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Den Weihnachtsbaum im SOS-Kinderdorf Vari haben die Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam geschmückt.

Griechenland

Die Kinder der Krise

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Griechenland ist aus den Schlagzeilen verschwunden, die es seit der Beinah-Pleite 2010 immer wieder dominierte. Aber viele Familien sind in der Rezession verarmt und zerbrochen. Darunter leiden vor allem die Kinder. Ein Besuch im SOS-Kinderdorf Vari bei Athen.

Ganz hoch muss Nontas die kleine Anna heben. Erst als sie auf seinen Schultern steht, kann sie den rot glitzernden Weihnachtsstern auf die Spitze der Tanne stecken. 55 Kinder leben im SOS-Kinderdorf im Athener Vorort Vari, und fast alle sind auf den Beinen an diesem Nachmittag im Advent, um den Weihnachtsbaum vor dem Hauptgebäude des Dorfs zu schmücken. Zwei Fußballstars des Klubs AEK Athen sind gekommen und verteilen Geschenke an die Kinder, ein Fernsehteam ist auch dabei. „Das ist so ein Tag, an dem einem die Arbeit besonders viel Freude macht“ sagt Nontas Lorandos zufrieden. Er ist der Leiter des Dorfs, eine Art Bürgermeister. Er lebt dort mit seiner eigenen Familie in einem der Häuser. 

Nach acht Jahren Rezession, die ein Viertel der Wirtschaftskraft ausradierte, kommt Griechenland allmählich wieder auf die Beine. Die Wirtschaft wächst, wenn auch schwächer als erwartet. Die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, aber nur sehr langsam. Sie sind immer noch die mit Abstand höchsten in Europa: 19 Prozent der Arbeitssuchenden finden keinen Job, unter den Jugendlichen sind es sogar 37 Prozent.

„In Wirklichkeit ist die Krise noch lange nicht vorbei“, sagt Giorgos Protopapas. Er ist Direktor der vier griechischen SOS-Kinderdörfer in Athen, Thessaloniki, Alexandroupolis und Heraklion auf Kreta. „In den ersten Krisenjahren ging es für viele von Armut bedrohte kinderreiche Familien um das nackte Überleben, es ging um Obdach und Essen“, sagt Protopapas. „Damals kamen häufig Mütter zu uns, die um Hilfe baten, damit die Kinder wenigstens satt werden und im Winter nicht frieren müssen. Aber jetzt spüren wir die Langzeitfolgen der Krise: Jeder dritte Arbeitslose ist seit über vier Jahren ohne Beschäftigung, und daran zerbrechen immer mehr Familien.“

Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder. 14 Prozent der griechischen Kinder sind unterernährt, doppelt so viele wie vor Beginn der Krise, heißt es in einer Studie des Amsterdamer Transnational-Instituts. Die Nachfrage nach Plätzen in den SOS-Kinderdörfern wächst ständig. „Oft wenden sich die Gerichte oder die Sozialbehörden an uns mit der Anfrage, ob wir Kinder aufnehmen können, manchmal sind es auch die Familien selbst oder Verwandte, die Hilfe suchen“, erklärt Protopapas.

„In manchen Fällen können Eltern ihre Kinder aus finanzieller Not nicht mehr aufziehen, immer häufiger bekommen wir aber auch Kinder, die unter häuslicher Gewalt leiden oder misshandelt wurden“, ergänzt Nontas Lorandos. „Wir wollen diesen Kindern eine liebevolle Mutter und die Geborgenheit einer intakten Familie geben, um sie auf das spätere Leben vorzubereiten.“

Damit springen die griechischen Kinderdörfer dort ein, wo der Staat versagt. „In Griechenland gab es noch nie ein gut funktionierendes Netz von Sozialhilfen, und das wenige, was es gab, ist in der Krise wegen der Sparprogramme fast völlig weggebrochen“, sagt Giorgos Protopapas. „In unserem Land ist es üblich, dass man sich innerhalb der Großfamilie hilft und in der Not füreinander da ist“, erklärt Protopapas. „Das ist zwar eine sehr schöne Tradition, aber in der Krise sind viele Familien so tief in die Armut abgestürzt, dass auch dieses Netz oft nicht mehr greift.“

Die Idee der SOS-Kinderdörfer geht auf den Österreicher Herrmann Gmeiner zurück. Er gründete 1949 das erste Dorf in Imst in Tirol. Anfangs ging es dem Innsbrucker darum, verwaisten und verlassenen Kindern in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu geben. Später waren es „Sozialwaisen“, Kinder aus gescheiterten Ehen und zerrütteten Familien, die in den Kinderdörfern Aufnahme fanden. Heute gibt es weltweit rund 570 SOS-Kinderdörfer. Das Prinzip ist überall dasselbe: Jedes Kind wächst in einer familienähnlichen Umgebung auf, idealerweise mit leiblichen Geschwistern oder auch anderen Kindern. Jeweils eine „Mutter“ kümmert sich um fünf bis sechs Kinder.

