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Grabplatten, aufgenommen auf Deutschlands größter Kriegsgräberstätte im brandenburgischen Halbe (Foto vom 8. September 2003). Im Kessel von Halbe kamen 1945 rund 120.000 Menschen ums Leben, meist junge Soldaten im Alter von 20 Jahren. Auch Opfer aus dem Lager des Sowjetischer Geheimdienstes (NKWD) Ketschendorf liegen in Halbe begraben.
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Grabplatten, aufgenommen auf Deutschlands größter Kriegsgräberstätte im brandenburgischen Halbe (Foto vom 8. September 2003). Im Kessel von Halbe kamen 1945 rund 120.000 Menschen ums Leben, meist junge Soldaten im Alter von 20 Jahren. Auch Opfer aus dem Lager des Sowjetischer Geheimdienstes (NKWD) Ketschendorf liegen in Halbe begraben.

"Kessel von Halbe" brachte Zehntausenden Tod und Verderben

Statt ein Kapitulationsangebot der Sowjets anzunehmen, befolgt General Theodor Busse Hitlers Befehl, aus dem Kessel auszubrechenMehr als 22.000 deutsche Soldaten liegen hier, rund 30 Kilometer südöstlich von Berlin, begraben. Sie kamen in einer der mörderischsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, im "Kessel von Halbe", ums Leben. Wie viele Menschen im Kessel von Halbe ums Leben kamen, wird nie mehr festzustellen sein; Schätzungen gehen von mehr als 40.000 aus.

Von ROLAND BAHLBURG (HALBE, DPA)

Unter licht aufragenden Kiefern und Birken ziehen sich lange Reihen flacher Steinplatten über den Waldboden hin. Mehr als 22.000 deutsche Soldaten liegen hier, rund 30 Kilometer südöstlich von Berlin, begraben. Sie kamen in einer mörderischen Schlacht zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im "Kessel von Halbe", ums Leben.

Inschriften auf den Steinen lauten häufig "Unbekannter Kriegstoter April 1945" oder auch nur lapidar "Reihe 11". Und immer wieder findet sich 1928 als Geburtsjahr der Toten: Während der letzten Kriegstage zogen noch viele 16- und 17-Jährige für den in der Reichshauptstadt bedrängten "Führer" in den aussichtslosen Abwehrkampf gegen die erdrückend überlegene, vorrückende Rote Armee.

In der Nacht vom 23. zum 24. April 1945 gelingt es der 1. Weißrussischen Front und 1. Ukrainischen Front die 9. Armee unter General Theodor Busse und 4. Panzerarmee einzuschließen - ungefähr 200.000 Mann. Der Ring reicht dabei in Ost-West-Richtung von Müllrose bis Halbe und in Nord-Süd-Richtung von Fürstenwalde bis Lübben am Rand des Spreewaldes.

Statt ein Kapitulationsangebot der Sowjets anzunehmen, befolgt Busse Hitlers Befehl, aus dem Kessel auszubrechen. Ein grauenvolles Gemetzel ist die Folge. Wie viele Menschen im Kessel von Halbe ums Leben kamen, wird nie mehr festzustellen sein; Schätzungen gehen von mehr als 40.000 aus. Sie wurden zumeist an Ort und Stelle begraben: in Gärten, Wäldern und auf Feldern. "Hier gibt es nicht ein Grundstück, wo keine Toten lagen", erzählt die Pfarrerin von Märkisch-Buchholz, Erdmute Labes. Die 61-Jährige engagiert sich im Friedhofsbeirat für die Anlage in Halbe.

1951 begann auf das unermüdliche Drängen des Pfarrers Ernst Teichmann (1906-1983) der Bau des "Zentralfriedhofs Halbe", auf dem die verstreut liegenden Gräber vereinigt werden sollten; 1960 wurde das sieben Hektar große Gelände eingeweiht. Auf ihm fanden sowohl einfache Wehrmachtssoldaten und Hitlerjungen als auch Angehörige der Waffen-SS, osteuropäische Zwangsarbeiter, Einwohner der Region, Flüchtlinge und Insassen des Internierungslagers Ketschendorf ihre letzte Ruhestätte.

Immer noch werden Gebeine entdeckt

Auch 60 Jahre nach Kriegsende nehmen die Umbettungen kein Ende. Insbesondere Bauarbeiten fördern immer wieder die Gebeine von Kriegsopfern zutage. Am 14. April würden wieder die sterblichen Überreste von rund 30 Soldaten in einer Einbettungsfeier beigesetzt, sagt Labes. Dabei falle die Identifizierung der Toten immer schwerer und sei oft unmöglich. "Die Zeit arbeitet gegen uns." Jährlich suchen nach Angaben der Pfarrerin 4000 bis 5000 Angehörige die Gräber auf. Für Familien sei die Ungewissheit über das Schicksal Verschollener etwas Schreckliches.

"Trauer braucht Orte." Für den 30. April dieses Jahres ist eine Gedenkveranstaltung vor den drei steinernen Mahnkreuzen des Friedhofs in Halbe geplant. Labes hofft auf die Teilnahme der beiden leitenden Bischöfe der Evangelischen und Katholischen Kirche, Wolfgang Huber und Kardinal Karl Lehmann, des russischen Metropoliten und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Erwartet werde auch Bundesverteidigungsminister Peter Struck (beide SPD).

Neonazis tauchen zum "Heldengedenken" auf

Zum Leidwesen der Verantwortlichen für den Friedhof haben nach der Wende 1989 auch Rechtsextremisten Halbe als Wallfahrtsstätte für sich entdeckt. Seit geraumer Zeit marschieren sie jährlich am Samstag vor dem Volkstrauertag zum "Heldengedenken" auf - und haben schon Kundgebungen bis 2020 angemeldet. Die Pfarrerin unterstützt deshalb die Forderung von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) nach einem Versammlungsverbot an dem symbolträchtigen Ort.

Dass die Neonazis dann anderswohin ausweichen, befürchtet sie nicht. "Einen Friedhof mit der Brisanz von Halbe finden sie nicht." Und dass die Ereignisse vor 60 Jahren nichts Heroisches hatten, stellte schon der Geistliche Ernst Teichmann fest, als er zu den Toten bemerkte: "Es sind keine Helden, es sind Männer, die nur nach Hause wollten!"

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