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Keine Zeit für einfache Antworten

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Von: Markus Sievers

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Tarifpolitik soll flexibler werden

Mir geht es um die Stabilisierung der 35, nicht um den Abriss der 35." Diese Klarstellung auf der Pressekonferenz war nötig, nachdem der neue IG-Metall-Chef Berthold Huber in seinem "Zukunftsreferat" (siehe Wortlaut nebenan) viele Fragen aufgeworfen hatte. Klar machte er darin nur eines: Die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei bei der Metallergewerkschaft. Bezogen auf die Arbeitszeitverkürzung heißt das: keine Abkehr von der 35-Stunde-Woche, wohl aber eine Abkehr von der 35-Stunden-Politik der IG Metall, eine Abkehr vom 35-Stunden-Dogma.

Nach der traditionellen Lehre müssen die Arbeitszeiten immer weiter sinken, damit die Beschäftigung trotz Rationalisierung und technischen Fortschritts erhalten bleibt: von 48 auf 40, dann weiter von 35 auf 32 oder 30 Stunden. "Voluntarismus" nannte Huber vor den Journalisten den Glauben, eine pauschale Umverteilung der Arbeit sei der beste Beschäftigungsgarant. In der Ansprache vor den Gewerkschaftsdelegierten hatte er sich noch etwas vorsichtiger ausgedrückt.

Huber rief die eigenen Leute auf, die betrieblichen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Viele Arbeitnehmer kennen die 35- oder 38,5-Stunden-Woche nur noch vom Hörensagen. Tatsächlich stehen sie ihren Arbeitgebern deutlich länger zur Verfügung. "Der tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden steht eine durchschnittliche effektive Zeit von 39,9 Stunden gegenüber", sagte Huber. Die Differenz sei so groß wie nie, so dass für den Gewerkschaftschef nur eine Reaktion in Frage kommt. Es müssten differenzierte Antworten her.

Für Malocher am Fließband könnte es also sinnvoll sein, die Arbeitszeiten weiter zu drücken. Für Ingenieure müsse es umgekehrt möglich sein, ein Projekt ohne Blick auf die Uhr abzuarbeiten. Das ist längst gängige Praxis und von der IG Metall auch in vielen Tarifvereinbarungen anerkannt. Dennoch wäre dieses Bekenntnis von Huber seinem Vorgänger Jürgen Peters kaum über die Lippen gekommen.

Der Applaus bei diesen Passagen fiel an den genannten Stellen übrigens auffallend spärlich aus. Bei anderen Formulierungen musste Huber ganz darauf verzichten, etwa als er sich für mehr Flexibilität in der Tarifpolitik, für eine "betriebsnahe Tarifpolitik" aussprach. Aber natürlich gibt es viele andere Punkte, bei denen alle Metaller ganz eng zusammenstehen - etwa beim strikten Nein zur Rente mit 67, beim Kampf für eine gerechte Verteilung in Deutschland und weltweit und bei der Kritik an einem grenzen- und maßlosen Finanzkapitalismus.

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