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Ein rechtsradikaler Demonstrant wird aus dem Bremer Hauptbahnhof abgeführt.

"Tag der Patrioten"

Keine Chance für Neonazi-Demo

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Großspurig hatten Neonazis und rechte Hooligans einen Aufmarsch zum "Tag der Patrioten" angekündigt. Doch es kommt nur ein kläglicher Haufen, Polizei und bis zu 14.000 Gegendemonstranten bereiten dem Spuk ein schnelles Ende.

Eine ältere Dame spricht die Gruppe junger Frauen an, sie will wissen, warum die mitten in der Bremer Innenstadt so laut „Nazis raus“ schreien. „Na, das da drüben sind rechte Hooligans, die wollten eigentlich in Hamburg aufmarschieren“, sagt eine der jungen Aktivistinnen. Und dann rechtfertigt sie die dröhnenden Parolen: „Wir wollen die hier nicht haben.“ Die alte Frau hebt beschwichtigend die Arme. „Um Gottes Willen, ich bin auch nicht für Nazis“, erklärt sie dann.

Bremen, Samstag Mittag, der Marktplatz am historischen Dom. Eine Hundertschaft der Polizei hat eine Gruppe von 50 Hooligans und Neonazis eingekesselt, die Rechten stehen in der Herbstsonne und rauchen. Auf die Antifa-Sprüche von der anderen Straßenseite reagieren sie schreiend: „Antifa – Hurensöhne“. Einige von ihnen tragen Sonnenbrillen und Pullis der unter Neonazis beliebten Marke „Thor Steinar“, andere haben die Logos rechtsradikaler Hooligan-Gruppen wie „Hooligans gegen Salafisten“ oder „Berserker Pforzheim“ auf ihrer Kleidung. Auf dem Kapuzenpullover eines besonders breiten Mannes mit kahlgeschorenem Kopf ist die „Schwarze Sonne“ abgedruckt, ein neuheidnisches Symbol, das auf die SS zurückgeht. „Wotan Bruderschaft“ steht daneben.

Aufmarsch in Hamburg verboten

Der klägliche Haufen Rechtsradikaler, der am Ende von der Polizei in Busse geschoben und zum Bahnhof verfrachtet wird, ist im Grunde alles, was vom „Tag der deutschen Patrioten“ übriggeblieben ist. Monatelang hatten rechte Hooligans und Neonazis um den Hamburger Thorsten de Vries zu einem bundesweiten Aufmarsch mobilisiert, großspurig hatten sie angekündigt, in Hamburg ein Zeichen der Stärke setzen zu wollen. Dann aber hatte die Polizei ihren Aufmarsch wegen zu erwartender Gewalttaten verboten, die Verwaltungsgerichte und sogar das Bundesverfassungsgericht hatte das Verbot nicht gekippt – auch weil die Polizei in Hamburg möglicherweise unterbesetzt sei.

Selbst die kurzfristige Verlegung des Aufmarschs nach Bremen, die am Samstagmorgen hektische Reisebewegungen von Journalisten und Antifa-Aktivisten auslöste, ändert nichts: Auch die Demo in Bremen wird von der Stadt verboten, am Ende schaffen es lediglich 100 Hooligans und Neonazis hierher, die alle von der Polizei in Gewahrsam genommen werden. Ihr einziger Erfolg: Der samstägliche Wochenmarkt auf dem Domsplatz wird abgesagt, aus Sicherheitsgründen. Die rund 800 linken Gegendemonstranten, die sich kurzfristig am Bahnhof versammelt haben, ziehen dagegen später in einem Demozug durch Bremen. „Wo, wo, wo wart ihr in Heidenau?“, rufen sie den sie begleitenden Polizisten entgegen – sie spielen an auf die drei Wochen zurückliegenden Randale von Neonazis vor einem Flüchtlingsheim in der sächsischen Kleinstadt, welche die Polizei nicht verhindern konnte.

