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Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion wurden auch von der evangelischen Kirche eingesetzt.
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Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion wurden auch von der evangelischen Kirche eingesetzt.

"Kirche war nicht überall im Widerstand"

Der Historiker Dirk Richhardt hat eine Studie über Zwangsarbeiter in der evangelischen Landeskirche erstelltDirk Richhardt (44), Historiker und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des hessischen Diakoniezentrums Hephata in Schwalmstadt-Treysa, ist der Autor einer Studie, die Kirche und Diakonie im vergangenen Jahr zur Zwangsarbeit in ihren Einrichtungen veröffentlicht haben.

Frankfurter Rundschau: Herr Richhardt, momentan schwappt eine Welle der Erinnerungsarbeit über das Land. Bischof Martin Hein und der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen werden demnächst ein gemeinsames Wort zur 60. Wiederkehr des Kriegsendes vorstellen. Wo stehen die Kirchen im Prozess der Vergangenheitsbewältigung?

Dirk Richhardt: Die evangelische Kirche hat im Gegensatz zur katholischen Kirche einen schmerzhaften Prozess hinter sich, was die NS-Zeit angeht. Damals waren Strömungen in den evangelischen Kirchen aufgebrochen, die ein Gespräch nach dem Krieg fast unmöglich gemacht haben. Man hat sich genau vor 60 Jahren im hessischen Hephata getroffen, um wieder ins Gespräch zu kommen. Es gab Gruppen, die dem NS-Staat sehr nahe standen, und es gab Leute, die KZ-Gefangene waren. Das war ein äußerst komplizierter und schwieriger Aufarbeitungsprozess, der aber gleich mit dem Tag des Kriegsendes einsetzte.

Das heißt, die derzeitige Beschäftigung mit der Vergangenheit hat für die Kirche gar nicht die Intensität wie in der übrigen Gesellschaft?

Die Kirche muss ständig mit neuen Erkenntnissen umgehen. Ein Beispiel: Als man vor einiger Zeit in Hephata ein Mahnmal für einen Diakon errichtete, der von der Kirche ausgeliefert worden war, riefen Leute an und sagten: Das haben wir nicht gewusst! Können wir eigentlich noch in Straßen wohnen, die die Namen großer Kirchenführer tragen? Solche Diskussionen laufen also ständig, und sie sind noch nicht abgeschlossen. Mit der Zwangsarbeiter-Studie gehörten die Landeskirchen in Hessen mit ihren Diakonischen Werken zu den wenigen Landeskirchen die eine solche Untersuchung unternommen haben. Und nur die wenigsten - es waren lediglich zwei weitere - haben auch ein Ergebnis vorgelegt.

Die Studie wurde vor etwa einem Jahr vorgestellt. Was hat sie bewirkt?

Das Interessante war, dass die erste Auflage des Buches gleich vergriffen war. Das heißt also, es hat doch ein Interesse gegeben. Eine weitere Folge ist das jetzt gestartete Besuchsprogramm. Dabei werden sich auch Schülergruppen mit den ehemaligen Zwangarbeitern unterhalten. Daneben entdecken viele Einrichtungen, dass gar nichts über ihre Geschichte im Dritten Reich wissen. Ich beobachte, dass sich immer mehr Leute für das Thema interessieren. Eine weitere Reaktion war jedoch auch: Das hätten wir nicht gedacht ...

... ist es nicht naiv, zu glauben, die Kirche hätte von der Zwangsarbeit nicht profitiert?

Viele haben Kirche immer in der Opferrolle gesehen. Ich will nicht von einer Täterrolle sprechen, aber von einer Dulderrolle. Man hat sich zeitweise an solche Kirchenheroen wie Martin Niemöller gehalten und behauptet, die Kirche sei überall im Widerstand gewesen. Nach der Studie musste man erklären, dass die Kirche an dem System partizipiert hat. Das hat viele hart getroffen. Es gab einen Brief eines Pfarrers, der behauptete, es habe in seiner Gegend keine russischen Zwangsarbeiterinnen gegeben, sondern nur russische christliche Mitarbeiterinnen. Da muss man sich doch fragen, was nach den Rassegesetzen der Nazis eine russische Mitarbeiterin gewesen sein soll.

Die Kirchen haben sich an der Bundsstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" beteiligt. Das Dilemma ist, dass die Gelder des Entschädigungsfonds nur Arbeitern aus bestimmten Bereichen zugute kommen. Diejenigen, die in der Landwirtschaft oder im hauswirtschaftlichen Bereich eingesetzt waren - was viele kirchlichen Einrichtungen betraf - gehen leer aus.

Die Bundesstiftung sieht eine klares Raster vor. Diejenigen, die in der Landwirtschaft oder in der Hauswirtschaft arbeiten mussten, fallen da durch. Der Gesetzgeber war davon ausgegangen, dass etwa Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft die Möglichkeit gehabt hätten, sich besser mit Lebensmitteln zu versorgen. Das ist Nonsens. Man konnte auch auf einem Bauernhof jeden Tag durchgeprügelt werden, aber das berücksichtigt der Gesetzgeber nicht.

Was tut die Kirche gegen dieses Dilemma?

Zumindest werden die Reisen im jetzt angelaufenen Besuchsprogramm von Kirche und Diakonie finanziert. Auch Taschengelder sind in Planung. Das sind keine großen Summen, aber es ist eine Anerkennung der Tatsache, dass man sich dieser Verantwortung bewusst ist. Und es gibt Gespräche mit der Bundesstiftung, um auch diese Betroffenen zu entschädigen.

Interview: Ralf Pasch

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