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Kein Ort, an dem Menschen träumen

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Geflüchtete, untergebracht in einer Massenunterkunft, nahe der slowenisch-österreichischen Grenze in Spielfeld in der österreichischen Steiermark. Photo: Alexander Danner.
Geflüchtete, untergebracht in einer Massenunterkunft, nahe der slowenisch-österreichischen Grenze in Spielfeld in der österreichischen Steiermark. © Alexander Danner

Österreich hat an seinen Grenzen Anlagen zur „Erstregistrierung“ von Geflüchteten eingerichtet. Eine Reportage von Evelyn Schalk über die Isolation,Versorgungslage und Perspektive der Menschen dort.

Keine Nacht schläft er mehr als zwei oder drei Stunden, er friert. „Ich träume schon lang von nichts mehr“, sagt Massud (sämtliche Namen geändert, d.Red.). Vor 13 Tagen ist der 22-jährige Syrer hier angekommen. Zusammen mit Hunderten anderen, die vor Krieg, Hunger und Gewalt fliehen, harrt er seither in einem Großraumzelt aus, Pritsche an Pritsche, darauf dünne graue Wolldecken. Durch ein Loch in der Zeltwand wird warme Luft in den Raum geblasen. Trotzdem zieht es eisig durch die breiten Ritzen, selbst jetzt bei Tag. Vergangene Woche hat es zum ersten Mal geschneit.

Außerdem ist er hungrig, zum Abendessen gab es wieder nur Toastbrot und kaltes Wasser, abgezählte vier Scheiben für jeden, dasselbe wie morgens. Massud dreht ein gelbes Band an seinem Handgelenk hin und her. Neben ihm hustet jemand. „Viele haben Schmerzen.“ Der Mann ist im diesigen Licht kaum zu erkennen, die Decke bis unters Kinn gezogen, liegt er zusammengerollt auf seinem Feldbett. Einen Arzt? Gibt es nicht. Die Polizeiärztin war einmal da – nicht zur medizinischen Versorgung, sondern um die Hafttauglichkeit der Neuankömmlinge zu prüfen.

Das Lager, in dem Massud sitzt, befindet sich nicht auf den griechischen Inseln, er sitzt auch nicht in einem bosnischen Waldstück entlang der Balkanroute. Nicht mehr. Sein Feldbett steht in Österreich, genauer gesagt in Spielfeld, einem entlegenen Straßendorf am Grenzübergang zu Slowenien. Zwischen Weingütern und Wanderwegen müssen hier seit einigen Wochen Schutzsuchende wieder in Zelten schlafen. Seit 2016, nachdem täglich Tausende Geflüchtete ankamen, stehen die vier weißen Großraumzelte hinter Zaunstücken, zwischen kahlen Bäumen und Ödnis.

Aktuell befinden sich etwa 200 Menschen in Spielfeld, die Zahlen variieren, wenn größere Gruppen verlegt werden, sinken sie, aber es kommen immer wieder Geflüchtete an. Jeder, der sich am Container zum Camp-Eingang bei der Polizei registriert, bekommt ein gelbes Armband mit einer Nummer. 2143 ist gerade die höchste, so viele Menschen sind seit Wiedereröffnung des Zeltcamps im Oktober hier angekommen. Nach dieser Nummer erfolgt die Reihung für die Weitertransfers. Massud ist weiter auf den gelben Papierstreifen fixiert.

Freiwillige aus der Umgebung kochen – bei Höchstbelegung für bis zu 500 Menschen – Suppe, Nudeln, Reis und Tee, sammeln Kleider und verteilen Hygieneartikel. Nichts davon steht im Lager zur Verfügung. Denn offiziell soll hier eine „Erstregistrierung“ stattfinden und niemand länger als 48 Stunden bleiben bis zur Verlegung in feste Quartiere. Doch viele warten auf diese Verlegung schon an die zwei Wochen, ohne ausreichende Verpflegung, Waschgelegenheiten, warme Unterbringung, medizinische Versorgung, mit Dixi-Klos und Nummern auf gelben Armbändern.

