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Ruf zum Gottesdienst - doch wer wird in Zukunft noch in die Kirche kommen?

Kirche in der Krise

Glauben bis zum Umfallen

Die Zahl der Kirchenmitglieder wird sich in Deutschland drastisch reduzieren. Doch die Oberen sehen keinen Grund zur Selbstkritik. Das Kommentar. 

Bis 2060 wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder hierzulande halbieren. Auch durch Weggang und sinkende Taufbereitschaft. Das sind Berechnungen im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Merkwürdig ist, dass es solche Zahlen sind, die die Bischöfe schockieren. So überraschend kommen sie ja nicht. Aber es dauert in bestimmten Kreisen offensichtlich sehr lange, bis man wissenschaftliche Erkenntnisse zur Kenntnis und erst recht zu Herzen nimmt.

Sich die Welt zurecht zu legen, wie sie nicht ist, scheint eine Spielart des Klerikalismus zu sein. Schon vor mehr als 50 Jahren legte der Soziologe Gregor Siefer dar, dass viele Priester zu „Randfiguren“ in der modernen Gesellschaft geworden, überaltert und überlastet sind, „Veränderungen einfach nicht zur Kenntnis nehmen“ und den „Verdacht genereller Inkompetenz gegenüber den Fragen der Gegenwart“ auf sich ziehen. Aber inzwischen wird klar, dass es ans Eingemachte geht, nämlich – noch einmal mit Siefer – darum, „ob sich der noch Hirte nennen kann, der keine Herde mehr zu hüten hat“.

Merkwürdig ist auch (oder auch nicht), dass sich die Bischöfe für rückläufige Mengen an Geld und Mitgliedern interessieren, nicht aber für deren wirkliche Lebensführung und Glaubensvorstellungen. Auch hierzu konnte man schon seit Jahrzehnten wissen: Die Einstellungen der katholischen Männer wie Frauen zur Sexualität weichen von der kirchenoffiziellen Linie maximal ab.

Die Glaubenslehre läuft bei der Mehrheit Gläubigen ins Leere und lässt sich mit deren Glauben nicht in Übereinstimmung bringen. Heute ignorieren schon 90 Prozent von ihnen Sonntag für Sonntag, was der Klerus „Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens“ nennt, die Eucharistiefeier. Die meisten Seelsorger beichten selbst nicht mehr, und in ihren Predigten „himmeln“ sie, obwohl auch Hölle wie Fegefeuer „heiliges Wissen“ ist, wie es im Buche – nämlich im Katechismus – steht. Inzwischen wird klar, dass die Kirche auch im Blick auf das Leben nach dem Tod nichts Eindeutiges mehr zu glauben vermag und zu sagen hat.

„Die Menschen glauben uns nicht mehr“, hat Kardinal Reinhard Marx angesichts der ungeheuerlichen und unkontrollierten sexuellen Gewaltausübung in der katholischen Kirche gesagt. Das stimmt aber nicht ganz. Die Menschen im Zentralkomitee der deutschen Katholiken glauben nämlich, dass Marx es ernst meint mit seiner Einladung, zusammen an mit den deutschen Bischöfen einen sogenannten „Synodalen Weg“ zu gehen, um so den Karren aus der Missbrauchskrise zu ziehen.

Keiner weiß momentan, was damit gemeint ist, wer da mitgehen soll und darf. Und wie verbindlich die Ziele sein werden, die noch niemand kennt. Aber im Zentralkomitee der deutschen Katholiken glaubt man bis zum Umfallen. Dort ist man sogar bereit, einen langen Anlauf zu machen, einen – so wörtlich – „Weg zum synodalen Weg“ zu gehen.

Man sieht die Bischöfe angeschlagen und wittert ihre Reformbereitschaft. Man sieht sie in Schuld und hofft darauf, mit dem Missbrauch eine andere Schande überwinden zu können: die kirchliche Missachtung der Frauen. Es „ist … eine Schande, dass die katholische Kirche in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit … immer noch nicht im Heute angekommen ist“, schrieb die namhafte katholische Wochenzeitung „Christ in der Gegenwart“ auch im Gedenken an die jüngst verstorbene Theologin und Frauenforscherin Elisabeth Gössmann („Geburtsfehler: weiblich“).

In der Hochspannung zwischen Loyalität und Komplizenschaft, in der viele Kirchenmitglieder stehen, gehen die organisierten Laien mit im Risiko, selbst missachtet und missbraucht zu werden.

Der synodale Weg wird kein leichter sein, gewiss kein Spaziergang und wohl auch keine Prozession. Vielleicht droht ein erneuter Rundweg, der nur im Kreis herum und an kein Ziel führt. Dann aber wird es bei denen auf dem Weg heißen: „Nix wie weg!“

Autor: Michael N. Ebertz 

Zur Person

Michael N. Ebertz ist Religionssoziologe und Theologe. Seit 1991 lehrt er als Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg. Ebertz gehört dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

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