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Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert (Mitte) spricht zu Beginn einer Mitgliederversammlung der SPD-Friedenau zu den Medienvertretern.

Porträt

Kevin Kühnert mit glasklarer Haltung

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Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert ist für die Gegner der großen Koalition eine wichtige Identifikationsfigur.

Freundlich und frech: Kevin Kühnert kann beides. Und er kann beides gleichzeitig.

„Die Welt schaut auf Bonn“, hat Außenminister Sigmar Gabriel die Sozialdemokraten gemahnt, die dort auf ihrem Parteitag am Sonntag entscheiden, ob die Partei mit der Union nach den Sondierungen Koalitionsverhandlungen aufnehmen soll. Damit schaut die Welt auch und gerade auf Kühnert, den 28 Jahre alten Jungsozialisten aus Berlin. Der Juso-Chef ist zurzeit der wichtigste Gegenspieler von Parteichef Martin Schulz, Gabriel und allen anderen Befürwortern der großen Koalition.

Dass Kühnert diese Rolle zukommt, ist kein Zufall. Denn der Student der Politikwissenschaft ist ein Naturtalent, was den politischen Auftritt angeht. Das hat er bereits an seinem ersten Tag als Juso-Chef bewiesen, dem 24. November 2017. Das war der Freitag am Ende jener Woche, in der SPD-Chef Schulz und sein Parteivorstand nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen erst die große Koalition rasch und kategorisch ausgeschlossen hatten. Um einige Tage später – nach Druck aus der Fraktion und vom Bundespräsidenten – dann doch Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

Kühnert bezieht klar Stellung

In dieser Situation musste Schulz zum Juso-Bundeskongress in Saarbrücken reisen. Er mahnte die Jusos, es müsse darum gehen auszuloten, wie die SPD für die Menschen im Land etwas erreichen könne. Kühnert, gerade erst frisch zum Nachfolger der bisherigen Juso-Chefin Johanna Uekermann gewählt, schenkte dem erkälteten Schulz nach dessen Rede eine Tüte Kräuterbonbons. Dann lobte er: „Der Martin hat gerade etwas ganz Richtiges gesagt.“ Das bezog sich darauf, dass Schulz gerade sinngemäß erklärt hatte, Schuld an der verworrenen Lage in Deutschland seien die anderen Parteien, nur eben nicht die SPD. Und es war eben nett und keck zugleich, weil es ja auch ein bisschen so klang, als würde ein Grundschulpädagoge über eines der Kinder in seiner Klasse sprechen.

Der 28-Jährige ist keiner, der ein übermäßiges Maß an Aggressivität walten lassen würde. Aber klar Stellung beziehen, das kann er gut. Und so wandte er sich noch mal direkt an den Parteivorsitzenden. „Du hast uns angesprochen als die Generation, die künftig in dieser Partei Verantwortung übernehmen wird.“ Das wollten die Jusos gern tun, sagte Kühnert. „Ich hätte aber auch gern, dass von dieser Partei dann noch etwas übrig ist, das wir miteinander gestalten können“, rief er laut ins Mikrofon. Und er mache sich ernsthaft Sorgen darüber, ob das wirklich der Fall sein werde. Die Jusos seien der festen Überzeugung: „Groko ist ganz großer Mist.“ Großer Jubel im Saal.

Ein gelungener Auftritt beim SPD-Parteitag im Dezember machte Kühnert endgültig zu einer festen Größe im Kampf gegen die große Koalition. Er ist in diesen Wochen der Entscheidung eine Identifikationsfigur für Gegner der großen Koalition in der SPD, weit über die Jusos hinaus. Eine beachtliche Leistung.

Denn eigentlich hat die Jugendorganisation in der SPD ja sonst eher die Funktion einer linken WG, über deren Lärm sich ältere und gesetztere Bewohner des sozialdemokratischen Hauses schon mal beschweren. Doch diesmal verleihen die Jusos und allen voran Kühnert eben einem Gefühl Ausdruck, das in der Partei sehr weit verbreitet ist, unabhängig davon, wie der Parteitag sich am Ende entscheidet. Es ist das Gefühl: Es reicht! Bloß nicht vier weitere Jahre mit der Union!

Kühnert steht als Gegenspieler von Schulz nicht für einen Generationenkonflikt in der SPD. Es geht um den Konflikt zwischen denen, die glauben, die SPD sei aus staatspolitischen Gründen in der Pflicht zu regieren und würde im Fall der Weigerung bei Neuwahlen noch tiefer stürzen. Und denen, die überzeugt sind, dass eine dritte große Koalition unter Merkel die SPD sogar das Überleben kosten könnte.

Die Rolle, die Kühnert nun in der Debatte über die große Koalition übernommen hat, kann er nur deshalb so erfolgreich ausfüllen, weil er klug und redegewandt ist, aber auch kein Grübler. Er macht sich keinen Kopf darüber, auf einem Landesparteitag vor den Delegierten mit seinem Standpunkt gegen Außenminister Sigmar Gabriel anzutreten, einen der besten politischen Rhetorikkünstler des Landes. Und: Falls er sich im Geheimen doch schon mal Sorgen darüber machen sollte, was eigentlich passiert, falls er auf dem Parteitag tatsächlich die Mehrheit für den Kurs gegen die große Koalition erhält, verbirgt er es gut. Kevin Kühnert macht es nicht sichtlich nervös, womöglich eine Regierungsbildung zum Scheitern zu bringen.

Immer vorausgesetzt, dass nicht die dramatischsten Befürchtungen zur Zukunft der SPD eintreffen: Wird Kevin Kühnert in 10, 15 oder 20 Jahren ein wichtiger Mann in der SPD sein? Er wäre jedenfalls nicht der erste Juso-Vorsitzende, der später Karriere macht. Die langjährige Juso-Chefin Andrea Nahles ist heute Fraktionschefin im Bundestag und kämpft für die große Koalition. Ein gewisser Gerhard Schröder wurde im Jahr 1998 sogar Bundeskanzler.

Kein Streit um Nachkommastellen mit Andrea Nahles

Andrea Nahles ist wenig begeistert vom großen Widerhall, den Kühnert mit seinen Auftritten derzeit in der SPD und in der Öffentlichkeit findet. Beim Landesparteitag in Sachsen-Anhalt knöpfte Kühnert sich am Rednerpult unter anderem die Einigung der Sondierer zum Thema Rente vor, in der er eine „Scheineinigung“ sieht, die nicht viel bringe. Die frühere Arbeitsministerin wirft ihm jetzt vor, das sei „schlicht falsch“. Der Juso-Chef reagiert gelassen. Er streitet sich mit Nahles nicht über ein paar Nachkommastellen beim Rentenniveau oder Details der geplanten Grundrente. Da wäre ihm Nahles überlegen. Aber er hält an seiner Kritik fest, dass das Sondierungsergebnis bei der Rente kein großer Wurf sei.

Und was ist mit Gerhard Schröder? Ihm hat Kühnert jetzt schon etwas voraus: So wichtig wie der aktuelle Juso-Chef in diesen Tagen war Schröder als Vorsitzender der Jugendorganisation nie. Und: Schröder mag als Juso-Vorsitzender frech gewesen sein. Dass er dabei auch noch freundlich gewesen wäre, ist zumindest nicht überliefert.

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