Iyas, ein lebhafter junger Mann aus Aleppo, zeigt auf ein Paar ausgetretene Flipflops unter seiner Pritsche. „Damit bin ich von der serbischen Grenze bis hierher gelaufen.“ Die Schutzsuchenden sind bereits bei der Ankunft ausgezehrt und übermüdet, oft verletzt. Überlebende des Krieges in Syrien und der Balkanroute, denen alles abgenommen worden ist, von türkischen, griechischen, bulgarischen, serbischen, ungarischen Grenzpolizisten und Soldaten. Iyas zieht die Decke enger um seinen Körper.

„Es gibt klare europarechtliche Vorschriften, wie Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, aufzunehmen und unterzubringen sind“, so die Juristin Petra Leschanz, die sich auch gegen illegale Pushbacks einsetzt. Dieses Recht wird hier vor aller Augen gebrochen. Freiwillige Helfer:innen, von denen viele schon 2015 aktiv waren, berichten von Schusswunden, von Schrapnell, das noch im Fleisch steckt, und eitrigen Wunden, die sie notdürftig versorgt haben. Krätze ist ausgebrochen, Feuchtigkeit, Dreck und Kälte sind optimale Bedingungen dafür. Ende November wird angekündigt, dass bald endlich zweimal wöchentlich eine Ärztin ins Lager kommen soll.

Auch Polizeisprecher Fritz Grundnig räumt ein, dass die Einrichtung nicht für längere Aufenthalte ausgelegt ist. 10 bis 20 Beamt:innen sind täglich vor Ort, ernsthafte Zwischenfälle habe es noch nie gegeben.

Große Hilfsorganisationen wie Caritas oder Rotes Kreuz sind nicht vor Ort. Ein einziges Mal gab es einen runden Tisch – nach einem kurzen Besuch des steirischen Landeshauptmannes Christopher Drexler (ÖVP) und der Sozial- und Asyllandesrätin Doris Kampus (SPÖ) im Lager. Seither: nichts. „Es gibt keine klare Zuständigkeit“, so Christian Taucher von der Caritas Steiermark. Zweimal hat man Kleiderausgaben organisiert, mehr nicht. Es könne nicht sein, dass die Verantwortung der Politik auf NGOs abgewälzt werde. „Mit gutem Management wäre die Situation in kurzer Zeit gelöst.“ Die Suppentöpfe der Freiwilligen dampfen inzwischen täglich vor dem Camp.

Die schwarz-grüne Bundesregierung in Wien und das schwarz-rote Land Steiermark spielen sich derweil die Verantwortung für die Misere gegenseitig zu. Für die Unterbringung ist die Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) im Auftrag des Innenministeriums zuständig. Die wiederum verweist auf die Länder, von denen mit Ausnahme von Wien und dem Burgenland keines seine Aufnahmequoten von Asylbewerber:innen:innen in die Grundversorgung erfüllt. Die Steiermark, in der Spielfeld liegt, ist aktuell um 2889 Plätze säumig. BBU-Sprecher Thomas Fussenegger beharrt: „Unsere Quartiere sind voll.“ Immer wieder wird jedoch von freien Plätzen berichtet. Aber seit drei Tagen ist nun niemand mehr aus Spielfeld in feste Unterkünfte verlegt worden.

Währenddessen wird es von Tag zu Tag kälter, Schnee liegt auf den Zelten. In diesen schlafen ausschließlich Männer, die Mehrzahl aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, Marokko, Tunesien, Somalia, Eritrea, Indien, Pakistan, Türkei. Frauen und Kinder werden in andere Quartiere gewiesen, doch auch dort ist die Lage mehr als prekär.

Gefangen Gehalten

Sicherheitskräfte entlang der EU-Außengrenze in Bulgarien, Ungarn und Kroatien nutzen nach Angaben eines internationalen Rechercheteams geheime Orte wie gefängnisartige Verschläge oder Schiffscontainer, um Flüchtlinge gefangen zu halten. Oft würden die Schutzsuchenden dabei misshandelt, bevor sie über die Grenze zurückgezwungen würden, heißt es in dem Bericht, den das ARD-Magazin „Monitor“ am Donnerstag verbreitete. Die Frankfurter Rundschau hatte jüngst ähnliche Praktiken in Griechenland enthüllt.

