Eine Frau vor dem Hotel Mandalay Bay. Von dort hatte ein Amokläufer auf die Konzertbesucher geschossen.
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Eine Frau vor dem Hotel Mandalay Bay. Von dort hatte ein Amokläufer auf die Konzertbesucher geschossen.

"Mandalay"-Massaker Las Vegas

Kein schärferes Waffenrecht in Sicht

  • vonThomas Spang
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In den USA passieren Massenschießereien in Regelmäßigkeit. Nach dem Massaker in Las Vegas folgen Medien und Politik dem immer gleichen Schema der Beschwichtigung. Doch Amerika kann sich nicht zu schärferen Waffengesetzen entschließen.

Aus der Ferne sehen die beiden offenen Fenster auf der 32. Etage des Fünf-Sterne-Hotels „Mandalay Bay“ wie leere Augenhöhlen aus, die entsetzt auf den Schauplatz des schlimmsten Massakers in der Geschichte der USA blicken. Sie gehören zur Suite 32135, in die Stephen Paddock (64) vergangenen Donnerstag eincheckte. Die „VISTA“-Suite sei „für diejenigen, die perfekte Aussichten suchen,“ preist das Ressort die edlen 170 Quadratmeter an.

Für den Profizocker zynischerweise genau das richtige: Von dort aus konnte er seine Waffen auf mehr als 20.000 Zuschauer des „Route 91 Harvest“-Musikfestivals richten, die auf der als „The Lot“ bekannten Freifläche vor dem Hotel drei Tage lang in Stetson, Minirock und Western-Stiefeln feierten.

Motiv ist immer noch unklar

Was den weißen Pensionär zu seiner Tat bewegte, wissen die Ermittler noch nicht. Doch die ganze Welt kennt das blutige Ergebnis seiner Wahnsinnstat: Mindestens 59 Tote und weit über 500 Verletzte.

„Ich dachte, die haben aus Versehen vorzeitig mit dem Feuerwerk begonnen“, beschreibt SiriusXM-Radiomoderator Storme Warren den Moment als sich Sonntagabend kurz vom Finale unter Jason Aldeans „When She Says Baby“ plötzlich „Tak, Tak, Tak“-Laute mischen. „Beim dritten Mal wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung war.“

Das Video eines Konzertbesuchers dokumentiert, wie Country-Star Aldean schließlich in Sicherheit gebracht wird. Dann bricht Panik aus. „Es war wie eine Horror-Show“, erzählt die Überlebende Ivetta Saldana: Menschen, die blutüberströmt auf dem Boden lagen, Deckung suchten oder vor den Salven davonzulaufen versuchten. Die Kugeln schienen von überall her zu kommen. Die herbeigeeilte Polizei und ihre Sondereinsatz-Kommandos mussten deshalb zunächst von mehreren Schützen ausgehen. Als die aber schon klarer sahen, wurde die haltlose Vermutung in den sozialen Medien virulent. Sehr schnell konzentrierten sich die Sicherheitskräfte auf die oberen Etagen des „Mandalay-Bay“, wo sie einen Schützen entdeckt hatten.

Täter verwendete vollautomatische Waffe

„Das war als ob jemand mit einem Maschinengewehr auf Fische im Aquarium schießt“, beschreibt Experte James Gagliano auf CNN, warum das „Mandalay“-Massaker so viele Opfer gefordert hat. Es war auch das erste, bei dem ein Täter eine vollautomatische Waffe einsetzte.

Waffen, bei denen man den Abzugshahn nur festhalten muss, unterliegen in den USA strengeren Kontrollen. Die rund 500.000 Maschinengewehre müssen registriert werden und dürfen nur nach strikten Überprüfungen verkauft werden. Die zuständige Behörde ATF versucht nun herauszufinden, ob eine der Tatwaffen registriert war. Möglich ist aber auch die Umrüstung einer halb-automatischen Waffe, was für Waffenenthusiasten kein größeres Problem darstellt. Die Industrie verkauft ganz legal die entsprechenden Hilfsmittel, Kostenpunkt kaum 100 Dollar im örtlichen Walmart.

Die Kugeln flogen so weit, das Gäste in umliegenden Hotels die Lichter löschen und auf dem Boden kauern mussten. Der internationale Flughafen von Las Vegas, der gleich hinter dem „Mandalay Bay“ liegt, stellte den Betrieb zeitweise ein, nachdem Flüchtende auf die Start- und Landebahnen gelaufen waren.

