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Studenten demonstrieren am 8. März 1968 in Warschau gegen die Verhaftung ihrer Kommilitonen Adam Michnik und Henryk Szlajfer.

Verdrängter Exodus

Kein Neuanfang in Polen

Auf Studentenproteste von 1968 folgte eine antisemitische Hetze, die 20 000 Juden aus dem Land trieb.

Von ANDREAS MIX

Nicht nur in Berlin, Paris und Chicago, auch in Warschau gingen 1968 die Studenten auf die Straße. Die Studentenproteste von 1968 stehen in Polen jedoch nicht für einen gesellschaftlichen Aufbruch, sondern für eines der schändlichsten Kapitel der Volksrepublik. Die Staatsmacht nutzte die Demonstrationen, um eine Kampagne gegen Juden und Intellektuelle zu entfachen. Fast alle polnischen Juden mussten daraufhin das Land verlassen. Die Erinnerung an den Exodus lastet bis heute auf der Gesellschaft.

Der Anlass für die Proteste war die Absetzung des Theaterstücks "Die Totenfeier" vom polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz. Die Behörden erkannten in der Inszenierung eine versteckte Kritik an der Sowjetunion. Nach der letzten Vorführung am 30. Januar 1968 zogen etwa 300 Studenten vom Warschauer Nationaltheater zum nahen Mickiewicz-Denkmal, um dort "freie Kunst" und "freie Theater" zu fordern. Die Miliz nahm die Demonstranten fest, und der Rektor relegierte die Studenten Adam Michnik und Henryk Szlajfer, die mit ausländischen Korrespondenten über die Vorfälle gesprochen hatten.

Bei ihrem Protest gegen die restriktive Kulturpolitik wurden die Studenten von den jungen Dozenten Jacek Kuron und Karol Modzelewski sowie Mitgliedern des staatlichen Schriftstellerverbands unterstützt. Als sich am 8. März etwa 1000 Studenten auf dem Hof der Warschauer Universität einfanden, um für die Wiederzulassung von Michnik und Szlajfer zu protestieren, knüppelten Einheiten der Miliz die Demonstranten nieder. In den folgenden Tagen kam es auch in Krakau, Breslau, Posen und anderen Universitätsstädten zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Miliz, die von den Demonstranten als "Gestapo" beschimpft wurde.

Innerhalb einer Woche nahmen die Polizeikräfte mehr als 2000 Personen fest. In der Presse waren ihre Namen zu lesen. Darunter befanden sich viele Kinder von Parteifunktionären. Wegen ihrer Privilegien wurden sie als "Bananenjugend" verspottet. Nun galten sie als "Zionisten" und Feinde Volkspolens. Die Vereinigte Polnische Arbeiterpartei organisierte in den staatlichen Großbetrieben Gegendemonstrationen. "Reinigt die Partei von Zionisten" und "Juden nach Palästina", forderten dabei die Arbeiter.

Der antisemitische Ausbruch unter dem Deckmantel des Antizionismus kam nicht unvorbereitet. Nach dem Sechs-Tage-Krieg hatte Polen wie fast alle Staaten des Warschauer Pakts die Beziehungen zu Israel abgebrochen. Die heimliche Sympathie in Teilen der polnischen Bevölkerung mit den "zionistischen Imperialisten" veranlasste die Staats- und Parteiführung zu einem schärferen Vorgehen. In einer live übertragenen Fernsehansprache denunzierte der Generalsekretär der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei, Wladyslaw Gomulka, im Juni 1967 die polnischen Juden als "fünfte Kolonne in unserem Land". General Wojciech Jaruzelski entließ in den folgenden Monaten alle Offiziere jüdischer Herkunft aus der Armee.

Auch geschichtspolitisch machte die Partei mobil. Der Beitrag über nationalsozialistische Konzentrationslager in der "Großen Allgemeinen Enzyklopädie" von 1965 rief die Zensur auf den Plan, weil darin zu lesen war, dass die Opfer der Vernichtungslager "zu etwa 99 Prozent Juden" waren. Parteiideologen sahen damit das Martyrium und den Widerstand der polnischen Nation herabgesetzt.

Schrittmacher der antisemitischen Kampagne war der ehrgeizige Innenminister Mieczylaw Moczar. Als Vorsitzender des "Verbands der Kämpfer für Freiheit und Demokratie" integrierte er zahlreiche ehemalige Kombattanten der Heimatarmee, die während des Stalinismus als faschistische Kollaborateure denunziert worden waren. Moczar und seine Partisanen genannte Clique griffen auf nationalistische Parolen und antisemitische Ressentiments zurück, um dem angeschlagenen Regime neue Legitimität zu verschaffen. Die imperialistischen Mächte der Bundesrepublik und Israels hätten sich gegen Volkspolen verschworen, verkündete die Propaganda. Für die stalinistischen Verbrechen machten die Partisanen die Juden verantwortlich.

