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Rauchschwaden nach einem Luftangriff von regimefreundlichen Kräften in der Nähe der Stadt Saraqib im östlichen Teil der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens.

Russland - Türkei

Kein Widersacher auf Augenhöhe

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Trotz der Gefechte in Syrien glaubt man in Russland nicht an einen Konflikt mit Ankara.

Die Kämpfe sind im vollen Gang, auch an der Propagandafront. Die russische Nachrichtenagentur TASS meldete gestern unter Berufung auf die syrische Zeitung „Al Watan“, die syrischen Regierungstruppen hätten die strategisch wichtige Stadt Sarakeb in der Provinz Idlib zurückerobert, Dutzende Islamisten getötet, vier Panzer, und sechs Schützenpanzer zerstört, sowie zwei Kampfdrohnen der türkischen Streitkräfte.

Am Sonntag hatten türkische Medien berichtet, ihre Truppen hätten in Idlib 2200 syrische Soldaten, 103 Panzer und acht Hubschrauber „ausgeschaltet“. Tatsächlich gelang es türkischen F-16-Düsenjäger zumindest, zwei syrische Su-24-Kampfbomber russischer Bauart abzuschießen, was die syrische Seite bestätigte.

Seit Wochen fliegen auch russische Flugzeuge Einsätze gegen angreifende Rebellen, sogar wenn zwischen ihnen türkische Soldaten sind. Umgekehrt bedrohen die türkischen Raketen russische Militärspezialisten und Piloten in den Reihen der Syrer. Aber auch wenn Russen und Türken in Idlib zum Teil nur noch so tun, als würden sie nicht aufeinander schießen, glaubt in Moskau kaum jemand an einen ernsthaften kriegerischen Konflikt mit der Türkei.

„Direkte türkische Angriffe auf russische Streitkräfte sind unwahrscheinlich“, sagt der russische Nahostexperte Aschdar Kurtow der FR. „Die Gewinne, mit denen Ankara rechnen kann, wiegen die Verluste bei Weitem nicht auf.“ Der Moskauer Politologe Sergei Muchin sagt, der türkische Staatschef Recep Erdogan sei für Putin kein Widersacher auf Augenhöhe, erinnere eher an den weißrussischen Staatschef Alexander Lukaschenko. „Auch er hält seine persönlichen Interessen für wichtiger als jedes Abkommen.“ Die Türkei könne sich keinen Waffengang gegen die viel stärkere russische Armee erlauben, sagt Kurtow. Und wie nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets 2015 riskiere Erdogan erneut massive russische Sanktionen, etwa ein Einfuhrstopp für türkisches Gemüse oder den Boykott der türkischen Badeorte durch russische Touristen.

Ohne wirkliche Verbündete

Außerdem könnte Russland den Transport von Gas durch die erst im Januar eingeweihte Pipeline Turkish Stream einstellen, ebenso den Bau eine Atomkraftwerkes in der Südtürkei. „Die Verluste wären kolossal, während die Türkei umgekehrt in Idlib keine lebenswichtigen Ziele erreichen kann.“ Schließlich stehe Erdogan Russland ohne wirkliche Verbündete gegenüber, die Nato werde sich mit verbalen Solidaritätsbekundungen begnügen.

Aber es gibt auch Stimmen, die auf die Schwächen der russischen Position hinweisen. „Ein Krieg im großen Maßstab wird für Moskau nicht einfach“, kommentiert Radio Kommersant FM, „schon weil Russlands Streitkräfte in Syrien weit ihren Hauptbasen entfernt sind.“ Tatsächlich kann Ankara den russischen Nachschub durch den Bosporus jederzeit stoppen, seine Truppen sind viel näher am Schlachtfeld. Und in Idlib kämpfen auf ihrer Seite zehntausende syrisch-sunnitische Rebellen um ihre letzte Bastion, mit deutlich mehr Kampfmoral als Russlands syrische Mitstreiter.

Dreht Moskau aber die Hähne des „Turkish Stream“ ab, so schadet das vor allem den eigenen Plänen, über die Türkei auch Südeuropa mit Gas zu beliefern. Ankara dagegen kann sein Gas auch beim befreundeten Nachbarn Aserbaidschan kaufen.

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