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Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas: Kommission ruft zur Aufklärung auf

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Von: Andreas Sieler

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Der Ausstieg aus einer Glaubensgemeinschaft wie den Zeugen Jehovas ist ein großer Schritt - auch weil Betroffene selten Kontakte zur Außenwelt haben.
Der Ausstieg aus einer Glaubensgemeinschaft wie den Zeugen Jehovas ist ein großer Schritt - auch weil Betroffene selten Kontakte zur Außenwelt haben. © IMAGO/Westend61

Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bei den Zeugen Jehovas sind weltweit bekannt. Sozialpsychologe Heiner Keupp über Bemühungen für Aufklärung zu sorgen.

Herr Keupp, Ende vergangenen Jahres stand die Kommission im Austausch mit der Leitung der Zeugen Jehovas zum Thema sexueller Missbrauch. Was kam dabei heraus?

Vorweg: Es ist klar, dass wir zum Beispiel mit Vertretern der katholischen oder evangelischen Kirche inzwischen ganz anders umgehen können. Dort können wir offen und kritisch Dinge besprechen. Die dürfen auch in den Medien vorkommen. Die Zeugen Jehovas wollten hingegen nicht, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit in ein kritisches Licht gerückt wird. Das können wir ihnen aber nicht ersparen. Wir haben die Leitung gebeten, uns zu sagen, wie sie als religiöse Gemeinschaft mit Fällen sexuellen Missbrauchs, die in den eigenen Reihen auftreten können, umgehen. Dann haben wir ihnen erklärt, dass wir nach Anhörungen und Gesprächen mit Aussteigern der Zeugen Jehovas beschlossen hatten, diesen Schwerpunkt weiterzuverfolgen.

Denn es geht womöglich um eine nicht unerhebliche Größenordnung. Wobei wir das nicht genau wissen, weil die Zeugen Jehovas, bisher keine Zahlen veröffentlicht haben, wie viele Meldungen von Menschen bei ihnen eingegangen sind, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Wie viele Vorgänge der Aufarbeitung haben stattgefunden? Gibt es Meldungen, die aus der Gemeinschaft heraus an die Staatsanwaltschaft und strafrechtliche Behörden gegangen sind? Dazu gibt es keine Aussagen.

Prof. Dr. Heiner Keupp (78) ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmisbrauchs.
Prof. Dr. Heiner Keupp (78) ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmisbrauchs. © Christine Fenzl

Unabhängige Kommission untersucht sexuellen Missbrauch bei den Zeugen Jehovas

Welche konkreten Rückschlüsse auf den Umgang der Zeugen Jehovas mit sexuellem Missbrauch konnten Sie ziehen?

Sie haben ausdrücklich betont, dass das Thema ernst genommen wird. Sie haben auch auf ihre Regeln für die Leitungsorgane in den Gemeinden verwiesen, wie die damit umzugehen haben, wenn etwas gemeldet wird. Das war aber oft eingebunden in eine religiöse Sprache – letztendlich sei es dann die Aufgabe von Jehova, Dinge so zu regeln, wie es notwendig ist. Aber in der Debatte geht es immer wieder um die sogenannte Zwei-Zeugen-Regel. Die besagt, dass wenn ein Kind oder Jugendlicher eine Meldung abgibt, diese im Rahmen eines internen Verfahrens von einem Zeugen bestätigt werden muss.

Und zwar vor dem Ältestenrat, einem Gremium, dem ausschließlich Männer angehören. Das ist absurd. Wie soll ein Kind Zeugen benennen, wenn der Täter sexuellen Missbrauch nicht selbst zugibt? Es gibt in aller Regel bei Missbrauch keine Zeugen. Mittlerweile behaupten die Zeugen Jehovas, die Regel würde in dem internen Verfahren nur im Verhältnis zum Täter oder zur Täterin, nicht aber im Umgang mit den Betroffenen angewendet. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt.

Liegen Ihnen Aussagen vor, die auf eine aktuelle Anwendung der Zwei-Zeugen-Regel schließen lassen?

Ob die Regel noch angewendet wird, kann ich nicht sicher sagen, weil ich es nicht weiß. Betroffene und Aussteiger, mit denen wir gesprochen haben, sind oftmals Menschen, die Missbrauch vor 20 Jahren erlebt haben. Immer wieder melden sich Menschen höheren Alters bei uns. Irgendwann können sie ihre Geschichte nicht mehr wegpacken und wollen darüber reden. Mit manchen reden wir über die 70er, 80er und 90er Jahre – damals galt die Zwei-Zeugen-Regel auf jeden Fall. Ob sie jetzt konsequent nicht mehr angewendet wird, ist ein Streitpunkt. Das weiß von außen niemand. Außer vielleicht, es meldet sich nun jemand auf unseren Aufruf.

Vorwürfe von sexuellem Missbrauch bei den Zeugen Jehovas: Konsequenzen sind ungewiss

Was würde es denn Ihrer Meinung nach für Konsequenzen innerhalb der Zeugen Jehovas haben, wenn denn jemand des sexuellen Missbrauchs überführt würde? Mehr als einen Ausschluss?

