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Keine Gnade für Janusz Walus

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Von: Johannes Dieterich

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Janus Walus im Jahr 1993.
Janus Walus im Jahr 1993. © AFP

Südafrika erlebt einen Aufruhr, weil der Mörder eines populären Aktivisten freikommen soll. Dabei steht auch das Verfassungsgericht unter massiver Kritik.

Ein Urteil des höchsten Gerichts Südafrikas, wonach der Mörder des populären ANC-Politikers Chris Hani nach 28 Gefängnisjahren auf Bewährung freigelassen werden muss, hat am Kap der Guten Hoffnung eine Welle der Entrüstung, Debatten über den Nutzen des Rechtsstaats sowie fast den Tod des geächteten Häftlings ausgelöst.

Der heute 69-jährige und in Polen geborene Südafrikaner Janusz Walus hatte Chris Hani am 10. April 1993 kaltblütig ermordet und damit den labilen Übergangsstaat an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht. Diesen konnte Nelson Mandela gerade noch mit einer Fernsehansprache verhindern, indem er die aufgebrachte Bevölkerung zur Besonnenheit aufrief und darauf verwies, dass zwar ein weißer Rechtsradikaler den neben Mandela wichtigsten Führer der schwarzen Befreiungsbewegung umgebracht hatte – dass aber eine ebenfalls weiße Zeugin des Attentats zur schnellen Verhaftung des Täters geführt hatte.

Walus tötete den charismatischen Chef der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) in seiner Hauseinfahrt in Boksburg bei Johannesburg mit drei aus nächster Nähe abgegebenen Pistolenschüssen ins Gesicht und in die Brust. Er wurde mit seinem Hintermann, dem Mitglied der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, später zum Tod verurteilt. Weil das von der Apartheidherrschaft befreite Südafrika kurze Zeit später die Todesstrafe abschaffte, wurden die Urteile in lebenslange Haftstrafen verwandelt. Während Derby-Lewis vor seinem Krebs-Tod im Jahr 2016 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen wurde, blieben alle Anträge von Walus auf Freilassung auf Bewährung erfolglos – obwohl diese gesetzlich vorgeschrieben ist. Beim Hani-Mörder handele es sich um einen besonderen Fall, begründete ein Justizminister nach dem anderen sein Veto. Schließlich ging Walus gerichtlich gegen die ständige Ablehnung seiner Freilassung vor. Am vergangenen Montag gab das Verfassungsgericht dem Ansinnen des Attentäters tatsächlich statt.

Verfassungsgerichtspräsident Raymond Zondo bezeichnete die Entscheidungen der Justizminister als „irrational“ und „verfassungswidrig“. Vor Gericht seien alle Menschen gleich zu behandeln – und Walus erfülle alle Bedingungen für eine Freilassung.

Walus bereue seine Tat und habe sich bei der Witwe Hanis entschuldigt, er führe außerdem ein tadelloses Häftlingsleben und zeige keine Anzeichen, wieder straffällig zu werden. Schließlich hatte sich Walus hinter Gittern zu einem Kritiker des Rassismus und einem bekennenden Christen gewandelt.

Bei der Witwe Hanis und beim ANC sowie der Kommunistischen Partei stieß das Urteil auf beißende Kritik. „Diabolisch“ nannte Limpho Hani den Richterspruch. „Reulose Apartheid-Freunde“ würden sich nun ins Fäustchen lachen, schimpfte die Regierungspartei. Selbst Staatspräsident Cyril Ramaphosa zeigte sich „sehr enttäuscht“. Und SACP-Chef Solly Mapaila befand: „Das Recht ist nicht das höchste Gut: Es ist vielmehr von Menschen gemacht.“ Ein Angriff auf den Verfassungsstaat, wie er grundsätzlicher nicht geht.

Zwar wurden vor allem in den Medien des Landes auch nachdenkliche Stimmen laut: Man könne das Recht nicht aufheben, wenn einem seine Anwendung nicht passt, hieß es etwa. Als am Wochenende dann aber auch noch die Grabstätte Hanis in Boksburg geschändet wurde, war das Maß für die Regierungspartei voll: „Das ist, als ob Chris Hani ein zweites Mal umgebracht wurde“, erklärte der ANC und rief zu landesweiten Protesten gegen Walus Freilassung auf.

Ein Mithäftling des blonden Hani-Mörders muss das falsch verstanden haben. Er stach zwei Tage vor dem angeordneten Entlassungstermin mit dem Messer auf Walus ein. Der Täter sei ein „überzeugter ANC-Anhänger“, will ein Mithäftling wissen. Ob Walus dennoch am heutigen Donnerstag – wie vom Gericht angeordnet – freigelassen wird, ist offen. Genauso offen wie die Frage, wer für die Sicherheit des Freigängers sorgt.

ANC-Anhänger und -Anhängerinnen demonstrieren schon 2016 vor dem Verfassungsgericht.
ANC-Anhänger und -Anhängerinnen demonstrieren schon 2016 vor dem Verfassungsgericht. © AFP

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