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Der Wahlkampfredner Martin Schulz klingt oft wie ein Lehrer für Politik und europäische Geschichte.

Martin Schulz

Keiner, der unbedingt Kanzler sein muss

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Leidenschaftlicher Europäer, disziplinierter Wahlkämpfer, besessener Bücherfreund: Martin Schulz inszeniert sich als das, was er ist.

Gerade hat Martin Schulz eine kurze Geschichtsstunde begonnen. Der SPD-Kanzlerkandidat erzählt vor mehr als 1000 Zuhörern auf dem Marktplatz von Peine eine Begebenheit mit dem Vater des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Plötzlich läutet es mitten in der Lektion – laut und eindringlich.

Worum geht es? Schulz hat während seiner Zeit als Europapolitiker eng mit dem Luxemburger Juncker zusammengearbeitet. Dessen Vater sei im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen für die Wehrmacht zwangsrekrutiert worden, erzählt Schulz bei der Wahlkampfkundgebung in der niedersächsischen Kleinstadt. Dennoch habe Junckers Vater gesagt: „Ja, ich will die Versöhnung mit den Deutschen.“ Schulz empfindet mit feierlicher Stimme die Worte des Mannes nach: „Wir werden nie Frieden auf diesem Kontinent haben, wenn …“ Bevor er den Satz zu Ende bringen kann, öffnet sich im Turm des Alten Rathauses ein Türchen. Die Figur eines Trompeters erscheint, eine Fanfare erklingt. „Genau“, sagt Schulz, schaut aber verdutzt aus. Der SPD-Kanzlerkandidat setzt ein-, zweimal dazu an weiterzureden. Dann erst erkennt er, dass die Fanfare um diese Uhrzeit ein mehrminütiges Glockenspiel einleitet. Der krönende Abschluss: „Muss I denn, muss I denn zum Städele hinaus.“

Es ist das Jahr der Überraschungen für Martin Schulz. Erst tritt Sigmar Gabriel, nach mehr als sieben Jahren als Parteichef, den SPD-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur an den Europapolitiker aus dem rheinischen Würselen ab. Dann klettern die Zustimmungswerte für die SPD in ungeahnte Höhen. In den Wochen des Schulz-Hypes wird er schon „der Messias“, „der Gottkanzler“ oder, von der damaligen SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, „unser George Clooney von der SPD“ genannt. Bis der Absturz folgt: drei verlorene Landtagswahlen. Und die unendliche Geschichte vom Umfragetief.

Was treibt Schulz an? Wer ihn in den vergangenen Monaten begleitet hat, kann zu dem Ergebnis kommen: Schulz ist zwar ein Spitzenpolitiker, aber seinem Wesen nach ist er ein Lehrer, obwohl er diesen Beruf nie erlernt hat. In seinem Auftreten erinnert Schulz an einen von seinem Thema beseelten Geschichts- oder Politikpädagogen, der nichts lieber tut, als über die Vorzüge eines demokratischen Europas zu sprechen. Über Respekt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Namen Marcel Scorpion, Nihan, MrWissen2go und ItsColeslaw waren Schulz bis vor Kurzem kein Begriff. Als sich Schulz von den Stars auf dem Internetportal YouTube interviewen lässt, sagt der SPD-Politiker, er habe natürlich keine Zeit, sich ständig YouTube-Videos anzuschauen oder über neue Videospiele zu informieren. Aber gelegentlich tue er es, um ein „Feeling“ zu entwickeln. „Dadurch kapiere ich natürlich auch, dass mein Lebensgefühl eines 61-jährigen Mannes nicht das Lebensgefühl einer, sagen wir mal, 22- oder 24-jährigen jungen Frau ist“, sagt Schulz. „Das heißt aber nicht, dass ein 61-Jähriger Mann nicht Feeling aufnehmen kann.“

Einen der Interviewer fragt er, ob er wisse, wie Angela Merkel bei der Abstimmung zur Ehe für alle votiert habe. Schulz freut sich, dass dieser über das Nein der Kanzlerin Bescheid weiß. Als der SPD-Chef an anderer Stelle ein wenig langatmig über den Weg zu einer erfolgreichen Integration spricht, entgegnet ihm Nihan Sen, eine junge Frau mit türkischen Wurzeln: „Also Sie meinen, Gemeinsamkeiten vertiefen.“ Und Schulz? „Das haben Sie jetzt ja besser zusammengefasst als ich“, lobt er die 26-Jährige, die Videos wie „Fünf Dinge, die Mädchen an Jungs lieben“ veröffentlicht.

