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Hier haben Viren leichtes Spiel: Mehr als 8500 Bürgerkriegsflüchtlinge leben im Lager Kalinga in der kongolesischen Provinz Nordkivu.

Masern in Afrika

Killer auf leisen Sohlen

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Während alle Welt auf das Coronavirus und seine Folgen blickt, entwickelt sich im Kongo eine verheerende Masernepidemie. Der fallen vor allem Kinder zum Opfer.

Bis vor wenigen Jahren galt sie noch als aussterbende Art: Eine Krankheit, deren Schrecken der Vergangenheit angehört und deren Zukunft begrenzt oder zumindest berechenbar zu sein scheint. Masern könnten wie Polio oder Pocken bald ausgerottet werden, meinten die einen. Während andere die von ihr ausgehende Gefahr für dermaßen kalkulierbar halten, dass man sich nicht einmal mehr durch Impfung vor ihr schützen müsse.

Die Infektionskrankheit hat beide Seiten eines schlechteren belehrt. Statt sang- und klanglos auszusterben, erleben die Masernviren derzeit eine weltweite Renaissance: Die Zahl der von ihnen attackierten Menschen steigt wieder jährlich um 30 Prozent an, die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte die Infektionskrankheit Anfang vergangenen Jahres zu einer „Bedrohung der globalen Gesundheit“. In der Demokratischen Republik Kongo tobt derzeit eine Masern-Epidemie, wie sie die Welt schon lange nicht mehr erlebt hat: Innerhalb eines Jahres steckten sich weit mehr als 300 000 Menschen mit dem Virus an, mehr als 6000 Infizierte starben. 90 Prozent der Opfer waren Kinder unter fünf Jahren – ein skrupelloser Killer.

Mittlerweile hat sich die Masernepidemie auf sämtliche 26 Provinzen des Kongo ausgeweitet – einschließlich der Ituri- und Nordkivu-Provinz, wo bereits seit eineinhalb Jahren die zweitschlimmste Ebola-Epidemie der Geschichte grassiert. Während die hämorrhagische Fiebererkrankung ähnlich wie jetzt die neuartige Lungenkrankheit, die das Coronavirus überträgt, von der ganzen Welt nervös begleitet wird, breiten sich die Masern weitgehend unbemerkt aus. Obwohl inzwischen fast dreimal so viele Menschen an Masern wie an Ebola gestorben sind. „Die Lage ist alarmierend“, sagt Xavier Crespin, Gesundheitschef des Kinderhilfswerks Unicef im Kongo, und fügt hinzu, die Zahl der Masernfälle sei außer Kontrolle geraten. Dem seit dem 19. Jahrhundert bekannten „Morbillivirus“ geht die Faszination junger Viren wie Ebola und Corona offenbar ab.

Masern: Hoch ansteckend

Symptome  sind rot gefleckte Haut, Fieber und ein stark geschwächter Allgemeinzustand – bei schwerem Verlauf können Masern zu Lungen- und Hirnentzündungen oder zum Erblinden führen und sogar tödlich enden. Masern treffen vor allem junge Menschen und laufen deshalb unter dem Etikett „Kinderkrankheit“.

Eine spezifische Behandlung  der Krankheit gibt es nicht; allerdings existiert ein sehr wirksamer und günstiger Impfstoff, der Kindern ab dem zwölften Lebensmonat verabreicht werden kann. Er muss jedoch ununterbrochen gekühlt werden, was zum Beispiel in vielen Staaten Afrikas eine enorme Herausforderung ist.

