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60 JAHRE DANACH

Keine Träne

"Potsdam, 14. April 1945 - eine Kindergeschichte" nennt die Schriftstellerin und Filmemacherin Erika Runge ihren Beitrag. Mit ihrer Familie erlebte die damals Sechsjährige einen Bombenangriff. "Und ich habe nie wieder geweint!", schreibt sie. Erike Runge lebt in Berlin.

Wenn die Bomber aus Berlin wiederkamen, war hinter ihnen der Himmel rot. Eine Stadt in Flammen, alles leuchtet, und man kann im Feuer fangen spielen - das war schön! Ich war nur noch zu klein? Wir sind fast nie in den Luftschutzkeller gegangen. Mein Vater war ein Held des Ersten Weltkriegs. Er hatte keine Beine mehr, und bis er die Prothesen an seine Stümpfe geschnallt hatte, gab's meist Entwarnung.

An dem Abend hörten wir die Flieger wie immer. Doch dann donnerte es, polterte und wackelte, überall platzte was. Ich musste mich schnell anziehen, das geflickte Kleid, den Matrosenmantel, den meine Brüder schon getragen hatten, die Schuhe durfte ich nicht mehr zubinden. Meinen Teddy habe ich aber noch unter die Bettdecke gesteckt, damit er nicht friert bis ich wiederkomme.

Weil eine Familie mit drei Kindern im Luftschutzkeller keinen Platz mehr hatte, saßen wir in unserem Verschlag, wo die Kartoffeln und Äpfel und Einweckgläser aufbewahrt wurden. Wenn's kalt war, krochen meine Brüder und ich in die eichene Bettkiste, die mein Vater noch von seinen Vorfahren hatte. Die Betten waren klamm und rochen muffig. Ich glaube, Christian hat auch reingepinkelt. Peter ja nicht, der war schon 15 und war im Krieg. Das Toben hörte nicht auf, eine Explosion nach der anderen, viel lauter, als wenn meine Mutter schimpft. Christian heulte, nur deswegen habe ich angefangen. Ich wusste: "Die Bombe, die trifft, hört man nicht." Und genau so war es! Auf einmal lagen überall Steine, um mich herum, auf mir drauf, schwer, es tat weh, Staub, Husten, ich sah nichts, und dann dachte ich: "Jetzt sterb' ich".

Aber Vati hatte eine Taschenlampe, der Lichtstrahl kam durch! Mutti hat mich aus den Trümmern gewühlt, mein einer Schuh blieb stecken. Und ich habe nie wieder geweint! Die Wände waren eingestürzt, eine wurde noch von der Bettkiste gehalten. Die Tür zum Luftschutzkeller konnte man nicht aufkriegen. Jemand schrie: "Luft", leise, erstickt. Das war Gerda, die Tochter der Hauswirtin, die war immer nett. Ich sagte: "Da schreit jemand." Meine Mutter schüttelte den Kopf, und mein Vater blieb sitzen, er konnte sowieso nicht laufen. Später sah ich einen von Peters Stiefeln, er war doch Hitler-Junge und bei der Reiter-HJ! Ein Wunder, genau wie in der Bibel: Ich hatte für beide Füße Schuhe! Im Kindergottesdienst hatte ich gelernt, was Wunder sind.

"Lebt da noch jemand?", riefen sie später von draußen. Und dann haben sie nach uns gegraben. Christian und ich und meine Mutter konnten durch das Loch krabbeln. Mein Vater musste gehoben und geschoben werden. Christian wäre fast in den Krater gefallen, der war voll Wasser, die Linde lag daneben. Erst habe ich sie nicht gesehen, weil ich geblendet war. Das Eckhaus brannte, und links gegenüber das auch. Das Haus, in dem wir gewohnt hatten, war ganz kaputt. Aber keiner sagte was, nicht mal meine Mutter hat geschimpft. Und wen hätte sie verhauen sollen? Die im Luftschutzkeller konnte man nicht mehr retten; alle waren tot.

Erika Runge, Berlin

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