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Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, während der Wahlparty der CSU im Landtag.

Landtagswahl in Bayern

"Kein gutes Ergebnis. Schmerzhaft"

Die CSU fährt die übelste Wahlniederlage seit 1950 ein. Markus Söder will trotzdem oder deswegen ganz schnell weiterregieren - den möglichen Koalitionspartner hat er schon ausgemacht.

Von Christian Deutschländer

Die Operation Machterhalt beginnt um 18:38 Uhr. In einem Treppenhaus im verwinkelten Landtag, zwischen erstem und zweitem Stock, rennt die Delegation von Markus Söder in eine Gruppe Freier Wähler. Hubert Aiwanger, der Chef, steht etwas verdutzt in der Mitte. Söder greift ihn sich sofort, sucht sein Ohr, geht nahe ran. Seine Priorität sei klar eine bürgerliche Regierung, sagt der Ministerpräsident. Er wolle reden. Ob man am Montag telefonieren könne? Aiwanger nickt, sagt zu.

So schnell geht das mit den Sondierungsverhandlungen in Bayern. Das Zwei-Minuten-Treffen am Treppenabsatz bleibt im Landtag, in dem am Wahlabend sonst für keine Maus mehr Platz ist, fast völlig unbemerkt – in Söders Strategie passt es aber bestens. Der Ministerpräsident, der gerade die übelste Wahlniederlage eines CSU-Regenten seit 1950 erlitten hat, will einfach mit Vollgas weitermachen. Schnell, Hauptsache schnell, weil die Verfassung enge Fristen für die Regierungsbildung setzt; und damit niemand auf die Idee kommt, dabei länger als unbedingt nötig über den Regierungschef nachzudenken. An diesem Wahlabend rennt er wie aufgezogen durch den Landtag, vor seine Anhänger, dann vor die Kameras.

Söders Botschaft ans Volk ist knapp und klar. Im Eildurchgang: „Kein gutes Ergebnis. Schmerzhaft. Wir nehmen es mit Demut an. Wir wollen besser werden. Wir werden besser werden.“ Es ist eine sorgsam austarierte Mitte zwischen Sack-und-Asche-Stimmung und Triumphgeheul, beides unangemessen bei diesem Ergebnis.

Er wirkt angegriffen, getroffen von diesen Zahlen, aber gefasst. Söder kommt zupass, dass er notorischer Pessimist ist, lieber mit schlechten Ergebnissen rechnet. Und dass er an diesem Nachmittag schon eine emotionale Achterbahnfahrt hinter sich hat. Bald nach 15 Uhr treffen ja die ersten Exit-Polls ein, interne, vertrauliche Schätzungen der Institute, über die niemand sprechen darf und die im Polit-Zirkus doch jeder kennt. Sie schwanken diesmal extrem: die CSU wabert zwischen 32 und 37, der Erzrivale AfD erreicht zwischendurch 15.

Söder nutzt die Zeit vor 18 Uhr, um seine Vertrauten einzuschwören. Auf eine Koalition mit den Freien Wählern, Projektname „bürgerliche Regierung“. Und auf etwas, womit in der CSU vor diesem Wahlsonntag keiner gerechnet hat: Ruhe. Es gibt eine Art Nichtangriffspakt zwischen den Parteifreunden Söder und Horst Seehofer. Dreimal sollen sie telefoniert haben am Wochenende, also mutmaßlich öfter als in den ersten zehn Monaten des Jahres. Erst die Regierungsbildung abwarten, dann über Personal reden, ist ihr Kurs. Nicht aus Nächstenliebe, eher aus Angst: Seehofer will politisch überleben; Söder sorgt sich, im Strudel eines schnellen Seehofer-Sturzes mitgerissen zu werden. Das bringt sie nicht so nahe zueinander, dass sie den Wahlabend gemeinsam verbringen könnten; Söder sitzt mit seinen Leuten tagsüber in der Staatskanzlei in München-Mitte, Seehofer mit ein paar Parteivizes in der CSU-Zentrale in München-Nord. Zumindest feuern sie aber nicht aufeinander.

Die meisten CSU-Wichtigen gehen diesen Kurs am Abend mit. Manche matt, achselzuckend, „wir brauchen eine stabile Regierung“, murmelt Finanzminister Albert Füracker. Andere aufgedreht und emotional wie Innenminister Joachim Herrmann. Er, dessen langsamer Sprachduktus in Bayern gern parodiert wird, redet doppelt so schnell wie üblich in eine TV-Kamera. „Herbe Verluste, müssen sorgfältig analysiert werden, aber sehr knappe Frist für eine neue Regierung“, lautet sein Stakkato. „Ich glaube, dass es ein Murren gibt“, sagt Sozialministerin Kerstin Schreyer, auf ihren Parteichef angesprochen: „Aber es wird darauf ankommen, dass wir die Regierung in Bayern solide aufstehen.“

Vor dem CSU-Sitzungssaal steht Alfred Sauter, auf dem Papier einfacher Landtagsabgeordneter, in der Politwelt einer der engsten Seehofer-Vertrauten. „Disziplin, Härte, Geschlossenheit“ brauche man jetzt, sagt er. Man müsse sich „erst in Ruhe zusammensetzen“.

Seehofer kommt am Abend auch selbst in den Landtag. Er nimmt den Lift nach oben. „Ich habe schon viele Zyklen in der Politik erlebt“, sagt er leise. „Das ist kein schöner.“ Er will aber nicht von sich aus weichen. „Ich werde meine Verantwortung weiterhin wahrnehmen“, sagt er, und es soll selbstverständlicher klingen, als es ist. Doch fällt schon auch auf, wie die eingefleischten Wahlkämpfer auf ihn reagieren, als er kurz auf der Wahlparty auftaucht: matter Beifall, höflich, diszipliniert; während Söder heftig beklatscht wird.

Die nächsten Tage werden nun zeigen, ob in der CSU doch noch Köpfe rollen. Am Montagvormittag tagt der Parteivorstand, in dem viele Seehofer-Kritiker sitzen. Erwin Huber zum Beispiel, der Vorgänger als Parteichef, wird sich da zu Wort melden. Er tut es ja schon auf der Wahlparty, mit Glockenschlag 18 Uhr: Die CSU müsse sich erneuern, inhaltlich wie personell, an Haupt und Gliedern, sagt er. Seehofer wird das als Attacke verstehen, er lässt es vorerst unkommentiert.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten: Ist es das, was die CSU an diesem Abend probt? Bei näherem Hinsehen wird klar, dass es so einfach nicht gehen wird. Die Verluste sind in der Summe schlimm, im Detail katastrophal. Etliche Stimmkreise sind verloren gegangen, mehrere der jungen, guten Leute hat es erwischt, mit denen die CSU nicht gesegnet ist. In Würzburg ist der Sozialpolitiker Oliver Jörg wohl draußen, in München jeder zweite Direktkandidat. Wer sie sehen will, sieht am Rande der Wahlparty weinende Mitarbeiter.

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