Der oder die Betreffende würden ihre Ämter in der Gemeinschaft verlieren. Ob sie auf Dauer ausgeschlossen werden, weiß ich nicht. Ich kenne keine festgelegte Regelung. Ich glaube aber, dass die Personen innerhalb der Gemeinschaft nicht mehr die Anerkennung haben würden, wie zuvor.

Man würde den Fall aber nicht an Behörden übergeben?

Das erwarten wir bei den Kirchen. Die Zeugen Jehovas berufen sich ja auch auf das Privileg von Religionsgemeinschaften. Aber dieses Privileg bedeutet nicht, dass eine klare Straftat nicht gemeldet werden muss. Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, diese Forderung klar zu formulieren: Sie sollen uns Auskunft darüber erteilen, wie oft und ob überhaupt Mitglieder des Missbrauchs überführt worden sind und ob das den Behörden gemeldet wurde.

Hintergrund

Am Donnerstag hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs einen Aufruf gestartet: Sie hat Betroffene sowie Zeitzeug:innen sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ermutigt, sich bei der Kommission zu melden. Dies könne anonym und vertraulich geschehen.

Die Kommission beruft sich darauf, dass Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bei den Zeugen Jehovas weltweit bekannt sind und auch ihnen Fälle gemeldet wurden. „Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hat bislang keine unabhängige Aufarbeitung gestartet. Darum muss davon ausgegangen werden, dass diese Berichte heute immer noch relevant sind“, kritisiert die Kommission. Weiter heißt es in einer Mitteilung, dass es laut Schilderungen Betroffener in der Vergangenheit „spezifische Bedingungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ gegeben habe, die die Aufklärung und Aufarbeitung erschwert hätten.

Seit Jahren wird regelmäßig Kritik an der Glaubensgemeinschaft laut. Grund ist die sogenannte Zwei-Zeugen-Regel. „Innerhalb der Organisation werden Disziplinarverfahren unter anderem aufgrund von Straftaten durchgeführt“, heißt es zwar von der Kommission, doch die Regel besagt sinngemäß, dass, wenn die beschuldigte Person nicht gesteht, die Version des Opfers von mindestens einer weiteren Person bezeugt werden müsse. Im Fall des sexuellen Missbrauchs liegt das Problem auf der Hand, da die Taten in der Regel im Verborgenen geschehen. In der Folge „seien die Ältesten, also Männer, die die Gemeinden der Zeugen Jehovas leiten, angewiesen worden, die Angelegenheit in Jehovas Hände zu geben. Das habe bedeutet, dass oft nichts getan worden sei“, so die Kommission. Ob und in welchem Umfang die Regel noch angewendet wird, ist umstritten.

2016 wurde die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ins Leben gerufen. Sie besteht aus sieben Mitgliedern und untersucht sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR seit 1949. Aufgaben sind unter anderem Bedingungen aufzudecken, die sexuelle Gewalt ermöglicht haben und herauszufinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Ferner soll sie aufzeigen, was sich politisch ändern muss, um Kinder und Jugendliche besser vor Missbrauch zu schützen.

Für die Zeugen Jehovas ist nach eigener Aussage der Schutz von Kindern von größter Bedeutung und Wichtigkeit. Auf Anfrage der FR zum internen Umgang der Glaubensgemeinschaft mit sexuellem Missbrauch antworten sie: „Wenn die Ältesten der Gemeinde von einer Anschuldigung des Kindesmissbrauchs erfahren, halten sie die Gesetze zur Meldung von Kindesmissbrauch in vollem Umfang ein, unabhängig davon, wie viele Zeugen die Anschuldigung bestätigen können. Selbst wenn Älteste gesetzlich nicht verpflichtet sind, Behörden von einer Beschuldigung zu unterrichten, werden sie dies tun, wenn ein Minderjähriger der Gefahr weiteren Missbrauchs ausgesetzt ist.“ Die Zwei-Zeugen-Regel komme bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger nicht zur Anwendung.

Eine genaue Zahl, wie viele Vorwürfe sexuellen Missbrauchs zur Tatzeit Minderjähriger in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren erhoben worden sind, nennen die Zeugen Jehovas auf Anfrage nicht, sie sei jedoch „sehr gering.“ ansi

Nach Untersuchungen der Royal Commission zu sexuellem Missbrauch bei Zeugen Jehovas in Australien war die Rede von rund 1000 mutmaßlichen Tätern und 1800 Opfern – lassen sich daraus Rückschlüsse für Deutschland ziehen? Welches Dunkelfeld ist erwartbar?

Ich möchte keine Vermutungen äußern, für die ich keine Belege habe. Das Dunkelfeld ist auch bei den Kirchen ein großes Thema. Aber wir müssen dazu gute und verlässliche Zahlen bekommen. Das ist eine Forderung, die die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Richtung der Kirchen immer wieder erhebt, dass wir eine große Studie bräuchten, die auch das Dunkelfeld ausleuchtet. Diese Forderung unterstützen wir sehr. Und dies gilt für alle Institutionen, Organisationen und Religionsgemeinschaften von den Schulen, vom Sport bis zu den Freikirchen. Wir haben keine verlässlichen Aussagen. Aber es braucht ebenso eine Bereitschaft der Institutionen. Alle sind meiner Meinung nach verpflichtet zu belegen, was in ihren Kontexten geschehen ist und was sie tun, um sexuellen Missbrauch aufzuarbeiten und zu verhindern.

