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Einige Schüler kehren in die Schule zurück, wenn auch mit Abstand.

Schule

„Kein Schüler soll einen Nachteil haben“

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Eltern und Schüler müssen sich darauf einrichten, dass es auf absehbare Zeit keinen regulären Unterricht geben wird.

Frau Hubig, in dieser Woche sind Hunderttausende Kinder und Jugendliche erstmals nach Wochen wieder in der Schule. Was überwiegt bei Ihnen als Präsidentin der Kultusministerkonferenz: die Freude – oder die Angst, dass etwas schiefgeht?

Eindeutig die Freude. Es ist unglaublich schön zu beobachten, wie sehr sich viele Schüler freuen, ihre Lehrerinnen und Lehrer wiederzusehen.

Die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin sprechen am Mittwoch über das Thema Schulöffnungen. Was erwarten Sie sich davon?

Stefanie Hubig.

Die Kultusminister haben ein Konzept erarbeitet, unter welchen Bedingungen die Wiederaufnahme von Unterricht in den Schulen zunächst schrittweise funktionieren kann. Entscheidend ist dabei die Einhaltung der Hygieneregeln. Unser Versprechen ist: Jede Schülerin und jeder Schüler soll bis zu den Sommerferien zumindest tage- oder wochenweise wieder zur Schule kommen können. Dafür erwarten wir von den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin das Go. Bis zu den Sommerferien wird es allerdings keinen Regelbetrieb an den Schulen geben. Es geht uns jetzt um Schritte hin zur Normalität.

Gehen Sie davon aus, dass es feste Vorgaben von den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin gibt – oder gibt es Freiraum für die Länder, eigene Wege zu gehen?

Die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin müssen generell beurteilen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt hat. Dann müssen sie entscheiden, welche Priorität die weitere Öffnung der Schulen bekommt. Sinnvoll sind hier sicherlich Leitplanken, die den Ländern gleichzeitig – abhängig vom Infektionsgeschehen und den Gegebenheiten vor Ort – Spielraum lassen.

Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagt, voraussichtlich würden die Schulen den Regelbetrieb erst wieder aufnehmen, wenn es einen Impfstoff gebe, also möglicherweise erst in zwölf bis 18 Monaten.

Stefanie Hubig  (SPD) ist Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz. Die Juristin war 1995 bis 2000 als Staatsanwältin und Richterin tätig. Dann wechselte sie ins Bundesjustizministerium. Seit Mai 2016 ist sie Ministerin für Bildung in Mainz. 


Zuständig für die schrittweise Öffnung der Schulen ist nicht Frau Karliczek als Bundesbildungsministerin, zuständig sind die Länder. Wir haben alle bereits an Plänen gearbeitet, wie die nächsten Schritte aussehen, wenn das Infektionsgeschehen es zulassen sollte – die liegen griffbereit in der Schublade. Wir arbeiten auch jetzt schon an Planungen, wie ein nächstes Schuljahr aussehen kann, falls es wieder unter besonderen Bedingungen ablaufen muss.

Eltern müssen sich also darauf einstellen, dass es auch im kommenden Schuljahr einen Wechsel zwischen Präsenzphasen der Kinder in der Schule und solchen Zeiten, in denen zu Hause gelernt werden soll, gibt.

Wenn die Abstandsregeln so bleiben, wie sie sind, heißt das: Auch im kommenden Schuljahr werden schon allein räumlich weniger Schüler als sonst gleichzeitig in der Schule sein können. Darauf müssen wir uns auf jeden Fall vorbereiten.

Ist den Eltern eine so lange Zeit zumutbar, in der die Kinder kaum zur Schule kommen?

Ich weiß, dass viele Eltern große Probleme haben, unter diesen Bedingungen ihren Alltag zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice bewältigen zu können. Und wir müssen sie dabei auch stärker unterstützen. In Rheinland-Pfalz haben wir deshalb die Notbetreuung von Beginn an allen Eltern zugänglich gemacht, die dringend eine Betreuung für ihre Kinder benötigt haben. Ich verstehe auch, dass viele Eltern derzeit sehr ungeduldig sind. Wir müssen unsere Schritte im Moment allerdings sehr verantwortungsvoll und behutsam planen, denn bei jedem Öffnungsschritt müssen wir die gesundheitlichen Folgen für Lehrkräfte, Schüler und auch deren Familien im Blick haben. Diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen.

