrachtet worden. Angeblich hatte das Paar, begleitet von seiner sechsjährigen Tochter, gefälschte ägyptische Haftbefehle vorgelegt.

Kritiker sprechen von einer zumindest übereilten Aktion. Sogar die Haßfurter Pastorin kann sich im Einzelfall vorstellen, ein Asyl zu beenden, wenn jede Perspektive fehlt. „Wir müssen mit diesem wunderbaren Instrument sehr behutsam umgehen und dürfen es nicht aufweichen. Es muss auf extreme Härtefälle beschränkt bleiben.“ Die Frau mit dem Lockenkopf ist robust und zäh, aber sie verhehlt nicht, dass die Sorge um die Flüchtlinge und der Versuch der Justiz, „mich zur Straftäterin zu stempeln“, an ihren Kräften zehrt. Deswegen steht demnächst eine Auszeit an. Schweige-Exerzitien in einem evangelischen Frauenkloster.

„Man braucht für diese Arbeit ein dickes Fell, um den Gegenwind der Behörden und manchmal auch aus dem Dorf zu ertragen“, bestätigt Pfarrerkollegin Sandra Menzel. Und es koste auch Mut, sich „auf die Sache“ einzulassen. Aber sie würde es jederzeit wieder tun, obwohl es eigentlich beschämend sei, dass es überhaupt nötig war, „so hart für ihn zu kämpfen“.

Form des zivilen Ungehorsams

Wir sitzen im „Café International“, einem Begegnungszentrum der evangelischen Gemeinde im Hunsrück-Dorf Büchenbeuren. Er, dem der am Ende erfolgreiche Kampf gegolten hat, Sabrye M., strahlt wie neulich, Ende Juni, als die erlösende Nachricht kam, dass die Gefahr seiner Abschiebung nach Italien abgewendet sei. Alarmiert durch die Polizei-Aktion in Ludwigshafen hatte man auch in dem Örtchen unweit des Flughafens Hahn für möglich gehalten, dass man Sabrye gewaltsam aus seinem sicheren Hort herausholen würde. Für diesen Fall standen Unterstützer aus der Gemeinde bereit, die die Aktion mit einem Protest-Frühstück zu behindern versucht hätten. Verhindern können hätte man Sabryes Abtransport nicht.

„Wir haben keinerlei rechtliche Handhabe. Es gibt kein Recht auf Kirchenasyl“, stellt Sandra Menzel nüchtern fest. Und sie weiß auch, dass ihr Einsatz für den jungen Somalier streng genommen einen Rechtsbruch darstellt. Sie nennt es lieber „eine Form von zivilem Ungehorsam. Wir haben eine behördliche Anordnung missachtet, damit einem Flüchtling in Bedrängnis Recht widerfährt.“ Ohne das Kirchenasyl wäre Sabrye längst wieder in Italien. Wegen unhaltbarer Zustände in Florenz hatte er sich nach Deutschland abgesetzt.

Die beiden Pfarrerinnen aus Haßfurt und Büchenbeuren kennen sich nicht, ziehen aber am gleichen Strang. „Wir wollen das Kirchenasyl nicht inflationär anwenden, sondern konzentrieren uns auf die allerhärtesten Härtefälle“, sagt Sandra Menzel, gerade von einer Eisernen Hochzeit zurückgekehrt. Manche ihrer Kritiker haben sie aufgefordert, sich doch lieber mehr um die Senioren der Gemeinde zu kümmern als um einen schwarzen Flüchtlingsjungen. Auch den schlimmen Vorwurf, im Kirchenasyl würden doch nur künftige Terroristen herangezüchtet, hat sich Sandra Menzel schon anhören müssen. Als im Mainzer Landtag über den Fall Sabrye debattiert wurde, verstieg sich ein AfD-Mann zu der Feststellung, Barmherzigkeit könne kein Maßstab sein für staatliches rechtmäßiges Handeln.

Sabrye lächelt schüchtern, wenn es um ihn geht. Nach einer langen und gefahrvollen Odyssee als 14-Jähriger übers Mittelmeer war er im September nach Stationen in München, Kassel und Trier in seinem Refugium im Hunsrück angekommen. Fortan drehte sich in Büchenbeuren alles um sein Alter. Obwohl er wahrheitsgemäß angeben hatte, dass er 16 sei, machte ihn das Jugendamt Kassel eigenmächtig anderthalb Jahre älter.

Lange und gefahrvolle Odyssee

In einer mühevollen Aktion ließ sich Pastorin Menzel – wie vom Bamf verlangt – das Geburtsdatum von der somalischen Botschaft in Berlin bestätigen. In dem Land, in dem faktisch kein funktionierendes Staatswesen existiert, besitzt kaum jemand eine Geburtsurkunde oder einen Pass, geschweige denn ein Faxgerät. Irgendwie konnte schließlich, nachdem das Schreiben der Botschaft offenbar sogar vom rheinland-pfälzischen Landeskriminalamt überprüft worden war, der 15. April 2000 amtlich als Sabryes Geburtstag festgelegt werden. Er ist also unbegleiteter minderjähriger Flüchtling und darf infolgedessen nicht abgeschoben werden.

Jetzt ist er erst einmal sicher, bis er im nächsten Jahr 18 wird. Dann wird er das reguläre Asylverfahren durchlaufen müssen, Ausgang ungewiss. Vielleicht muss ihm die Kirche noch einmal Schutz gewähren. Wie hatte Christoph Pistorius, Vizepräses der Rheinischen Landeskirche, bei einem Solidaritätsbesuch in Büchenbeuren gesagt? Kirchenasyl könne den Rechtsstaat davor bewahren, „in einem Grenzfall Unrecht zu tun und seine eigenen Prinzipien zu verletzen“.

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