Die Kontinuität zwischen dem Antisemitismus in der II. Republik und dem staatlich sanktionierten Antizionismus der Volksrepublik symbolisierte Boleslaw Piasecki, der Vorsitzende des regierungstreuen Katholikenverbands PAX. Piasecki war vor dem Krieg Gründer des nationalradikalen Lagers, das für einen Ausschluss der Juden aus der polnischen Nation kämpfte. Nach den Demonstrationen vom 8. März 1968 eröffnete Piasecki die Pressekampagne gegen die "zionistischen Rädelsführer". Höhepunkt der so genannten Märzereignisse war der Auftritt von Gomulka vor Parteifunktionären im Warschauer Kulturpalast. Um gegenüber Moczar die Initiative zurückzugewinnen, forderte er die mit Israel sympathisierenden Juden dazu auf, Polen zu verlassen.

Gomulkas landesweit übertragene Rede, die immer wieder von anfeuernden Zwischenrufen unterbrochen wurde, war das Fanal für eine große "Säuberungs"-Welle. Entlassen wurden Professoren, Ärzte, Parteifunktionäre und Verlagsmitarbeiter. Betroffen waren hauptsächlich Personen jüdischer Herkunft. Nur die wenigsten von ihnen waren sich dessen überhaupt bewusst gewesen. Die plötzliche Ausgrenzung war für sie ein Schock. Bis Anfang der siebziger Jahre mussten etwa 20 000 Juden Polen verlassen. Sie emigrierten nach Israel, Westeuropa oder in die USA. Die kleine jüdische Gemeinde, die nach der Katastrophe des Holocaust einen Neuanfang in Polen gewagt hatte, hörte damit praktisch auf zu existieren.

Der Exodus war zugleich ein gewaltiger intellektueller Aderlass. Zu den Ausgebürgerten gehörten renommierte Wissenschaftler wie der Soziologe Zygmunt Bauman. Aber auch nichtjüdische Oppositionelle wie der Philosoph Leszek Kolakowski verließen das Land. Widerstand gegen die Mobilisierung der antisemitischen und antiintellektuellen Ressentiments gab es kaum. Allein die kleine katholische Znak-Fraktion im Sejm protestierte gegen das Vorgehen. Parteifunktionäre wie Außenminister Adam Rapacki oder Staatsratsvorsitzende Edward Ochab, die sich dem verschärften nationalistischen Kurs verweigerten, wurden aus dem Amt gedrängt.

Parteichef Gomulka, der Moczars Griff nach der Macht 1968 noch abwehren konnte, stürzte zwei Jahre später nach Arbeiterunruhen an der Ostseeküste. Mit dem Vorgehen während der Märzereignisse hatte sich die kommunistische Partei moralisch dauerhaft diskreditiert. Polnisch-jüdische Themen blieben bis in die achtziger Jahre tabuisiert. Viele Protagonisten von 1968 wie Adam Michnik und Jacek Kuron gehörten später zu den führenden Mitgliedern der Solidarnosc und gestalteten die Systemtransformation von 1989. Historisch ist der "traurige Frühling" (so der 1968 vertriebene Michal Checinski) inzwischen sorgfältig erforscht, doch die Erinnerung daran schmerzt noch immer.

Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, dessen politische Karriere in der kommunistischen Partei der späten Volksrepublik begann, entschuldigte sich 1998 offiziell bei den Ausgebürgerten. Sein Nachfolger Lech Kaczynski, der die Unruhen von 1968 als Jurastudent in Warschau erlebte, ehrte jetzt vierzig der damaligen Demonstranten mit dem Orden für die Wiedergeburt Polens. Henryk Szlajfer und Adam Michnik gehörten nicht dazu. Als Herausgeber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza ist Michnik einer der schärfsten Kritiker von Kaczynski. Führende Intellektuelle fordern außerdem, den 1968 Verjagten die polnische Staatsbürgerschaft symbolisch zurückzugeben. Doch der Präsident zögert.

Die wieder Eingebürgerten könnten Eigentumsansprüche gegenüber Polen geltend machen, warnen Kritiker aus der Opposition, die von Lech Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw angeführt wird. So wird das Gedenken an die Märzereignisse von 1968 vom politischen Streit überschattet.

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