Auch in Hamburg skandieren die Linken. Schon am frühen Morgen hatten sich bis zu 14 000 Menschen am Bahnhofsvorplatz versammelt, wo das Hamburger Bündnis gegen Rechts zu einer Demonstration aufgerufen hatte. Zeitgleich applaudieren weitere 7500 Menschen auf dem Rathausmarkt, als Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bei der bürgerlichen Kundgebung „Hamburg bekennt Farbe“ sagt, dass in der Stadt kein Platz für rechte Parolen sei.

Gegen Mittag muss der gesamte Hauptbahnhof, eine Stunde lang komplett stillgelegt werden, weil linke Aktivisten über die Gleise laufen und einen Regionalzug, in dem sie rechte Hooligans vermuten, mit Steinen und Feuerwerkskörpern bewerfen. Es gibt Auseinandersetzungen, als die Polizei versucht, linke Aktivisten daran zu hindern, in Züge nach Bremen zu steige. Außerdem nehmen Polizisten 34 versprengte Neonazis fest, die zuvor mit Linken aneinandergeraten waren. Danach gelingt es den Beamten wegen des Tumults vor Ort lange nicht, die Festgenommenen aus dem Bahnhof zu bekommen. Ein Zug aus Rostock, in dem weitere Rechte sitzen, wird gar nicht erst in den Bahnhof gelassen.

Nur einmal schaffen es die selbsternannten Patrioten an diesem Tag auf die Straße. In Kirchweyhe, einem kleinen Ort 20 Kilometer südlich von Bremen, steigen rund 100 Neonazis und Hooligans der Gruppe „Gemeinsam Stark Deutschland“ auf der Rückreise aus dem Zug und formieren eine Spontandemonstration. „Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land“, brüllen sie. Ein interkulturelles Familienfest, das gleichzeitig in Kirchweyhe stattfindet, wird vorzeitig beendet. Eine Neonazi-Gruppe aus der Region tönt begeistert über den Internetdienst Twitter: „In Kirchweyhe marschiert der Nationale Widerstand!“ Am Ende kommt auch hier die Polizei und setzt den Großteil der Gruppe am Bahnhof Kirchweyhe fest.

Ausschreitungen im Schanzenviertel

Unter den Rechtsradikalen, die einzeln durchsucht und deren Personalien aufgenommen werden – wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Versammlungsgesetz –, ist auch der szenenbekannte Neonazi Patrick Schröder, Betreiber des rechtsextremen Online-Radios „FSN TV“. Während Beamte die Neonazis filzen, stimmen einige Anwohner aus Kirchweyhe, die sich an die weiß-roten Absperrbändergestellt haben, spontan das Lied „Schrei nach Liebe“ von der Band Die Ärzte an: „Du bist wirklich saudumm, darum geht’s dir gut. Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut.“ Der mit Spannung erwartete „Tag der deutschen Patrioten“ fällt also aus, weder in Bremen noch in Hamburg bekommen die Neonazis einen Fuß auf den Boden.

In der Hansestadt kommt es am frühen Abend noch zu Ausschreitungen im Schanzenviertel, die Polizei setzt Wasserwerfer vor dem autonomen Zentrum Rote Flora ein, Flaschen fliegen, es gibt Festnahmen und Verletzte. Es sind die üblichen, seit Jahren eingespielten Scharmützel. Augenzeugenberichten zufolge sei die Polizei ohne Not massiv eingeschritten. Ein NDR-Journalist twittert ein Foto von Wasserwerfern und Räumpanzern und schreibt dazu sarkastisch „polizeilicher Notstand“ – unter Bezugnahme auf die Begründung, wegen fehlender Kräfte könne man keinen rechten Aufmarsch schützen. Fast wirkt es so, als müssten die Polizei und einige Linke einfach noch ein wenig Dampf ablassen. Um auszugleichen, dass tagsüber so wenig los war.

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