Mögliche Missbrauchsfälle bei den Zeugen Jehovas: Kommission ruft Betroffene auf sich zu melden

Was versprechen Sie sich von dem Aufruf der Kommission?

Die Hoffnung ist natürlich, dass Betroffene die Botschaft hören und dadurch ermutigt werden, sich bei uns zu melden. Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas sind wie hermetisch abgeschottete kleine Inseln. Das kann man auch in den Fallgeschichten auf unserem Portal (www.geschichten-die-zaehlen.de ) nachlesen. Menschen werden in die Gemeinschaft hineingeboren, darin sozialisiert, und es wird ihnen geraten, keine Kontakte zu Kindern aus Familien von außerhalb zu haben. Sie sind in einer geschlossenen Institution; Familie und Freundeskreis sind in das System eingebunden. Wer rausgeht, so hat es eine Betroffene formuliert, erleidet einen sozialen Tod. Einen Ausweg zu finden ist schwer. Daher geht der Aufruf mit der Botschaft einher: Wir werden euch unterstützen und begleiten.

Weil sie ihr soziales Umfeld hinter sich lassen müssen …

Ein weiterer Punkt ist noch wichtig, der gilt auch für die Kirchen, wenn auch nicht in gleichem Maße wie für die Zeugen Jehovas: Glaubensgemeinschaften dringen in das Innenleben von Menschen ein. Sie geben ihnen von klein auf den Kompass vor, wohin sie sich zu wenden haben, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Sie arbeiten mit Ängsten, damit sich Menschen nicht aus dem System herausbewegen. Eine Betroffene sagte: Obwohl sie lange draußen sei, habe sie noch immer ein Schuldgefühl. Man kann ihr noch so oft sagen: „Sie sind nicht daran schuld, dass Sie als Kind von einem Erwachsenen vergewaltigt wurden.“

Sie sagt dann, das wisse sie, aber sie habe ein inneres Gefühl und habe gelernt, Schuld zu übernehmen. Das bekommt sie nicht raus. Und darin sehe ich als Psychologe die Gefahr: dass die Menschen so geprägt sind von Weltsichten, die Hunderte um sie herum ihnen immer wieder bestätigt haben. Und auf einmal soll das alles nicht mehr gelten. Der Ausstieg ist ein großer Schritt und ich habe Hochachtung vor Leuten, die ihn schaffen.

Hilfsangebot

Betroffene sowie Zeitzeug:innen, die der Kommission zu sexuellem Kindesmissbrauch berichten möchten, können sich telefonisch (0800 4030040 – anonym und kostenfrei), per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. Informationen zur vertraulichen Anhörung (auch online per Video )oder zum schriftlichen Bericht sowie alles Weitere finden Sie unter: www.aufarbeitungskommission.de

Mögliche Missbrauchsfälle bei den Zeugen Jehovas: Kein Recht „Dinge für sich selbst zu regeln“

Würden Sie aus Ihren bisherigen Erfahrungen zu sexuellem Missbrauch bei den Zeugen Jehovas Handlungsempfehlungen an die Politik ableiten?

Selbstverständlich. Eine spezielle Rücksichtnahme der staatlichen Ebene gegenüber den Zeugen Jehovas wäre nicht zu akzeptieren. Wenn das so wäre, gäbe es dafür verschiedene Gründe: das Religionsprivileg, das die Zeugen Jehovas haben und natürlich ihre Geschichte, da sie im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Das gibt ihnen einen gewissen Schutzraum vor allzu kritischen Fragen. Ich denke aber, dass wir keine Unterschiede machen sollten zwischen katholischer und evangelischer Kirche, Zeugen Jehovas und anderen. Sie haben keinen Anspruch darauf, Dinge für sich selbst zu regeln und sich außerhalb zivilgesellschaftlicher Strukturen zu bewegen.

Das ist eine Botschaft, die ich auch von der Politik erwarte, dass Religionsgemeinschaften keinen Sonderstatus haben, wenn es um die Verfolgung von Verbrechen geht – und sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen. Das Recht zur Regelung interner Angelegenheiten darf nicht dazu führen, dass Kinder und Jugendliche innerhalb der Gemeinschaft nicht wirksam geschützt werden können. Der Staat hat auch ein Wächteramt und das muss er wahrnehmen. Die Grundrechte und auch die Kinderrechte, die bisher nicht im Grundgesetz verankert sind, wie ich es mir wünschen würde, sind auch hier zu sichern und zu schützen. (Interview: Andreas Sieler)

Zuletzt sorgten die Zeugen Jehovas mit ihrem Hilfsangebot vor Geflüchtete aus der Ukraine für Gesprächsstoff.

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