Die Chemie zwischen Schulz und Nihan stimmt. Die 26-Jährige versucht, die entspannte Gesprächsatmosphäre zu nutzen. „Was war der größte Mist, den Sie als Jugendlicher gebaut haben?“ Das könne er nicht erzählen, entgegnet Schulz und schildert dafür „den zweitgrößten Mist“. „Ich hab’ mal in einer durchzechten Nacht“, sagt Schulz – und bricht den Satz unter Lachen ab. Dann fährt er fort: „Ich hab’ ein Paket Waschpulver ins Freibad geschüttet.“

Schulz wirkt hier wie ein Lehrer, der seinen Schülern sagen will: „Ich bin einer von euch. Ich habe mir früher auch manches geleistet.“ Einige der YouTube-Interviewer sagen hinterher, Schulz sei nahbarer gewesen als die Kanzlerin. Was aber, fügen sie hinzu, nicht heißen müsse, dass er der bessere Kanzler sei. Schulz wiederum lässt es sich nicht nehmen, nach der Sendung mit breitem Lächeln ein Selfie mit den jungen Gesprächspartnern zu schießen.

Woher kommt der Lehrauftrag, den Schulz in der Politik erfüllen möchte? Sein Vater war Polizist, seine Mutter Hausfrau. Sie war in der CDU, der Vater stammte aus einer sozialdemokratisch orientierten Familie. Schulz ist das jüngste von fünf Kindern. Er winkt ab, wenn er hört, dass seine Schwester Doris Harst sagt: „Der ist erst mal total verwöhnt worden.“ In der politisierten Familie lernte der Kleinste jedenfalls auch, sich bei Diskussionen am Küchentisch zu behaupten. Schulz vernachlässigte die Schule, weil er lieber Fußballprofi werden wollte. Er spielte gut, aber nicht gut genug. Am Ende hat er das Gymnasium vorzeitig verlassen. Den Sport musste er wegen einer Verletzung aufgeben. Schulz verfiel dem Alkohol, befreite sich aber mit Hilfe von Freunden und Familie aus der Sucht. Mit nur 31 Jahren wurde er Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen. Später brachte er es bis zum Präsidenten des Europaparlaments.

All das ist wahr. Zugleich ist es Teil der Selbstinszenierung von Schulz als bürgernahem Politiker, als Mann aus der Kleinstadt, der das Leben in all seinen Höhen und Tiefen kennt. Der Kern des Politikers Martin Schulz liegt tatsächlich in seiner Heimat. Im Dreiländereck – dort, wo Deutschland, Belgien und die Niederlande aufeinandertreffen – gibt es einen kleinen Obelisken. Schulz reist mit Journalisten gern hierher, weil er die Symbolik des Ortes schätzt. Der Politiker legt also kurz seine Hand auf die Spitze des Obelisken. Dann läuft er um den Steinpflock herum.

„Ich war jetzt in drei Ländern“, ruft er. „In drei Ländern“, wiederholt er, begeistert wie ein kleines Kind. Dann fordert er alle, die dabei sind, auf, es ihm gleichzutun.

Wenige Minuten später steht Schulz auf dem Aussichtsturm im niederländischen Vaals. Der Wind pfeift schneidend, so dass der Politiker laut sprechen muss. Er erzählt, wie an einem Feiertag im eigenen Land viele in eines der Nachbarländer fahren, weil dort die Geschäfte geöffnet sind. „Wer hier aufwächst, der wächst mit drei Sprachen und drei Kulturen auf“, ruft Schulz gegen den Wind an. „Der gewöhnt sich schnell jede Hochnäsigkeit gegenüber anderen ab.“

Bücher waren seine Rettung

Eine zweite Heimat sind für Martin Schulz die Bücher. Die Lehre zum Buchhändler war für ihn die Rettung, als es mit der Schule und dem Traum von der Fußballkarriere vorbei war. Schulz las wie ein Besessener. Er lernte das Wissen schätzen, das ihn in der Schule oft kalt gelassen hatte. Schulz liebt das gedruckte Wort. Er kann ganze Passagen auswendig aus Kinderbüchern vortragen, aus denen er früher seinen Kindern vorgelesen hat. Und: Er prägt sich Zitate ein, die ihn faszinieren.

