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Dieter Wedel im November in Bad Hersfeld bei der Vorstellung des Festspielprogramms.

#MeToo

Kindkaiserlicher Trotz

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Der Regisseur Dieter Wedel als Symptomträger einer Deutungshoheit.

Er werde sich von jetzt an nicht mehr öffentlich äußern, ließ der Regisseur Dieter Wedel aus dem Krankenhaus die Öffentlichkeit wissen. Die Anfeindungen wegen der Vorwürfe sexueller Gewalt und Belästigung, die von verschiedenen Frauen gegen ihn erhoben wurden, hätten ein für seine Gesundheit und Familie „erträgliches Maß weit überschritten“. 

Sein Amt als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele legte der 75-Jährige (der, glaubt man dem Lebenslauf in seiner Dissertation von 1965, auch schon 78 Jahre alt sein könnte) in der vierten Spielzeit jetzt nieder. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hat. Denn in einem Fall wären die Übergriffe, die Wedel Anfang Januar im Magazin der „Zeit“ vorgeworfen wurden, doch noch nicht verjährt, da die Frist von 20 Jahren erst mit dem 30. Geburtstag des möglichen Opfers beginnt und die Betreffende damals jünger war.

Dass eine juristische Erörterung in Aussicht steht, wird die Sache nicht wirklich klären: Schuld oder Unschuld können wohl selbst vor Gericht nicht mehr bewiesen, sondern bloß noch entschieden werden, und zu gewinnen hat nur die Klägerin (nämlich unter Umständen ein Glaubwürdigkeitsattest), während der Beklagte im für ihn günstigsten Falle immer der bleiben wird, dem nichts nachzuweisen war. 

Dennoch tut die Nachricht von den Ermittlungen der #MeToo-Debatte in Deutschland gut, weil die Hoffnung besteht, dass dabei nicht nur die Frage eine Rolle spielt, ob es körperliche Verletzungen gab, sondern auch die, wer die Grenzen eines Übertritts bestimmt. Denn Wedel, dessen Ankündigung, ab jetzt zu schweigen, kindkaiserlichen Trotz signalisiert (im Gegensatz zu einer schlichten Praxis des Stillschweigens), sieht auf beruflicher Ebene ein „hartes“, das heißt: übergriffiges, aggressives, und demütigendes Verhalten gegenüber Schauspielern und Mitarbeitern, ja als durchaus angebracht, sogar künstlerisch notwendig an. 

Womit er keineswegs alleinsteht in der Theater- und Filmbranche, und das ist der größere Rahmen des Problems. Im Theaterbereich gilt psychische Grausamkeit des oder der Regieführenden als Kavaliersdelikt, mehr noch: fast als Adelsprädikat nach dem Motto, dass da eine oder einer genau wisse, was er oder sie künstlerisch wolle und es aus dem Mittelmaß des Ensembles herausmeißeln müsse wie eine Skulptur. 

Wer sich gegen eine solche Erfahrung wehrt, wie vor eineinhalb Jahren etwa der Schauspieler Shenja Lache, der seinen Vertrag am Münchner Residenztheater aus Gründen der Selbstachtung kündigte („Ich zerfleische mich schon selbst und mache mich genug kaputt für meine Rollen. Ich brauche niemanden, der mich anschreit“) steht damit in der Szene eher isoliert da – wobei es inzwischen durchaus eine Emanzipationsbewegung unter Schauspielern gibt, die sich auch auf Umgangsformen bezieht und sich in der Initiative Ensemble-Netzwerk organisiert.

Während die in den USA mit #MeToo-Vorwürfen konfrontierten Künstler und Kulturschaffenden (Harvey Weinstein, Kevin Spacey, Michael Douglas, Woody Allen) als Einzelne über eine enorme Produktions- und Bestimmungsmacht verfügen, die ihnen möglicherweise auch privat habituell geworden ist, kann Dieter Wedel als Symptomträger einer übergroßen Deutungshoheit gelten, die Regisseuren in Deutschland zugestanden wird. Gegen beides regt sich jetzt der Widerstand der Frauen und Jüngeren und zwar stellvertretend und beispielgebend für die Verhältnisse in anderen Bereichen. 

Die Frage, warum Wedel in Deutschland bisher der Einzige ist, der öffentlich angezählt wird, hat die Filmemacherin Jutta Brückner mit der Schweigespirale begründet, die die komplexen Finanzierungs- und Produktionsstrukturen in der Filmbranche hierzulande nach sich ziehen. Dass es bei uns kaum schauspielerisches Startum gibt, sondern in der Aufmerksamkeitsmaschine eben nicht das Macher-, sondern das Führerprinzip herrscht, mag hinzukommen. 

Ein weiterer Unterschied zur #MeToo-Debatte in den USA ist, dass Mensch und Werk hier stärker voneinander getrennt wahrgenommen werden und dies sogar im Falle eines Regisseurs, dessen Arbeit in Menschenführung besteht. An einen Sperrvermerk für Wedel-Filme wie „Der große Bellheim“ oder „Der König von St. Pauli“ wird wohl niemand ernsthaft denken. Denn auch das gehört zum Genieverständnis des deutschen Kulturbegriffes: dass das Werk letztlich als gegeben angesehen wird und am Ende immer noch größer als sein Schöpfer ist. Und dieser Aspekt  daran ist gut so.

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