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Zum siebten Mal vereidigt: Präsident Paul Biya.

Kamerun

Keine Ruhe in Kamerun

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Im Konflikt zwischen Rebellen und Regierung erwarten Beobachter eine Eskalation. Die jüngste Entführung von fast 80 Schülern dürfte nicht die letzte sein.

Ü berschattet vom schwerwiegendsten Entführungsfall in der jüngeren Geschichte Kameruns ist am Dienstag der 85-jährige Paul Biya zum siebten Mal in Serie als Präsident des zentralafrikanischen Staates vereidigt worden. In einer umstrittenen Wahl Anfang Oktober soll Biya 71 Prozent der Stimmen erhalten haben. Doch die Opposition und internationale Beobachter wie die Brüsseler Crisis Group sprachen von massiven Unregelmäßigkeiten. Das hinderte die von Biya berufenen Richter des Höchsten Gerichtshofs allerdings nicht daran, das Resultat anzuerkennen.

Die Entführung von 79 Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums sowie des Rektors, eines Lehrers und eines Fahrers in der Nacht zum Montag steht zumindest in einem indirekten Zusammenhang mit der Wahl: Die Täter gehören offenbar einer Separatistengruppe im Westen des Landes an, die Biya inzwischen den Krieg erklärt haben – und umgekehrt. Ein Großteil der englischsprachigen Bevölkerung Kameruns fühlt sich von der frankophonen Zentralregierung schon seit langem benachteiligt.

Dass sich die Entführer ausgerechnet eine Schule ausgesucht haben, ist kein Zufall: Die Sezessionisten suchen ihre Forderung nach Unabhängigkeit mit ihrer Aktion „Ghost City“ (Geisterstadt) durchzusetzen – einem völligen Blackout des öffentlichen Lebens. In den beiden Westprovinzen des Landes ist die Wirtschaft schon weitgehend zum Erliegen gekommen: Die meisten Schulen sind seit mehr als einem Jahr geschlossen. Die Entführer, die sich „Amba Boys“ (nach dem von ihnen angestrebten Staat „Ambazonien“) nennen, ließen der Presbyterianer-Schule in Bamenda offenbar eine Warnung zukommen: Bereits vor drei Tagen hatten sie den Rektor der Schule entführt und ihm eingebläut, dass er sein Gymnasium schließen solle. Das ist inzwischen geschehen.

30 000 fliehen ins Nachbarland Nigeria

Wohin die „Amba Boys“ ihre Geiseln entführten, ist bislang nicht bekannt. Nachdem sie den Fahrer der Schule mit einer angeblichen Wagenpanne ausgetrickst hatten, flohen sie mit den Geiseln zu Fuß in den Busch. In einer ersten Kontaktaufnahme verlangten die Entführer weder Lösegeld noch die Befreiung politischer Gefangener, sondern nichts weniger als die Unabhängigkeit „Ambazonias“.

Der bereits seit Jahren anhaltende Konflikt zwischen der englischsprachigen Minderheit (rund 20 Prozent) und der frankophonen Mehrheit Kameruns spitzte sich im Zusammenhang mit den jüngsten Wahlen noch weiter zu: Seit zwei Monaten kommt es immer wieder zu Entführungen von Schülern und ihrer Lehrer, Anfang September wurde sogar ein Rektor umgebracht. Der Monat für Monat härter geführten Konflikt kostete bereits mehr als 450 Zivilisten das Leben; außerdem kamen 185 Soldaten und Polizisten ums Leben sowie vermutlich mehrere Hundert Rebellen. Fast 450 000 Westkameruner mussten aus ihrer Heimat fliehen, fast 30 000 ins Nachbarland Nigeria. Nach Biyas umstrittener Einführung zum neuen und alten Präsident wird jetzt eine weitere Eskalation erwartet: Falls die Regierung in Yaoundé damit rechne, die Spannungen mit Gewalt aus der Welt schaffen zu können, irre sie sich, meinen die Experten der International Crisis Group. In seiner Antrittsrede erwähnte Biya die Entführung nicht, drohte den Separatisten aber mit der „vollen Macht der Sicherheitskräfte“, falls sie nicht ihre Waffen niederlegten.

Die jüngste Entführung ist selbst unter den Separatisten umstritten. Der als größte Rebellengruppe bekannte „Ambazonische Regierungsrat“ (Ambazonian Gouverning Council) hat sich von dem „grausamen Akt“ bereits distanziert: Er gehe vielmehr aufs Konto der Regierung, die auf diese Weise die Sezessionisten schlechtmachen wolle, hieß es. Fest steht in jedem Fall: Dass es sich bei der jüngsten Entführung zwar um die bislang größte, aber keineswegs um die letzte gehandelt hat.

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