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Kinder des Feindes

  • Hannes Gamillscheg
    VonHannes Gamillscheg
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Der Umgang mit deutschen Kriegsflüchtlingen nach dem Ende der Besatzung löst in Dänemark heftigen Streit aus

Schnegel hieß der kleine Junge, das stand zumindest in seiner Jacke. Seinen Vornamen wusste niemand, auch nicht, wann er geboren war. So steht nur "Kind" auf seinem Grabkreuz und der Todestag. In den letzten Kriegswochen im Frühjahr 1945 muss er nach Dänemark gekommen sein, mitgeschleppt im Flüchtlingsstrom, und dann gestorben, elternlos, namenlos. Grab und Grabstein teilt er mit anderen, so viel Platz war nicht auf Kopenhagens Friedhof West. Ekkehard, Hannelore, Christa, Hartmut, Dieter: alle gestorben in jenem Frühling, keiner mehr als zwei Jahre alt.

Gräber wie dieses machten die dänische Ärztin Kirsten Lylloff nachdenklich. Vom Schicksal der Kriegsflüchtlinge wusste sie so viel wie die meisten Dänen: fast gar nichts. Dass zu Kriegsende eine Menge Deutsche kamen, interniert und schließlich wieder zurückgeschickt wurden. Dass Dänen "Fraternisierung" verboten war. Und dass Dänemark stolz darauf sein könne, wie gut man den damaligen Feind behandelt habe, wie es bis in die achtziger Jahre in den wenigen Standardwerken hieß, die das Thema überhaupt berührten.

Was war mit den toten Kindern? Die Hobby-Historikerin begann, in Archiven zu stöbern, und was sie entdeckte, empörte sie derart, dass sie Urlaub von ihrer Oberarztstelle nahm, um "die Geschichte der Flüchtlingskinder umzuschreiben". Ihr Urteil ist hart. "Ihre Behandlung ist die größte humanitäre Katastrophe der Neuzeit in Dänemark", sagt die 63-Jährige. 13 495 Flüchtlinge sind laut offiziellen Statistiken allein 1945 in Dänemark gestorben, 7000 davon Kinder unter fünf Jahren, kaum einer von 3000 Säuglingen überlebte. Sie starben an Scharlach und Diphtherie, an Magen- und Darmstörungen, an Unterernährung und Flüssigkeitsmangel. Sie starben, sagt Lylloff, weil sie den Behörden gleichgültig waren, dänische Ärzte sie nicht behandelten. Weil sie Feinde waren. "Man tat nichts, um die Flüchtlinge umzubringen, aber man wandte den Blick ab und unterließ, ihnen zu helfen."

Lylloff hat von jüngeren Historikern viel Lob für ihre Studien erhalten, von älteren viel Tadel. Das Historische Institut der Universität hat ihre Dissertation "Kind oder Feind" angenommen, und als die Doktorandin sie öffentlich zu verteidigen hatte, füllte sie den großen Hörsaal. Denn das Thema löst auch 60 Jahre nach Kriegsende heftige Kontroversen aus. "Es ist höchste Zeit, das Bild von unserem Einsatz im Zweiten Weltkrieg zu revidieren und unserer Selbstzufriedenheit einen kritischen Spiegel vorzuhalten", sagt der Zeithistoriker Claus Bryld. "Gar nichts haben wir uns vorzuwerfen", erwidern jene, die die "verdammten Jahre" miterlebt haben, wie man die Besatzungszeit nennt. "Das war kein Kuraufenthalt, aber das sollte es auch nicht sein", sagt der Archivar Arne Gammelgaard. "Sie bekamen Schutz, ein Dach über dem Kopf, und das Essen war nicht viel schlimmer als das, was die Dänen kriegten." Viele der Deutschen seien bis heute dankbar, dass sie damals bleiben durften.

Es war Krieg, und dass Dänemark unvorbereitet vor einer gigantischen Aufgabe stand, als innerhalb weniger Wochen 250 000 Flüchtlinge über die Grenzen und in die Häfen strömten, ist nicht zu bestreiten. Erst hatte die deutsche Besatzungsmacht die Verantwortung für die vielen Menschen, dann, nach deren Kapitulation, waren die Flüchtlinge plötzlich Sache dänischer Behörden. Denen war im Trubel der Befreiung anderes wichtiger als die ungebetenen Gäste. In den für die Dänen so glücklichen Tage nach dem 5. Mai war die Todesrate in den Internierungslagern am höchsten, weil sich buchstäblich niemand um die Insassen kümmerte. Es war Krieg, "doch selbst 1945 brauchte man Kinder nicht in ungeheizten Baracken unterbringen, auf deren Zementboden das Wasser zehn Zentimeter hoch stand", sagt Kirsten Lylloff. Die dänische Ärztekammer weigerte sich, den Flüchtlingen beizustehen, das Rote Kreuz wandte sich ab. "Das ist ein düsteres Kapitel in unserer Geschichte", beklagt heute Jörgen Poulsen, der Generalsekretär der Hilfsorganisation.

