+
Derzeit warten der Beratungsstelle LeTRa zufolge rund 85 Frauen in ähnlicher Situation auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag.

Asyl

„Es wäre besser, wenn sie uns im Sarg zurückschicken“

Lesbische Frauen werden in Uganda verfolgt und misshandelt. Viele flohen nach Deutschland und hofften darauf, dass ihre Fluchtgründe beim Asylverfahren anerkannt werden - vergebens.

Wenn Racheal gefragt wird, warum sie Uganda verlassen hat, zieht sie die Ärmel ihrer weißen Jacke hoch. Sie zeigt ihre geschundenen, vernarbten Arme. „Das hat er gemacht, als er uns erwischt hat“, sagt sie. Ihr Mann, der sich damals schon von ihr getrennt hatte, habe sie und ihre Freundin zu Hause entdeckt. „Dann hat er mir diese Stücke aus den Armen herausgeschnitten, weil er das Böse herausschneiden wollte. Mein Oberkörper sieht auch so aus.“ Seit Oktober 2018 ist die Modedesignerin, Mitte 40, in Deutschland und wartet darauf, dass über ihren Asylantrag entschieden wird.

Wenn Sandra nach ihren vier Kindern gefragt wird, hält sie inne. Sie kämpft minutenlang mit den Tränen, bis sie sagen kann, dass ihr Kleiner erst zweieinhalb Jahre alt war, als sie ihn zurücklassen musste. 2017 floh die 43-Jährige aus Uganda nach Deutschland, weil sie lesbisch ist, diskriminiert, bedroht, psychisch und körperlich gefoltert wurde. „Ich hatte keine Hoffnung mehr.“ Ihre drei älteren Kinder wachsen bei Freunden auf. Ihr Jüngster sei bei seinem Vater - dem Mann, mit dem sie verheiratet wurde, als ihre eigene Familie merkte, dass sie Frauen liebt – und dessen Familie Sandra dann jahrelang schikaniert habe.

„Es ist dort tödlich für uns“, sagt Grace, die eigentlich anders heißt. „Du musst im Schatten bleiben, du kannst nicht heiraten, wen du willst, du wirst nicht als Frau gesehen, sondern als etwas – und sie foltern dich.“ Sie habe International Business studiert und mit ihrem Bruder ein Unternehmen geführt, bis es ihr unmöglich gewesen sei, weiter in Uganda zu leben. Immer wieder sei sie festgenommen und von ihrem Bruder wieder freigekauft worden. Seit rund anderthalb Jahren ist sie nun in Bayern.

Die Frauen warten auf die Entscheidung, ob ihrem Antrag auf Asyl stattgegeben wird oder nicht. Ihre Hoffnung, dass der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München diesen Weg mit einer Präzedenzentscheidung erleichtern könnte, hat sich aber nun zerschlagen. Das Berufungsverfahren über den Asylantrag einer lesbischen Frau aus Uganda wurde am Montag in der Hauptsache für erledigt erklärt, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Klägerin als Flüchtling anerkennen will. Allerdings sei dies nur eine Einzelfallentscheidung, betonte ein Bamf-Vertreter.

Die 41-Jährige ist seit 2012 in Deutschland. Ihr Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, von der Behörde, später auch vom Verwaltungsgericht. Nun ist sie dennoch am Ziel – und sehr erleichtert. „Ich kann ohne Angst auf der Straße laufen, wir können uns umarmen und küssen“, hatte sie zuvor dem Gericht erzählt. Sie müsse sich hier keine Sorgen machen, verprügelt zu werden und müsse ihre Liebe zu Frauen nicht geheim halten. „Das, was ich bin, kann ich nicht verändern.“

Die lesbische Beratungsstelle Letra in München begrüßte die Entscheidung, auch wenn Asylberaterin Julia Serdarov auf ein Urteil gehofft hatte. Sie sei aber glücklich, dass sich die Frau den Flüchtlingsstatus erkämpft habe. Zudem sei die Entscheidung richtungsweisend, da das Gericht die Verfolgung Homosexueller in Uganda anerkannt habe. Rund 60 lesbische Frauen aus Uganda sind bei Letra angebunden und haben geklagt.