Viele waren irritiert, als Schulz im TV-Duell beim Thema Religion und Islam plötzlich, wie er sagte, „ein wunderbares Zitat eines großen schiitischen Philosophen“ vortrug: „Jenseits von Richtig oder Falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“ Doch genau so ist Schulz: Er ist begeistert, von dem, was er gelesen hat, und will es dann auch weitergeben. Mal passt es. Mal wirkt das Ganze weitschweifend und deplatziert.

Mit der Aufgabe, Präsident des Europaparlaments zu sein, hatte Schulz eigentlich schon den perfekten Job für sich gefunden. Mit ihm konnte er – ob in Spanien, Polen oder Deutschland – für die europäische Idee und eine gerechte Gesellschaft werben. Er war der vielleicht wichtigste Lehrer für europäische Gemeinsamkeit. Doch er musste das Amt abgeben, weil sich Konservative und Sozialisten in Brüssel vorab darauf verständigt hatten, die Präsidentschaft untereinander aufzuteilen. Schulz griff also zu, als sich die Chance bot, SPD-Chef und Spitzenkandidat zu werden.

Martin Schulz ist keiner, der unbedingt Kanzler sein muss. Als seine Umfragewerte überraschend stark nach oben schossen, wurde ihm die Sache vielleicht sogar ein bisschen unheimlich. Statt beständig ein Scheit Holz ins lodernde Feuer zu legen, machte Schulz sich rar. Damit kam er angeblich einem Wunsch der wahlkämpfenden Ministerpräsidentin Hannelore Kraft aus Nordrhein-Westfalen nach. Was immer der Grund war: Danach war das Feuer so gut wie aus.

Schulz hätte vermutlich große Freude am Posten des Außenministers. Würde er also die SPD erneut als Juniorpartner in eine große Koalition führen? Eisern sagt er, die SPD wolle stärkste Partei werden. Doch auf dem Kulturforum der SPD führt Schulz einmal mehr seine Liebe zur Lektion durch das gedruckte Wort vor. Der SPD-Politiker zitiert aus dem „Tagebuch einer Schnecke“. Günter Grass hat es einst über den Wahlkampf 1969 geschrieben. Es geht um einen Satz, mit dem Schulz nach eigenen Angaben schon manch einen aus der Partei in Vorstandssitzungen gequält hat. Sozialdemokraten seien Leute, trägt er Grass’ spöttischen Gedanken vor, denen „die Leuchtkraft ihrer Resolutionen“ wichtiger sei als die Ergebnisse ihrer praktischen Politik.

Schulz ist ein fröhlicher, offenherziger und empfindsamer Mensch. Er kann aufbrausend reagieren, wenn etwas nicht so läuft, wie er möchte. Aber im Wahlkampf wahrt er – ganz Vorbild, ganz Lehrer – in der lähmenden Situation entmutigender Umfragewerte die Disziplin. Einen Stinkefinger, wie vor vier Jahren der SPD-Kandidat Peer Steinbrück via eines Magazin-Titelblatts, würde er den Menschen nie entgegenstrecken. Schulz ruft seinen Anhängern auf Kundgebungen in Potsdam, Peine und wo auch sonst immer zu: „Wir kämpfen nicht für Umfragen. Wir kämpfen für unsere Überzeugungen.“

In Peine beweist Schulz, dass er mit Überraschungen souverän umgehen kann. Nachdem ihm das mehrteilige Glockenspiel immer wieder das Wort abgeschnitten hat, lacht er ausgiebig. „Wartet doch mal, das ist doch toll“, ruft er dem Publikum zu. Als der letzte Ton verklungen ist, blickt der SPD-Chef hoch zum Trompeter und sagt: „Ich glaube, der ist in der CDU.“ Gelächter. Dann setzt Schulz seine Geschichtsstunde fort.

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