Auf verdeckten Aufnahmen ist etwa zu sehen, wie Menschen in einem Verschlag auf dem Gelände einer Station der bulgarischen Grenzpolizei auf dem Boden ausharren müssen. Flüchtlinge berichteten, sie würden teilweise mehrere Tage lang ohne Wasser und Essen eingesperrt. Im Anschluss bringe die Polizei die Menschen wieder zurück an die Grenze und zwinge sie, in die Türkei zurückzukehren.

Die EU-Agentur Frontex war den Recherchen zufolge vor Ort, ohne die menschenunwürdigen Zustände zu beenden. Interne Dokumente belegten, dass im Ort der Station der bulgarischen Grenzpolizei zehn Frontex-Beamte stationiert seien. Immer wieder seien vor Ort parkende Frontex-Fahrzeuge dokumentiert worden.

Beteiligte Staaten wiesen die Anschuldigungen entweder zurück oder ließen konkrete Fragen zu den Recherchen unkommentiert, teilte „Monitor“ mit. Das Team hatte gemeinsam recherchiert mit Journalist:innen von „Der Spiegel“, Lighthouse Reports, Sky News, „Le Monde“, „Domani“, SRF und RFE/RL Bulgaria. pit

Nicht weit von den Zelten sind in der „Pension Grenze“ 25 Schutzsuchende untergebracht. Eine graue Baracke, neben der ein verblichenes Schild „Nightclub The Hell“ prangt. Sie sind schon vor Monaten angekommen, aus diversen Erstunterkünften in ganz Österreich, oft riesige Lagerhallen. Menschen werden weitergereicht, von einer Wartezone zur nächsten. Aus dem verantwortlichen Innenministerium heißt es dazu: besser als Obdachlosigkeit. Doch nicht einmal das stimme, so Petra Leschanz: „Wie oft wurden Leute transferiert, um nach langer Fahrt am Zielort anzukommen. Dort hieß es dann: Wir sind voll.“ Manche hätten nächtelang auf der Straße geschlafen, bevor sie einen Platz bekommen haben.

Die wenigen Zimmer an der Grenze sind klein, doch immer wieder werden Verzweifelte aus den Zelten daneben zum gemeinsamen Essen eingeladen. Die Syrer hier sind entweder direkt aus dem bereits elf Jahre dauernden Krieg geflohen oder haben schon einige Zeit in der Türkei verbracht. Dort droht ihnen nun die Abschiebung zurück in den syrischen Bombenhagel. „Der Rassismus gegen Syrer wird gezielt geschürt“, sagt der 24-jährige Ahmad über die Türkei. Auf der Straße und sogar in den Schulen. „Meinen zehnjährigen Cousin haben sie so verprügelt, dass er ein Auge verloren hat.“ Keiner schicke die Kinder mehr in den Unterricht. Erdogan will die rund eine Million Kriegsopfer los werden – und deportiert sie nach Nordsyrien, wo sie wiederum die ansässige kurdische Bevölkerung verdrängen sollen.

Inzwischen blickt der 22-jährige Zarif immer wieder auf sein Handy. Er kommt aus Idlib, das erst vor wenigen Tagen von der russischen Luftwaffe bombardiert wurde. Seine ganze Familie lebt noch dort. Der letzte Angriff hat 12 Menschen getötet, darunter 10 Kinder. Auch Fawad sorgt sich ständig um seine Angehörigen. 17 Menschen, alle sind sie als Binnenflüchtlinge in einem syrischen Lager gestrandet. Er ist der Einzige, der es nach Europa geschafft hat, auf dem 21-Jährigen lastet die gesamte Verantwortung. Wie Zarif musste auch er die Schule früh abbrechen. „Sie wurde wegen des Krieges geschlossen, da war ich gerade 14 Jahre alt.“ Adil aus Damaskus wiederum hatte eine technische Ausbildung begonnen, Najim studierte Literatur. Der Krieg hat alles beendet.

Exemplarische Routen über den Balkan nach Mitteleuropa. Infografik: dpa.
Exemplarische Routen über den Balkan nach Mitteleuropa. Infografik: dpa. © dpa

Der gerade 18-jährige Dayyan ist bei seinem Versuch, nach Europa zu fliehen, ganze neun Mal von der bulgarischen Grenzpolizei zurück gepusht worden. „Sie schlagen immer hart zu und dann hetzen sie die Hunde auf dich.“ Ein kurzer Blickwechsel mit dem jungen Mann, der ihm schräg gegenüber sitzt. Der streicht sich langsam die nach vorne gekämmten Haare aus der Stirn und offenbart eine Narbe von der rechten Braue bis zum Schläfenansatz. „Einer der Polizeihunde hat mich angefallen, als ich im Wald geschlafen habe.“ Die Bisse hat niemand versorgt, er war auf sich allein gestellt. Schnell streicht er die Haare wieder an ihren Platz in die Stirn.

