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„Beteiligung ist ein wunderbares didaktisches Mittel“, so Hilgers.

Interview

„Kinder brauchen mehr Rechte“

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Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, über Beteiligung, gleiche Chancen und undankbare Erwachsene.

Heinz Hilgers, 71, ist seit 1993 der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB). Der Sozialdemokrat war von 1989 bis 1999 sowie von 2004 bis 2009 Bürgermeister der Stadt

Dormagen.

Herr Hilgers, möchten Sie heute noch mal Kind sein?
Ja. In meiner Kindheit war es sicherlich nicht einfacher als heute. Damals durften sogar Lehrer noch die Kinder schlagen. Das war weit entfernt von dem, was heute Standard sein sollte.

Es war die Nachkriegszeit.
Aber es wurde gegen Ende der 50er-Jahre materiell deutlich besser. Dabei macht es einen Unterschied, ob wie damals 90 Prozent der Menschen arm waren oder ob man wie heute zu dem ärmeren Viertel der Gesellschaft gehört. Wenn alle arm sind, dann ist das leichter zu ertragen, als immer sehen zu müssen, was andere sich leisten können. Das Gefälle ist heute sehr groß geworden.

Was ist zu tun, um die Situation von Kindern zu verbessern?
Entscheidend sind zwei Punkte. Erstens Gewalt gegen Kinder zu verhindern. Da hatten wir zuletzt eine ganze Reihe von dramatischen Fällen. Ich erinnere an die Fälle Staufen …

Damals wurde ein Junge, der unter Aufsicht des Jugendamtes stand, jahrelang missbraucht und zum Missbrauch angeboten.
… und Lügde. Wir haben steigende Zahlen von Vernachlässigung. Wenn Sie einen Säugling vernachlässigen, dann ist er schnell tot. Und dann haben wir als zweites großes Thema die wachsende oder stagnierende Kinderarmut – bei noch guter Konjunktur. Gegen beides hat der Staat noch keine wirksamen Konzepte entwickelt. Kinderrechte im Grundgesetz wären aber eine Grundlage dafür.

Heinz Hilgers.

Was schlagen Sie vor?
Um eine gute verfassungsrechtliche Grundlage für weitere Schritte zu haben, brauchen wir Schutzrechte für unsere Kinder, Förderrechte für Kinder, Beteiligungsrechte für Kinder und den Vorrang des Kindeswohls. Das sind die vier Punkte, die wir ins Grundgesetz aufnehmen müssen. Sonst macht es keinen Sinn. Alles andere ist Schau. Wir wollen da nicht nur eine Deklaration, sondern konkret diese vier Punkte. Ich höre nun, dass gerade die Beteiligungsrechte besonders umstritten sein sollen. Doch da liegt genau die Krux. Denn der missbrauchte Junge in Staufen ist nicht einmal angehört worden, weder von der Verwaltung noch von der Rechtsprechung. Das muss möglich sein, und zwar unabhängig von den Eltern.

Was würden die Beteiligungsrechte denn beinhalten?
Eine kindgerechte Justiz. Es kann nicht sein, dass ständig Urteile ohne die Anhörung von Kindern gefällt werden – etwa im Missbrauchsfall von Staufen. Beteiligung ist schließlich auch ein wunderbares didaktisches Mittel. Was Sie unter Beteiligung von Kindern erarbeiten, das geht nicht am linken Ohr rein und am rechten Ohr raus, sondern das bleibt haften. Ich habe als Bürgermeister vor vielen Jahren schon ein Kinderparlament und eine Kindersprechstunde eingeführt. Die Kinder sind viel vernünftiger als viele im Stadtrat. Und wissen Sie, was besonders schön ist?

Sagen Sie es mir.
Wenn Sie Kindern helfen konnten – etwa bei einer Verbesserung am Hallenbad oder am Sportplatz. Dann kommt eine ganze Mannschaft in die nächste Sprechstunde und bedankt sich. Das habe ich bei Erwachsenen noch nie erlebt.

Interview: Markus Decker

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