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Demonstrantinnen in Khartum fordern am Sonntag die Machtübergabe an eine Zivilregierung.

Sudan

In Khartum fallen wieder Schüsse

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Schwere Ausschreitungen erschüttern erneut den Sudan. Die Militärjunta gibt der Opposition die Schuld an der Eskalation.

Im Sudan ist es zu einem erneuten Machtkampf zwischen den Militärherrschern und der Bevölkerung gekommen, nachdem die Opposition für Sonntag zu Massendemonstrationen sowohl in der Hauptstadt Khartum wie in zahlreichen anderen Städten des Landes aufgerufen hatte. Hunderttausende Demonstranten versammelten sich am Sonntag in Khartums Straßen – ungeachtet der Präsenz Tausender Milizionäre, Polizisten und Soldaten, die in Kolonnen von Pick-ups Position bezogen hatten. Die Demonstranten zogen durch Khartum, um immer wieder vor den Häusern der „Märtyrer“ zu verharren, die während der Proteste ums Leben gekommen waren. Am späten Nachmittag wollten sie dann zum Präsidentenpalast marschieren.

Bereits kurz nach Beginn der Großkundgebungen kam es in Khartums Stadtteil Arkaweet zu einem ersten Zwischenfall, als Milizionäre der berüchtigten Rapid Support Forces (RSF) das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffneten. Ein junger Mann wurde nach Berichten von Augenzeugen am Kopf getroffen. In der Provinzstadt Atbara kam ein Demonstrant durch einen Schuss in die Brust ums Leben.

Die Militärherrscher hatten die Opposition bereits im Vorfeld für sämtliche Schäden und Opfer verantwortlich gemacht, die die Proteste mit sich bringen könnten. Der starke Mann der Militärs, General Mohamed Hamdan Dagalo – alias Hemiti – , warf vermeintlichen „Vandalen“ vor, mit einer „heimlichen Agenda“ aus den Kundgebungen Kapital schlagen zu wollen.

Schon im Vorfeld der neuen Demonstrationen war es zu mehreren Übergriffen der Militärregierung gekommen. Am Samstag verhinderten Mitglieder der RSF-Miliz eine Pressekonferenz der oppositionellen Sudanesischen Berufsvereinigung (SPA) und durchsuchten deren Büros. Im Khartumer Stadtteil Shambhat lösten Milizionäre ein Vorbereitungstreffen der Opposition auf und verhafteten den Gastgeber. Zwei weitere führende Oppositionsmitglieder wurden am Samstag festgenommen. Schließlich lässt der militärische Übergangsrat (TMC) bereits seit Wochen das Internet sowie das Mobilfunknetz blockieren, um die Organisation von Protesten zu erschweren.

Bei den Massendemonstrationen anlässlich des 30. Jahrestages der Machtübernahme des im April seines Amtes enthobenen Militärherrschers Omar al-Baschir handelt es sich um die ersten großen Kundgebungen seit der gewalttätigen Räumung der „Revolutionsmeile“ vor dem Hauptquartier der Streitkräfte in Khartum am 3. Juni. Dabei waren mehr als 120 Menschen ums Leben gekommen. Mitglieder der von Hemiti kommandierten RSF-Miliz erschossen während der Räumung des Sit-Ins Dutzende von Menschen und warfen deren Leichen teilweise in den Nil. Außerdem vergewaltigten sie zahlreiche Frauen und Mädchen und verprügelten wehrlose Verkehrsteilnehmer auf den Straßen. Die Vorfälle führten zum Kollaps der Verhandlungen zwischen den Militärherrschern und der Opposition um die Bildung einer Zivilregierung.

Inzwischen vermitteln Abgesandte des regionalen Staatenbunds Igad und der Afrikanischen Union (AU) in dem Konflikt zwischen Militärherrschern und Vertretern der Bevölkerung. Ein Vorschlag des äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed zur Bildung eines „Souveränen Rats“, der eine Mehrheit von Zivilisten vorsah, wurde vom Militärrat abgelehnt. Ein revidierter Vorschlag, der sieben Militärs und sieben Zivilisten sowie ein unabhängiges Mitglied anvisiert, steht derzeit zur Debatte.

Auch in zahlreichen Städten außerhalb des Landes kam es am Sonntag zu Solidaritätskundgebungen für die sudanesische Opposition. In der saudischen Hauptstadt Riad drangen Demonstranten in die sudanesische Botschaft ein. Die absolutistische Monarchie gilt als mächtigster Verbündeter der sudanesischen Militärherrscher, die zur Unterstützung der Saudis rund 10 000 Soldaten in den Bürgerkrieg im Jemen schickten. Im Gegenzug unterstützt Riad die sudanesischen Militärs mit Milliarden US-Dollar.

Nach Auffassung des Khartumer Politologen Salah Aldoma wird sich in den kommenden Tagen das Schicksal des Landes entscheiden. „Der Sudan befindet sich in einer entscheidenden Phase“, sagte der Politologe.

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