Seit Schwarz-Blau setzt Österreich in der Asylpolitik strikt auf Abschreckung. Die Landeshauptstadt Graz ist 50 Minuten Zugfahrt entfernt. In der Grundversorgung stehen Asylbewerber:innen:innen in organisierten Unterkünften 40 Euro Taschengeld pro Monat zur Verfügung. Fahrkarten, etwa zum Deutschkurs, kann sich keiner leisten. Ein junger Mann im Zelt erzählt, er sei einmal mit abgelaufenem Ticket erwischt worden. Gnadenlos habe der Schaffner die 105 Euro Strafe gefordert. Da er nicht soviel Geld bei sich hatte, sei diese um weitere 30 Euro erhöht worden. Schon lange fordern Hilfsorganisationen, die kostenlose Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nur Vertriebenen aus der Ukraine gilt, sondern allen Asylsuchenden zu gewähren.Vergeblich.

Eine weitere Forderung sind beschleunigte Verfahren für jene, die mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Asylbescheide bekommen. Dies gilt in erster Linie für Geflüchtete aus Syrien. Die meisten Menschen aus Marokko und Tunesien in Spielfeld wollen wiederum gar nicht bleiben, sondern weiter nach Frankreich, Spanien, Italien. Die angebliche Attraktivität, Stichwort „Pull-Faktor“ Sozialstaat, ist ein Mythos. Allein im Oktober waren 64 Prozent aller Asyl-Entscheidungen Einstellungen, weil Schutzsuchende weitergezogen sind. Dabei hätten etwa Menschen aus Afghanistan, wenn sie es tatsächlich nach Österreich geschafft haben, Anspruch auf Aufenthaltstitel.

Massud hingegen wollte bewusst nach Österreich, wie die meisten Syrer, die über ihre Pläne während der Flucht sprechen. Manche haben schon Familienmitglieder oder Freunde hier, aber allen gilt Österreich als besonders sicher. Ein friedliches Leben nach den vielen Jahren Gewalt, Hunger und Angst. „Nur das zählt“, murmelt Zarif leise, aber alle Umstehenden nicken sofort.

Am Nachmittag haben noch ein paar Jungen am Parkplatz Fußball gespielt und über ein Handy gebeugt den Sieg von Marokko im WM-Spiel gegen Belgien bejubelt. Eine der wenigen Abwechslungen im Lager. Jetzt, kurz vor sechs Uhr abends, ist es leer und still. Ein Mann breitet einen kleinen Teppich zum Gebet aus. Mehr sitzend als kniend, die Bewegungen von geringstmöglichem Radius, ist sein Blick abwesend, kaum zu erfassen. Wie er versuchen auch jene das Gewusel um sie herum auszublenden, die sich schon auf ihre Pritschen gelegt haben, in der Hoffnung auf ein bisschen Schlaf.

Am einem Samstag gibt es eine Solidaritätskundgebung vor dem Camp: „Kunst und Kultur für Menschenrechte“. Ein kurzes Durchbrechen der Abschottung, die Lager wie das in Spielfeld kennzeichnet. Die Isolation macht den Menschen zu schaffen. Fast alle sind von ihren Familien getrennt. Esat aus dem syrischen Raqqa zeigt ein Foto seiner kleinen Tochter. Sie ist sieben Monate alt und wurde in der Türkei geboren, als er schon unterwegs war. Außer auf Handyvideos hat er sie noch nie gesehen. Er zeigt auf das Display und verstummt.

Die Verpflegung wurde Ende November verbessert, aber den Menschen rinnt die Zeit durch die klammen Finger. Das Wichtigste ist für sie: raus aus den Zelten – und die rasche Erledigung ihres Asylverfahrens. Um endlich anfangen zu können. Mit dem Leben. Und vielleicht auch irgendwann wieder mit dem Träumen. (Von Evelyn Schalk)

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