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Ukraine-Krieg: „Putin kann diesen Krieg nicht gewinnen“

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Von: Peter Rutkowski

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Im Ukraine-Krieg spielt die Zeit für Kiew, doch Russlands Generäle lassen sich von ihren strategischen Vorgaben auch durch Verluste nicht abbringen.

Kiew/Moskau - Der klarste wie erschreckendste Satz des Freitags, zweieinhalb Wochen seit Beginn des Ukraine-Kriegs, kam von Sergej Schoigu. Der russische Verteidigungsminister sagte: „Alles verläuft planmäßig.“ Wobei der Satz durchaus noch Raum für Interpretationen lässt. Der ehemalige Nato-Kommandierende und Ex-Bundeswehrgeneral Hans-Lothar Domröse, dieser Tage Dauergast in praktisch jeder Talkshow und in jeder Gazette, hält dem Kollegen Schoigu entgegen, in Fachkreisen würden dessen Truppen als „völlig inkompetent“ gehandelt.

Diese Kreise machen das gerne fest an dem nun bereits legendären russischen 64-Kilometer-Konvoi, gekommen aus Belarus und weit vor Kiew stehengeblieben, Tage um Tage allem Anschein nach völlig unbeweglich. Legendär ist dieser Konvoi, weil er sich nun aufgelöst hat. Wie Satellitenbilder zeigen, wurden die Kampf- und Schützenpanzer, die Artillerie-Gespanne und LKW nun in kleineren Orten und Wäldern nördlich von Kiew verteilt. Oder „zurückgezogen“, wie jene Kreise das interpretieren. Für Domröse sei dies aus russischer Perspektive ein „längst überfälliger“ Schritt, wie er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte. Denn für das ukrainische Militär habe der lange Konvoi ein einfaches Ziel dargestellt. Drohnenvideos der vergangenen Tage legen nahe, dass jede Konzentration russischer Kampffahrzeuge bei der erstbesten Gelegenheit von ukrainischen Kräften angegriffen und oft auch vernichtet wird.

Ukraine-Krieg: Konvoi aus Russland bereit zum Kampf um Kiew

Andere Fachkreise aber – durchaus nicht russland-freundliche – stimmen eher der Ansage Schoigus zu. Sie verweisen darauf, dass die Teile besagten Konvois nun in Bereitstellung gegangen sind, bereit zum Kampf um Kiew. Die Satellitenaufnahmen zeigen in der Nähe des Flughafens Antonow nun auch Haubitzen, die speziell für den Beschuss befestigter Gebiete gemacht sind. Mutmaßlich waren die bis vor kurzem noch in dem Konvoi.

Russlands Präsident Putin
Wladimir Putin hat sich den Verlauf des Ukraine-Kriegs wohl etwas anders vorgestellt. © Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

Jene eher pessimistischen Kreise belegen ihre Sichtweise mit der wohl dokumentierten russischen Militärdoktrin – beispielsweise dargestellt in „The Russian Way of War“ vom US-Strategielehrer Lester Grau –, die da besagt, dass man langsam und methodisch seine Angriffsoperationen aufbaut. Und sich vor allem nicht durch Verluste beirren lässt. Anders gesagt: Im Kalkül russischer Generäle sind Verluste an Menschen (und Material) akzeptabel, die im Westen zu einer Regierungskrise führen würden.

Ukraine-Krieg: Widerstand gegen Russland ist ungebrochen

Gleichwohl ist anzuerkennen, dass der ukrainische Widerstand weiterhin ungebrochen ist. Finanz-, Militär- und zivile Hilfe rollt, weitere Sanktionen gegen Russland stehen an, lokale Erfolge gibt es zuhauf: In Tschernihiw und vor Charkiw konnten russische Einheiten zurückgeschlagen werden. Und wenn Tauwetter einsetzt, verwandelt sich die Ukraine in ein Schlammbad, was praktisch das Ende aller gepanzerten Aktionen wäre. Der Krieg würde dann bald in Monaten gezählt und nicht mehr in Wochen.

Dass es aber für Moskau wirklich nicht so „planmäßig“ läuft, wie das Minister Schoigu meint, zeigt seine fantastisch anmutende Behauptung nach einer Empfehlung von Präsident Wladimir Putin: Demnach sollen sich bereits mehr als 16.000 Freiwillige gemeldet haben, die für die „Befreiungsbewegung“ des Donbass kämpfen wollten. Die weltweit geteilten Meldungen aus Kiew über immer mehr Freiwillige für die „Internationale Legion“ der Ukraine nerven den Kreml – das steht wohl außer Zweifel. Erinnert es doch zu sehr an die „Internationalen Brigaden“, die 1936 gegen die Faschisten in Spanien kämpften.

Ukraine-Krieg: „Putin kann diesen Krieg nicht gewinnen“

Selbst ein Erfolg wie in der Stadt Wolnowacha, wo vor dem Krieg rund 20.000 Menschen lebten, verfehlt seine propagandistische Wirkung. In der Nacht zu Freitag sollen Einheiten der Donbass-Separatisten sie eingenommen haben. Experte Domröse aber verweist darauf, dass zuvor russische Truppen Wolnowacha elf Tagen lang belagerten, also fast seit Beginn des Krieges.

Vieles, was Fachleute vor dem Krieg dazu verleitete, die russische Armee als unschlagbar anzusehen, scheint in der Ukraine auf eine harte Probe gestellt: Domröse erkennt massive Versorgungsengpässe und extrem mangelhafte Kommunikation. Die Geländegewinne bleiben gering und die Zeit ist weiter auf der Seite Kiews. „Zwei Wochen nach Beginn der Angriffe ist klar, dass Putin diesen Krieg nicht gewinnen kann“, so seine Bilanz. (mit dpa/rnd)

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