Das Masernvirus  verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion über die Luft, etwa durch Speicheltröpfchen beim Husten oder Niesen. Die Krankheit ist hoch ansteckend. Seit einigen Jahren steigen die Masernfälle weltweit wieder deutlich an. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Masern deshalb im vergangenen Jahr zur Bedrohung der globalen Gesundheit erklärt. sha/jod

Ebola wütet mit einer Sterblichkeitsrate von 60 bis 70 Prozent tatsächlich in einer ganz anderen Liga. Allerdings ist das Masernvirus dafür wesentlich ansteckender. Es wird auch über die Luft, durch ausgehustete Speicheltröpfen, übertragen. Außerdem gibt es gegen Masern noch immer kein Heilmittel. Wer sich das Virus eingefangen hat, kann nur hoffen, dass sein Körper damit fertig wird. Das funktioniert bei gut ernährten Kindern in der Regel ganz gut – nur in seltenen Fällen kommt es zu Komplikationen, die Erblindung, Gehirn- oder Lungenentzündung auslösen können.

Doch wer das Pech hat, im Kongo geboren worden zu sein, kann sich auf seine körpereigenen Abwehrkräfte nicht verlassen. In dem chronischen Bürgerkriegsland ist mit 4,3 Millionen Kindern jedes zehnte Kind unterernährt: Sie verfügen unter anderem über zu wenig Vitamin A, das für den Kampf gegen das Masern-Virus entscheidend ist. In dem Land von der Größe Westeuropas haben außerdem 4,5 Millionen Menschen ihr Zuhause verloren: Sie leben oft in Flüchtlingslagern, in denen sich Infektionskrankheiten besonders schnell ausbreiten. „Gewalt und Unsicherheit, schlechter Zugang zu Gesundheitsstationen und mangelnder Impfstoff haben für Tausende von Kindern tödliche Folgen“, klagt Edouard Beigbeder, Unicef-Repräsentant in dem zentralafrikanischen Staat.

Der größte Feind des Masernvirus ist ein seit 1963 massenhaft produzierter Impfstoff. Er ist höchst wirksam, sicher und relativ preiswert: In einem Land, in dem 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, kann es zu keinen Epidemien mehr kommen. Im Kongo wird diese Quote bei weitem verfehlt, wofür erneut das marode Gesundheitssystem, die bewaffneten Konflikte vor allem im Osten des Landes sowie die Unzugänglichkeit des vom Urwald bedeckten Riesenreichs verantwortlich sind. Dass der Masern-Impfstoff ständig gekühlt werden und möglichst zweimal injiziert werden muss, erschwert die Herausforderung noch. „Unsere Teams brauchen manchmal bis zu vier Tage, um ein abgelegenes Dorf zu erreichen“, sagt Xavier Crespin: „Und wenn sie schließlich ankommen, verweigern manche, sich impfen zu lassen.“ Alles, was von außen oder der Zentralregierung kommt, wird im Kongo – oft mit guten Gründen – skeptisch betrachtet.

Auch in den Staaten der „Ersten Welt“ hat sich die Impfskepsis verbreitet. Sogenannte „Anti-Vaxxers“ halten die vorbeugende Injektion mit kleinen Virenmengen für unnötig oder sogar schädlich. Experten sind überzeugt davon, dass diese Auffassung die Masernfälle auch in den USA und Europa wieder in die Höhe treibt: Der US-Staat New York erlebte kürzlich zwei Masernepidemien, während sich die Ansteckungen in Europa in den vergangenen drei Jahren verdreifacht haben. Aus der Ukraine, wo nur ein Drittel der sechsjährigen Kinder geimpft sind, wurden fast 60 000 Masernfälle gemeldet, Dutzende Infizierte starben.

Neueste Studien ergaben, dass selbst Kinder, die eine Maserninfektion überlebten, für den Rest ihres Lebens gehandikapt sein können. Das Virus könne zu einem „Gedächtnisverlust“ des Immunsystems führen, will der US-Genetiker Stephen Elledge herausgefunden haben: Der Körper vergesse, wie er auch andere Infektionen zu bekämpfen habe. Auf diese Weise seien die Masern vermutlich für wesentlich mehr Todesfälle verantwortlich, als bisher angenommen. „Gut möglich, dass es fünfmal so viele sind“, ist der Harvard-Forscher überzeugt.

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