Pulverdampf löste Feuermelder aus

Ein Feuermelder, der vom Pulverdampf in Paddocks Suite 32135 aufheulte, brachte ein Polizeikommando auf die richtige Spur. Beim Sturm der Suite brachte sich Paddock um. In den Räumen fanden sich 23 Waffen, Stative und Munition. Weitere 19 Gewehre und Pistolen wurden bei der Durchsuchung seines Hauses in der Pensionärs-Siedlung „Sun City“ im rund 130 Kilometer entfernten Mesquite sichergestellt.

In dem Wüstenstädtchen lebte Paddock mit seiner Freundin ein unauffälliges Leben. Dort erwarb er auch kürzlich bei „Guns&Guitar“ seine jüngsten Ergänzungen der Waffenkollektion. „Er hat bei uns nicht den Eindruck hinterlassen, instabil oder unfit zu sein“, teilten die Besitzer des Ladens mit. „Er hat alle Überprüfungen bestanden.“

Genau darin erkennen Aktivisten ein Problem im laxen Waffenrecht der USA. Mehr als die Hälfte aller verkauften Waffen finden sich im Besitz von nur drei Prozent der Käufer. Eine einzelne Person kann sich ein komplettes Waffenlager zulegen, ohne das die Behörden auch nur aufmerken. Wie auch im „Mandalay“ scheinbar niemandem auffiel, wie Paddock sein Teufelswerkzeug in mindestens zehn Koffern durchs Hotel bugsierte. Diese Gleichgültigkeit fand nach dem Massaker einmal mehr ihr Äquivalent in der ritualisierten Reaktion der Politik.

Trump: Kein Wort von „Terror“

Donald Trump nannte den Massenmord einen „Akt des absolut Bösen“ und ordnete Halbmast an. Das Land sei vereint in „Traurigkeit, Schock und Trauer“. Er sprach viel über Gott, das Wort „Terror“ nahm er nicht in den Mund. Seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders verbat sich „in diesem Moment“ eine Debatte über das Waffenrecht.

So sieht es mindestens die eine Hälfte Amerikas, für die der zweite Verfassungszusatz heilig ist. Jahr für Jahr kauft sie bis zu 16 Millionen Waffen und beschert der Industrie rund 8,6 Milliarden Dollar Umsatz.

Nevada gehört übrigens zu den Bundesstaaten, in denen jede Person über 18 Jahre, die legal eine Waffe besitzen darf, diese an den meisten Orten auch offen tragen darf.

Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Mordrate

Die Harvard-Forscher Daniel Hemenway und Matthew Miller untersuchten die Korrelation zwischen Waffenbesitz und Mordrate in 26 Industrienationen und entdeckten einen „im höchsten Maße signifikanten Zusammenhang“. Die US-Mordrate mit Handfeuerwaffen liegt im Durchschnitt um das 20-Fache über den der OECD-Staaten abzüglich Mexikos.

Die Befürworter strengerer Waffengesetze ahnen bereits, was ihr Aufschrei bewirken wird. „Nichts wird sich ändern“, schreibt der Demokrat Steve Israel in der „New York Times“. „Die Flaggen werden auf Halbmast gesetzt, Gedanken und Gebete getwittert, und irgendwann in dieser Woche wird die jüngste Episode des am längsten laufenden Dramas auf C-Span gezeigt: Die Schweigeminute.“

Unter die Resignation mischt sich bei anderen, wie Senator Chris Murphy, den der Schock über das Massaker an den 20 Grundschulkindern in Sandy Hook geprägt hat, die blanke Wut. „Der Kongress muss endlich seinen Hintern heben, und etwas tun“, empörte er sich. „Nirgendwo anders als in Amerika passieren diese schrecklichen Massenschießereien in solcher Regelmäßigkeit“. Die Gebete blieben „grausam leer, wenn sie sich mit gesetzgeberischer Indifferenz paaren“. Doch Experten schätzen, dass es auch diesmal so laufen wird. Trotz 8124 Schusswaffen-Toten 2016 laut FBI. So bleiben die Rituale der TV-Sender, die den Tätern das geben, wonach diese nach Erkenntnissen von Forschern, die sich mit Massakern beschäftigen, am meisten streben: Aufmerksamkeit.

Harvard-Soziologin Zeynep Tufekci sagt, genau das schaffe Nachahmungstäter. „Massenschießereien sind wie Selbstmorde ansteckend“. Wie andere Experten rät sie dringend dazu, nicht auf die Täter abzuheben, das Geschehen summarisch zu berichten und im Fernsehen auf die Wiederholung des Horrors in Endlosschleife zu verzichten. Ein frommer Wunsch. Die Polizei outete Paddock zeitnah. Seitdem schießen Theorien wie Pilze aus dem Boden. Die Wahrheit ist immer noch unbekannt.

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