Stephan B. droht eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
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Stephan B. droht eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Prozessauftakt

Keine Spur von Reue

  • vonJulia Rathcke
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Zum Prozessauftakt offenbart der mutmaßliche Attentäter von Halle sein menschenverachtendes Weltbild.

Es ist warm an diesem Dienstagmorgen in Magdeburg. Zweieinhalb Stunden müssen Besucher und Medienvertreter vor dem Landgericht in der Sonne warten, dann Dutzende Justizbeamte passieren, mehrere Sicherheitsschleusen durchlaufen, wieder warten. Im Sitzungssaal C24 ist es eng, die Luft schnell schwer, die Verhandlung startet mit zwei Stunden Verspätung. Doch dass dieser Prozessauftakt so schwer erträglich ist, liegt allein am Angeklagten selbst.

Stephan B., der sich für den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 mit zwei Toten verantworten muss, tut etwas, was Opfern und Angehörigen vorkommen muss wie ein weiterer Anschlag: Er redet.

Als der 28-Jährige mit Hand- und Fußfesseln in den Saal gebracht wird, ist ihm seine Entschlossenheit anzusehen. Die tiefliegenden Augen fixieren die Kameras. Er versteckt sich nicht hinter einem Ordner oder einer Kapuzenjacke. Sein Gesicht soll jeder sehen, genau wie seine Gesinnung. Als die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens die üblichen Formalien abgefragt hat, kündigt er an: „Ja, ich würde eine Aussage machen.“

Zunächst aber wird die Anklageschrift verlesen, und allein deren Umfang macht deutlich: Das Verfahren ist eines der größten und bedeutendsten in der Geschichte Sachsen-Anhalts. 13 Straftaten werden B. vorgeworfen, darunter Mord, versuchter Mord, Volksverhetzung, Körperverletzung, schwere räuberische Erpressung. Ihm droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Etliche der 43 Nebenkläger sitzen direkt gegenüber.

Zu beeindrucken scheint den Angeklagten das nicht, im Gegenteil, es scheint ihn nur weiter zu frustrieren, seine selbsternannte Mission nicht erfüllt zu haben. „Kill all jews“ war die Maxime, nach der er handelte an Jom Kippur im Oktober, dem höchsten jüdischen Feiertag, den 52 Gläubige in der Synagoge in Halle feierten, als er töten wollte – und an der Tür scheiterte.

Gerüstet wie ein Krieger, verfolgt von Zuschauern im Live-Stream – Stephan B. trug Helm, Schutzweste und acht Waffen bei sich. Die Generalbundesanwaltschaft ist überzeugt: Er handelte aus einer antisemitischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Haltung heraus. Er hatte es lange geplant. Und er war inspiriert vom Christchurch-Attentat in Neuseeland einige Monate zuvor.

Daraus macht B. keinen Hehl. Reue lässt er nicht erkennen, legt stattdessen sein rechtsextremistisches, menschenverachtendes Weltbild dar. „Seit 2015 habe ich mich entscheiden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun“, sagt er, „eine Gesellschaft voller Muslime und Neger.“ Richterin Mertens ermahnt ihn deutlich, menschenverachtende Äußerungen zu unterlassen und droht mit Ausschluss vom Verfahren. B. aber sieht nicht davon ab, seinen Hass auf Juden, Muslime und Flüchtlinge anzubringen.

Wie diese Menschen sein Leben beeinflussen, will die Richterin wissen, wie sein Leben überhaupt abgelaufen ist, wie er sich so entwickeln konnte. Doch die meisten Fragen dazu blockt B. ab. „Das hat nichts mit der Tat zu tun“, sagt er mehrfach. Es ginge dem Gericht ja bloß darum, solche Taten zu verhindern. „Daran habe ich kein Interesse“, sagt er. Er habe die Tat live gestreamt, weil die Übertragung wichtiger sei, als die Tat selbst. Er habe andere animieren wollen. Und tut es noch.

Im echten Leben hatte B. keine Freunde, keine Hobbies, keine Interessen – nur das Internet, in dem er sich vom Kinderzimmer aus über Waffen informierte. Ausgetauscht haben will er sich im Netz kaum, gemeinsam geplant habe er die Tat „natürlich nicht“: „Ich kenne niemanden“, sagt er und lacht, „schon gar nicht so gut, gemeinsam einen Terroranschlag zu planen“.

Also tat er es allein und scheiterte – jedenfalls was den Anschlag auf die Synagoge betrifft. Den Dönerimbiss habe er nicht gekannt, die Fahrt dahin nicht geplant. Ebenso wenig, zwei Unbeteiligte zu töten: eine 40-Jährige Passantin nahe der Synagoge und einen 20-jährigen Döner-Imbiss-Besucher. Beides Deutsche.

Eine „Kurzschlussreaktion“ sei das gewesen. Weil sie sein Vorhaben störten, ihm in die Quere kamen. Deshalb erschoss er sie. „Hätte ich es nicht gemacht, hätte man mich ausgelacht! Wenn sie nichts gesagt hätte, wäre sie noch am leben“, sagt B. Er habe auf keinen Fall aufgehalten werden wollen. Im Nachhinein bereue er das. mit epd

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