Verschärft digitales Homeschooling nicht die Bildungsungerechtigkeit – eben weil es Schulen gibt, die hier schon gut aufgestellt sind, und andere, an denen viel zu wenig passiert?

Wir sehen in der Krise, dass es viele Schulen gibt, die digital sehr gut aufgestellt sind, bei anderen gibt es noch Luft nach oben. Wir erkennen allerdings auch, dass sich in dieser Hinsicht viele Schulen in den letzten Wochen enorm weiterentwickelt haben. Wenn es einen positiven Aspekt der Corona-Krise gibt, dann, dass wir einen richtigen Schub in der Digitalisierung unserer Schulen erleben. Viel größeres Kopfzerbrechen machen mir die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nicht so gut gefördert werden. Hier müssen wir dafür sorgen, dass sie bestmöglich unterstützt werden. Wir haben deshalb als KMK vereinbart, dass diese Schülerinnen und Schüler jetzt vordringlich in die Schulen zurückkommen sollen. Darüber hinaus kümmern wir uns auch um deren Ausstattung mit digitaler Infrastruktur.

Mal ehrlich, können die 1,5 Meter Abstand auch an den Grundschulen eingehalten werden, zum Beispiel in den Pausen?

Bei Grundschülern wird es natürlich häufiger dazu kommen, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden als bei älteren Schülerinnen und Schülern. Gleichzeitig sollte niemand die pädagogische Arbeit unserer Lehrerinnen und Lehrer unterschätzen: In den vierten Klassen ist gleich am ersten Tag die Einhaltung der Hygieneregeln eingeübt worden. In Pausen wird nicht immer alles perfekt zu kontrollieren sein. Deshalb müssen dort auch Masken getragen werden.

Müssen wir uns auch an das Bild von Masken im Unterricht gewöhnen?

Nein. Wir ziehen die Tische extra auseinander und lassen nur so viele Schülerinnen und Schüler in einen Klassenraum, dass das Abstandsgebot eingehalten werden kann. Dann brauchen wir im Unterricht keine Masken. Sie würden die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern im Klassenraum erschweren. Außerdem sollen die Masken auch nicht zu lange am Stück getragen werden. Das wollen wir – so gut es geht – vermeiden.

Viele Eltern und Schüler beklagen seit Jahren den schlechten Zustand sanitärer Einrichtungen in den Schulen. Gibt es da jetzt eine dauerhafte Verbesserung?

Wenn ich Schulen besuche, gehe ich auch auf die Schülerinnen-Toilette, um mir einen Eindruck über den Zustand zu verschaffen. Natürlich sind die Sanitäranlagen ein wichtiges Thema – aus meiner Sicht haben das die Schulträger, die für die Gebäude und damit auch für die Toiletten zuständig sind, auch erkannt und gehen das an.

Was ist in diesen Zeiten in Sachen Schule überhaupt noch sicher? Kommen die Sommerferien wie geplant oder werden sie verschoben?

Ich halte es insgesamt für falsch, die Sommerferien zu verkürzen oder zu verschieben und mit dieser Auffassung bin ich nicht alleine. Für Rheinland-Pfalz steht das nicht zur Diskussion.

Können Sie versprechen, dass kein Schüler wegen der Corona-Krise sitzenbleibt?

Ich verspreche immer nur Dinge, die ich halten kann: In Rheinland-Pfalz haben wir entschieden, dass in diesem Jahr kein Schüler und keine Schülerin sitzen bleibt. Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, dass kein Schüler einen Nachteil aus der Corona-Krise haben soll. Ich habe den Eindruck, meine Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern werden auch in diesem Sinn verfahren.

Interview: Tobias Peter

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