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Olivier Roy

Syrien-Konflikt

"Keine Beziehung zwischen Migration und Terrorismus"

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Der Islamexperte Olivier Roy über Terror, den Islamischen Staat, die Kurden und die Lage in Syrien.

Professor Roy, wie bewerten Sie den Anschlag von Trèbes?
Es ist ein typischer Fall: Der Täter gehört zur zweiten Generation, seine Partnerin ist Konvertitin. Eine unmittelbare Radikalisierung – sie war 18 Jahre alt. Es gab keine Inkubation durch den Salafismus in einer Moschee. Ein Kleinkrimineller, der auf der lokalen Ebene, also dort, wo er lebte, im Namen des globalen Dschihad agierte, also dort, wo er nicht lebte.

Es entspricht Ihrer These über die Terroristen, die einen Hang zum Nihilismus haben.
Die meisten Attacken wurden von Einzelgängern gemacht, die von der Polizei getötet wurden. Sie wollen bei ihren Anschlägen getötet werden. Das bestätigt sich jetzt wieder.

Welche Rolle spielt die Immigration für den Terrorismus?
Die Radikalen repräsentieren nicht die Immigranten. In Deutschland gibt es viel mehr Konvertiten als Türken unter den Radikalen. Die Immigration spielt kaum eine Rolle. Die Gewalt kommt von der Dekulturation der Religion und nicht von der Kultur. Sicher, es gibt viele Radikale, die die Immigranten infiltrieren wollen. Aber die Immigranten haben eine sehr unterschiedliche Herkunft, es ist eine sehr heterogene Gruppe. Viele stammen aus Afrika, andere aus dem Nahen Osten. Die Menschen aus Syrien gehörten der Mittelklasse an, das macht einen Riesenunterschied, sie lassen sich nicht für den IS gewinnen. Es gibt meiner Meinung nach keine Beziehung zwischen Migration und Terrorismus.

Es gibt junge Frauen aus Deutschland und Frankreich, die in Syrien oder im Irak an der Seite der Kämpfer waren. Wie soll man mit ihnen umgehen?
Es gibt Hunderte von ihnen. Wir müssen diese Kinder zurücknehmen, sie sind Opfer. Die meisten der Frauen sind Witwen, weil ihre Männer getötet wurden. Die meisten Mütter wollen nicht, dass nun ihre Kinder im Dschihad geopfert werden. Für den Westen ist das doch eine gute Konterpropaganda, lassen Sie uns ruhig diesen Begriff nehmen. Denn eines ist doch klar: Wenn jemand nach Deutschland oder Frankreich zurückkehrt, um dann zu sagen, mein Kind soll Terrorist werden, der würde doch gleich da unten bleiben.

Ist der sogenannte Islamische Staat (IS) im Nahen Osten endgültig zerschlagen?
Der IS als solcher, ja. Natürlich wird es Überbleibsel geben. Die Gründe, warum der IS überhaupt in der Lage gewesen ist, sich so lange zu behaupten und in dieser Region so lange zu kämpfen, waren ja, dass die Feinde des IS auch untereinander verfeindet sind. Für keinen von ihnen war der IS der erste Feind. Im Augenblick sind die Kurden für die Türken und die Türken für die Kurden die primären Feinde. Der Gewinner dabei ist die irakische Regierung.

Und in Syrien?
In Syrien gibt es keine Perspektive für eine politische Lösung. Es ist klar, dass Baschar al-Assad nicht verhandeln will und wird, sondern darauf wartet, dass seine Armee wieder Boden gutmacht. Der IS kann die Gelegenheit nutzen, in Syrien einige Fleckchen für sich zu beanspruchen. Aber von dort aus wird er nicht den globalen Dschihad stemmen können.

Was erwarten Sie von dem IS jetzt noch in Europa?
Es gibt hier zwei Storys: Entweder gibt es weiter den globalen Dschihad unter der Kontrolle des IS. Es wird weiter Operationen von Zellen in Europa geben und sie werden Kämpfer nach Europa schicken, worauf eine neue Welle des Terrorismus folgt. Ich bin da skeptisch. Dennoch, eine neue Welle des Terrorismus ist zumindest denkbar. Es wird weiter einen Terrorismus durch lokale Täter geben, die über keine besondere Logistik verfügen. Wenn der IS immer noch einige professionelle Schläferzellen haben würde, hätten sie diese während des Falls von Mossul genutzt. Sie taten es aber nicht. Aber das Narrativ des IS ist immer noch ein großer Erfolg unter den Jugendlichen. Wenngleich er durch die Ereignisse einige Kratzer abbekommen hat. Der IS ist nun nicht mehr der Gewinner.

