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Attacke im Hauptbahnhof Frankfurt.

Kind vor ICE gestoßen

„Die Täter sind in einem anderen Modus“

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Warum wurde in Frankfurt ein Kind vor einen ICE gestoßen? Der Psychologe Thomas Bliesener spricht über mögliche Motive und die Gefahr durch Nachahmer.

Herr Bliesener, was bringt einen Mann dazu, ein Kind vor einen einfahrenden Zug zu stoßen?
In diesem Fall können wir es noch nicht sagen. Aber von den seltenen Fällen, in denen ein Täter jemanden auf die Gleise schubst, haben wir recht viel Material. Größtenteils handelt es sich bei den Tätern um psychisch kranke Menschen, die sich im Wahn wahllos ein Opfer greifen, weil sie beispielsweise Stimmen gehört haben. In anderen bekannten Fällen handelte es sich um Beziehungstaten. Es ist auch vorgekommen, dass Raubdelikte ungeplant verlaufen sind und jemand, der sich wehrte, ins Gleisbett geschubst wurde.

Thomas Bliesener ist Psychologe und Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Die meisten haben eine natürliche Hemmschwelle, einem anderen so etwas anzutun. Was muss passieren, dass diese überschritten wird?
Die Täter sind in einem anderen Modus. Das kennen wir auch bei Körperverletzungen, in denen Waffen involviert sind. Die natürlichen Hemmungen sind außer Kraft gesetzt, der Täter ist in einem psychischen Ausnahmezustand. Er kann sich massiv bedroht fühlen und deshalb agieren oder die Tat geschieht affektiv, etwa durch einen Streit mit dem Partner oder durch andere Belastungen. Es müssen bestimmte Mechanismen auftreten. Das kann auch eine Gruppendynamik sein.

Kind in Frankfurt vor ICE gestoßen: Psychologe rechnet mit Nachahmern

Wird es Nachahmer geben?
Leider ja, Nachahmungen erleben wir immer wieder bei neuen Formen von schweren Gewalttaten. Nachahmungstäter haben die Wahnvorstellungen oft schon länger, suchen aber noch nach einem Anstoß, wie sie es machen können. Durch Nachahmungstäter könnte es passieren, dass wir das jetzt noch ein, zwei Mal erleben in nächster Zeit. Aus der Vergangenheit wissen wir aber, dass sich der Drang dann auch löst.

Wie würden sich solche Nachahmungstaten verhindern lassen?
Die Tat ist nicht besonders ausgefeilt, da ist nichts versteckt, was ein Täter sich erst erarbeiten muss. Daher ist es schwierig. Aber wir haben festgestellt, dass es weniger Nachahmer gibt, wenn sich der Täter durch die Berichterstattung nicht mit der Tat brüsten kann und er keinen Status darüber erlangt. Es hilft, den Täter nicht namentlich zu nennen, damit die Tat nicht als ruhmreich stilisiert werden kann. Das ist jetzt schon schwierig, weil so viele Details zu dem Verdächtigen bekannt sind.

Interview: Miriam Keilbach

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