In Vari gruppieren sich die zwölf Häuser des Kinderdorfs an einem Hang. Sie sind auf den ersten Blick nicht von den Häusern einer gewöhnlichen Siedlung zu unterscheiden. In einem dieser Häuser lebt Evi Mami mit „ihren“ sechs Kindern, zwei Jungs und vier Mädchen im Alter von 13 bis 17. Zwei der Mädchen, Maria und Ioanna, sind leibliche Geschwister. Seit acht Jahren lebt diese Familie nun schon zusammen – harmonisch? „Natürlich gibt es manchmal Zoff“, sagt Evi Mami. „Es ist bei uns eben wie in einer richtigen Familie“, bestätigt die 17-jährige Ioanna lachend.

Sie teilt sich mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester Maria ein Zimmer, die anderen vier Kinder haben jedes ihr eigenes Zimmer. Dort sind sie ungestört, können Schularbeiten machen oder ihren Hobbys nachgehen. Ioanna zeichnet in ihrer Freizeit, der gleichaltrige Stavros spielt Schlagzeug. Im gemeinsamen Wohnzimmer steht ein reich geschmückter Weihnachtsbaum. Vom Balkon geht der Blick auf die attische Riviera und den Saronischen Golf, der in der milden Wintersonne glitzert.

Die 48-jährige Evi Mami war ledig und arbeitslos, als sie sich 2010 um die Stelle als Mutter bewarb. „Ich lebte in Vari und kannte das Kinderdorf, die Arbeit reizte mich“, sagt die Frau. Nach einer eingehenden Prüfung und einem einmonatigen Seminar bekam sie die Stelle. „Die sechs sind mir ans Herz gewachsen“, sagt sie. „Eigene Kinder hatte ich schließlich nie.“ Zur Familie gehört auch Angelos Vardalis. Er ist Pädagoge und übernimmt zumindest stundenweise die Vaterrolle.

„Es ist wichtig, dass die Kinder nicht nur eine Mutter, sondern auch einen männlichen Ansprechpartner haben“, erklärt Angelos. „Wir wollen ihnen die Geborgenheit einer Familie bieten, ihre Talente fördern und sie zur Selbstständigkeit erziehen, damit sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“

Auf diesem Weg ist Spyridoula Chronopoulou bereits weit vorangegangen. Wir treffen die 23-Jährige im Jugendhaus, einer Dependance des SOS-Kinderdorfs im Athener Stadtteil Palaio Faliro. Hier leben 13 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Sie machen eine Berufsausbildung oder studieren. Spyridoula, die bis zu ihrem Schulabschluss in einer Familie im Kinderdorf lebte, hat bereits eine dreijährige Ausbildung zur Sozialarbeiterin absolviert, jetzt büffelt sie für ihr Diplom. „Nebenbei arbeite ich halbtags in einem Café, um mir etwas eigenes Geld zu verdienen“, sagt die 23-Jährige. 

Drei Jugendliche haben in diesem Jahr die „Stegi“, wie das Jugendhaus heißt, verlassen, nachdem sie ihre Berufsausbildung oder das Studium abgeschlossen hatten. „Wir hatten großes Glück und haben für alle einen Arbeitsplatz gefunden“, sagt Giorgos Protopapas. „Aber das wird infolge der Krise immer schwieriger“, erläutert der Leiter der SOS-Kinderdörfer. Vier von zehn arbeitssuchenden Jugendlichen in Griechenland finden keinen Job.

Spyridoula lässt sich dennoch nicht entmutigen. „Ich möchte später gern für eine Organisation wie Ärzte der Welt arbeiten, vielleicht im Ausland“, sagt Spyridoula. Die 23-Jährige ist zuversichtlich: „Ich werde es schaffen – ich muss es schaffen!“

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