Wie wird sich die Situation im Nahen Osten entwickeln?
Was wir in den letzten Jahren gesehen haben, ist, dass der Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Saudi-Arabien intensiviert wird, besonders in Syrien. Diese beiden verfeindeten Mächte werden in jedem Land einen Status quo finden, wenn sie wollen, etwa im Jemen, in Bahrein, den Emirates oder auch im Irak. Aber nicht in Syrien. Assad wird nicht verhandeln, er braucht die Iraner, die Kurden und Türken werden weiterkämpfen, daher denke ich, dass Syrien das Schlachtfeld bleiben wird. Die Gefahr ist zwar, dass es weniger ein Stellvertreterkrieg bleibt, sondern es vermehrt zu direkten Kämpfen kommt, mit einer möglichen Beteiligung Israels. Allerdings glaube ich, dass es so sein wird wie im Ersten Weltkrieg, dass es ein Stellvertreter-Krieg bleiben wird.

Ein sehr explosiver, aber nur regionaler Konflikt?
Ja, ein regionaler Konflikt, weil es aus internationaler Perspektive keine Symmetrie gibt. Die Russen sind zurück in Syrien, das ist neu, sie sind aber nicht in Opposition zum Westen da. Das hat seinen Grund, denn der Westen ist nicht da. Die USA haben sich unter Trump weiter zurückgezogen. Sie kämpfen nur gegen den IS, genauso wie die Franzosen oder Deutschen. Es geht also nicht um ein Eingreifen in die lokale Geopolitik. Der Westen hat von Anfang an erklärt, dass dieses Engagement ausschließlich der Bekämpfung des IS gilt und kein Eingriff in den regionalen Konflikt um Syrien sei. Es gibt keinen Stellvertreterkrieg zwischen Russen und dem Westen.

Wird es neue Grenzen in Syrien und dem Irak geben?
Kurzfristig sicherlich nicht. Der IS hat die Leute verloren, die ihn vormals unterstützt haben. Sie haben die Unterstützung der sunnitisch-arabischen Staaten verloren. Ganz zu Anfang, bevor sie das Kalifat ausgerufen haben, erschien eine neue Grenzziehung möglich. Die Teilung des Iraks lag aus westlicher Sicht auf dem Tisch. Nun hat der IS die Möglichkeit, einen sunnitisch-arabischen Staat zu gründen, erstickt. Die sunnitisch-arabischen Gruppen haben keine militärische Schlagkraft mehr, sie bekämpfen auch nicht Assad, sondern sich stattdessen untereinander. Die Schlussfolgerung ist, dass die Araber verloren haben. Die arabischen Sunniten sind die großen Verlierer für die nächsten 20 Jahre.              

Wer sind die Gewinner?
Die Gewinner sind Bagdad, die Kurden und Baschar al-Assad. Von diesen drei Siegern ist einer zu viel. Die Kurden sehen sich jetzt einer Koalition aus Damaskus, Ankara und Bagdad gegenüber, ihren vormaligen Freunden. Diese Koalition existiert, um die Möglichkeit eines neuen Kurdistans zu eliminieren.

Stehen die Kurden allein da?
Die Kurden denken zwar nach wie vor, dass sie für die Amerikaner weiterhin so wichtig sind, dass diese sie nicht fallen lassen werden. Sie irren sich aber: Die Amerikaner werden sie fallen lassen. Wenn die Kurden jetzt kein Übereinkommen mit den anderen Mächten schließen, haben sie verloren. Es war eine Dummheit, dass sie das Referendum um die Unabhängigkeit im Irak abgehalten haben. Der Zeitpunkt war völlig falsch, es hat der irakischen Regierung ermöglicht, die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Ein herber Schlag, selbst wenn die irakische Regierung in naher Zukunft nicht in Erbil einmarschieren wird. In Syrien sind die Kurden Opfer ihres Erfolgs geworden. Sie gewannen gegen den IS und genießen Ansehen bei den Stämmen. Das macht sie zu Gegnern von Damaskus und Ankara.

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