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Kevin Kühnert.

Jusos

Der Kevin, der kann

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Kevin Kühnert ist der mächtigste Juso-Chef der Parteigeschichte. Ein Porträt

Kevin Kühnert wurde vor einem Jahr durch die Kampagne der Jusos gegen die große Koalition zum politischen Popstar. Heute ist der 29-Jährige der bekannteste Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation seit Andrea Nahles – und der mächtigste, den es in diesem Amt je gab. Denn wenn Kühnert etwas sagt oder auch nur twittert, löst das etwas aus in der SPD. Der Juso-Chef kann so auch Erschütterungen in der Koalition auslösen. Das hat er nicht zuletzt bewiesen, als er für eine Ablösung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen trommelte.

Viele in der SPD-Bundestagsfraktion bemängeln, Kühnert nehme zu wenig Rücksicht darauf, dass das, was er tue, Folgen habe. Er solle sich doch jenseits von plakativen Anti-Groko-Kampagnen lieber stärker auf die Juso-Tradition inhaltlich-konzeptioneller Arbeit konzentrieren. Es ist die implizite Ansage: Es wäre schöner, Kühnert würde einfach nur im Juso-Sandkasten spielen. Und wenn er ihn schon verlasse, dann doch bitte um Brücken zu schlagen zwischen Jusos und Abgeordneten, Regierungspolitikern und Parteispitze.

Es sagt etwas aus über die Wirkungskraft des Juso-Vorsitzenden, dass es – anders als bei Parteichefin Andrea Nahles – schwierig ist, jemanden zu finden, der die Kritik auch offen äußert. Selbst Rudolf Scharping, als ehemaliger Parteichef und Pensionär frei in seinen Äußerungen, drückt es vorsichtig aus. „Der Medienwandel und die Allgegenwärtigkeit der Echtzeit-Nachrichten haben dazu geführt, dass schon Halbsätze und Twitternachrichten eine große Dynamik entfalten können“, sagt Scharping. „Ein Juso-Vorsitzender muss diese Wirkmacht bedenken und nicht nur die eigene Motivation, sondern immer auch die Folgen seines Agierens für die Partei im Blick haben.“

Kühnert – der als Redner zwar für eindeutige Worte, aber auch für ein konziliantes Auftreten bekannt ist – stellt sich selbst in dieser Frage übrigens ein gutes Zeugnis aus. „Ich musste mich von Beginn an daran gewöhnen, dass das, was ich sage, auch sitzen muss“, sagt er. „Ich kann es mir nicht erlauben, etwas einfach so dahinzusagen.“ Das sei ihm sehr bewusst.

Sein Verhältnis zu Parteichefin Andrea Nahles, so sagt er weiter, stehe nach einem Jahr auf stabilen Füßen. „Wir hatten sehr schwierige Phasen, bei denen Funkstille hätte eintreten können“, gibt Kühnert zu. Das sei aber nicht passiert, weil es wechselseitig eine große Toleranz gebe und Nahles die Jusos gut kenne. „Wir beziehen uns gegenseitig in Dinge ein, wo wir das nicht tun müssten – einfach, weil es besser für beide Seiten ist“, sagt er. „Ich will keine streitfreie Zusammenarbeit, aber eine konstruktive.“ Es sind Worte eines Juso-Chefs, der sich auf Augenhöhe mit der Parteichefin sieht.

Kühnert hat die Niederlage der Groko-Gegner im SPD-Mitgliederentscheid akzeptiert. Aber er weiß auch, dass sich seit Beginn des Bündnisses einiges geändert hat – und noch ändern wird. Die Kandidaten für den Vorsitz der Union lieferten sich „gegenseitig einen konservativen Überbietungswettbewerb“, sagt er. Das werde den Gewinner unter Druck setzen, zu liefern. „Die SPD muss dann schnell herausfinden, ob sich das noch auf dem Boden des Koalitionsvertrags bewegt“, sagt er. „Die Frage nach der Zukunft der Koalition käme dann automatisch auf die Tagesordnung.“

Wie stark Kühnert mittlerweile in die Partei hineinwirkt, hat sich kürzlich auch in Heuchelheim, einer Kleinstadt in Mittelhessen, gezeigt – und das, obwohl er gar nicht dort war. Andrea Nahles war in den letzten Tagen vor der hessischen Landtagswahl dorthin gekommen, um Mitglieder und Wähler zu mobilisieren. Doch an diesem Abend in der Turnhalle, wo es nach Schweiß, Bier und Parfüm roch, sagten viele Genossen, wenn man sie gefragt hat, nur: „Parteivorsitz? Der Kevin Kühnert könnte das.“

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