An mitgebrachten Krankheiten seien die Flüchtlingskinder zugrunde gegangen, widersprechen Lylloffs Kritiker, nicht wegen Pflichtversäumnis derer, die ihnen Aufenthalt gewährten. "Babys sterben nicht im November, weil ihre Mutter im April floh, sondern aus Mangel an Fürsorge im November", erwidert die Ärztin. Schwangere Mütter kamen nach Dänemark, gebaren ihre Kinder und die Kinder starben. Die Grabsteine auf dem "Vestre Kirkegård" erzählen ihre Geschichte, sieben Kinder in einem Grab, zwischen August und Dezember 1945 geboren, zwischen 26. Februar und 2. März 1946 gestorben. 10 000 unbegleitete Kinder erreichten mit den Flüchtlingen Dänemark, 2300 von ihnen starben. Die Überlebenden wurden zwei Jahre lang in Lagern isoliert. "Man hat sie nicht als Opfer gesehen", sagt Lylloff, "sondern als Feinde."

Der Hass der Dänen auf alles Deutsche war nach fünf Jahren Besetzung verständlich, meinen viele. "Der Stacheldraht um die Lager diente in erster Linie dazu, die Insassen vor der Wut der Dänen abzuschirmen", sagt Archivar Gammelgaard. Eines der Lager lag direkt am Meer, doch kein einziges Mal durften die Kinder baden, aus Angst vor der Reaktion der Bevölkerung. Dennoch ist Lylloff überzeugt, dass das Mitleid der Dänen gesiegt hätte, wenn sie von den Schicksalen der Flüchtlinge mehr gewusst hätten. "Das waren Kinder mit tiefen Traumata, die gesehen hatten, wie ihre Eltern erschossen wurden oder nicht ahnten, wo ihre Familie war." Doch die Behörden unterbanden jeden Kontakt zur Außenwelt.

Drei Ziele habe die Flüchtlingsverwaltung verfolgt, sagt die Forscherin: die Flüchtlinge von der Bevölkerung fernzuhalten, sie in der öffentlichen Debatte totzuschweigen und zu sichern, dass ihr Lebensstandard klar niedriger war als der der Dänen. Dänische Familien hatten etwa 50 Flüchtlingskinder vor Kriegsende aufgenommen. Sie mussten in den Lagern abgeliefert werden. "Da war ein Junge, der nicht wusste, wie er hieß und nur noch dänisch sprach. Auch er musste weg," sagt Lylloff. Dass "Hass gegen die Deutschen" daran Schuld war, sieht sie darin bewiesen, dass man Balten oder Polen, die mit den Deutschen geflohen waren, besser behandelte. "Als nach der Befreiung 1500 Flüchtlinge in Krankenhäuser kamen, wählte man nicht die kränksten und nicht die kleinsten, sondern die, die nicht deutsche Staatsbürger waren." So schlimm waren die Zustände in den Lagern, dass der Berliner Senat bat, zuerst jene aus Dänemark heimzuholen, als man sich in Deutschland zur Rücknahme imstande sah.

Damals waren in Europa 20 Millionen Menschen auf der Flucht, und jene, die es nach Dänemark verschlug, hatten wohl nicht das schlechteste Los gezogen. "Man hat ihnen viel Gutes getan", behauptet Widerstands-Veteran Jørgen Kieler, "sie waren isoliert, weil man nicht wollte, dass sie sich in Dänemark integrierten, und so war es für beide Seiten am besten." Kirsten Lylloff warnt davor, "zu bagatellisieren, was mehr Menschenleben kostete als alle anderen Kriegsereignisse in Dänemark." Nur wer die Geschichte korrekt beschreibe, könne aus ihr lernen; ethnischer Hass, die bewusste Schlechterbehandlung von Flüchtlingen - "alles wiederholt sich."

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

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