In rund 30 Ländern Afrikas sind gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen verboten. Oft stammen die Gesetze aus der Kolonialzeit. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes beträgt das Höchststrafmaß in Uganda lebenslang. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1962 sei allerdings keine gerichtliche Verurteilung auf der Grundlage dieser Strafvorschriften mehr erfolgt.

Neela Ghoshal, Expertin für Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuelle und Transgender(LGBT) bei Human Rights Watch (HRW), sagt, es gebe dennoch etliche Fälle von Homosexuellen aus Uganda, die weltweit Asyl beantragt haben – viele waren demnach erfolgreich. „Und das aus gutem Grund. Obwohl das Gesetz selten dazu benutzt wird, jemanden zu verurteilen, ist es fast unmöglich, als LGBT-Person in Uganda ein gutes Leben zu leben.“

Obwohl es in Uganda Organisationen und Aktivisten gebe, die sich für LGBT-Menschen einsetzen und die gesellschaftliche Toleranz darum langsam steigt, sei es noch unmöglich, Homosexualität in Uganda offen auszuleben, bestätigt Sam Ganafa, Aktivist und Leiter der Organisation Spectrum, die sich für Gesundheitsrechte einsetzt. „Wenn man das tut, wird man schikaniert oder sogar festgenommen.“ Die Polizei oder Bürger würden das Verbot ausnutzen, um Schwule und Lesben auszubeuten oder zu erpressen. Viele erlebten Gewalt.

Ghoshal zufolge ist die Gefahr einer Festnahme für Frauen zwar geringer, und Lesben lebten oft eher unter dem Radar als schwule Männer. Doch Diskriminierung und Gewalt seien oft genauso schlimm, wenn nicht schlimmer. Es gebe Fälle von Vergewaltigung von Lesben, sagt Ghoshal.

Laut Bamf hatten im vergangenen Jahr 119 Menschen aus Uganda in Deutschland Asyl beantragt, die meisten davon wegen des Bundesländer-Verteilungsschlüssels in Bayern. 2018 waren es bundesweit 157 neue Anträge, im Jahr davor 112.

Ein Großteil der Asylanträge aus Uganda wird aber abgelehnt: 2017 wurde laut Bamf in 327 Fällen entschieden, 220 Anträge wurden abgelehnt. Das entspricht einer sogenannten Schutzquote von 17,1 Prozent. 2018 lag die Quote bei 30,6 Prozent, im vergangenen Jahr bei 17,7. Wie viele dieser geflohenen Menschen Asyl beantragten, weil sie sich wegen ihrer Homosexualität bedroht fühlten, wird nicht erfasst.

Flüchtlingsschutz gemäß Paragraf 3 des Asylgesetzes (AsylG) kommt dann in Betracht, wenn einer Antragstellerin in ihrem Herkunftsland wegen ihrer Homosexualität schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen drohen. „Homosexualität war noch nie ein alleiniges Kriterium für die Zuerkennung eines Schutzstatus“, sagt eine Bamf-Sprecherin. „Die Gefahr muss mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und zielgerichtet wegen der sexuellen Ausrichtung drohen.“ Wer in Deutschland über einen solchen Asylantrag entscheidet, sei angehalten, „die vorgetragenen Fluchtursachen auf Glaubhaftigkeit zu prüfen“, teilt das Bundesamt mit. Für Racheal und Sandra bedeutet das: „Wir sollen beweisen, dass wir wirklich lesbisch sind. Aber wie können wir das beweisen?“

Wenn sie zurückkehren müssten, wäre das eine Katastrophe. „Wenn wir zurückkommen, sind wir geoutet. Das ist gefährlich für uns. Unsere Leichen werden dann wohl nie gefunden“, sagt Grace. „Es wäre besser, wenn sie uns gleich im Sarg zurückschicken.“ 

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion