KOMMENTAR

Kein Gras über Auschwitz

Die Zeiten ändern sich. Selbst wenn sich noch nicht richtig erkennen lässt, in welche Richtung das wirklich geht. Selbst wenn das eher ein Gefühl ist, das

Von MATTHIAS ARNING

Die Zeiten ändern sich. Selbst wenn sich noch nicht richtig erkennen lässt, in welche Richtung das wirklich geht. Selbst wenn das eher ein Gefühl ist, das einen beschleicht, wenn man sich die ungeheure Flut neuer Publikationen zum Ende des Zweiten Weltkriegs ansieht. Dann geht es zumeist um "deutsche Brandstätten" und das Schicksal der Vertriebenen. Nur selten um Auschwitz und die deutschen Profiteure der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Schon jetzt lässt sich sagen: Am Ende dieses an historischen Wegmarken nicht armen Jahres könnten geschichtspolitische Akzente verschoben sein. Vielleicht fällt dann manchem auf, wie gut es ist, dass es diesen 27. Januar als Gedenktag gibt.

In den Debatten, die man in dieser Republik führt, um sich über sich selbst zu verständigen, ändert sich nicht Unerhebliches. Bislang suchten sich die Auseinandersetzungen darüber, was denn eigentlich die Berliner Republik ausmacht, stets den nationalsozialistischen Terror als Fokus. Das gilt etwa für die umstrittene Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht. Das zeigte sich in der Debatte um die Bürde von Auschwitz, die der Schriftsteller Martin Walser bei einer Rede in der Paulskirche zu seinem Thema machte. Vor allem aber zeigt es sich in den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um den Bau des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Zu dem Besten, was sich über diese Erörterungen sagen ließ, gehörte die Einsicht: Die Debatte über das Mahnmal ist vielleicht das eigentliche Mahnmal.

Mit dessen Eröffnung am 10. Mai dieses Jahres kommen die erinnerungspolitischen Dispute an einen einstweiligen Endpunkt. Der wäre beinahe schon erreicht gewesen, als der US-amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen nach seiner Provokation mit dem "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihnen für den zweiten Teil bescheinigte, sie hätten einen langwierigen Entwicklungsprozess gut gemeistert. An diesem Schlusspunkt konnte man sagen: Die Deutschen sind gute Demokraten geworden. Was wollte man mehr. Sind sie ja auch. Selbst wenn es in Landesparlamenten Ausreißer gibt, können sie selbstbewusst genug sein, um als Verfassungspatrioten aufzutreten.

Mit dem Mahnmal erhalten sie einen Ort, von dem Kanzler Gerhard Schröder verlangt, dass man dort "gerne hingeht". Der Regierungschef ist seit den Feiern in der Normandie am Jahrestag der Landung der Alliierten damit befasst, die heutige Bedeutung Deutschlands in der Welt zu untermauern. Und er richtet sich geschichtspolitisch in dem Raum ein, den sein Vorgänger geschaffen hat. Vor zwei Jahrzehnten in Israel, ausgerechnet. Helmut Kohl sagte in der Knesset: "Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte", wegen, eben, "der Gnade der späten Geburt".

Ein bisschen scheint es so, als habe der frühere Bundespräsident Roman Herzog das geahnt, als er 1996 den 27. Januar als Holocaust-Gedenktag proklamierte. Gleich hielt man ihm entgegen, dieser Tag sei doch der Tag der Opfer und der Befreier und als nationaler Gedenktag ungeeignet.

Herzog beharrte darauf, dass die Republik diesen Tag des Nachdenkens brauche. Und wenn es künftig nur darum gehen sollte, die kollektive Verantwortung für das, was in Auschwitz geschehen ist, von dem zu unterscheiden, was Leid in Familien während der Luftangriffe auf deutsche Städte bedeutete. Oder zu differenzieren zwischen dem Nationalsozialismus und dem Sozialismus in der DDR. Zwei Unrechtsregimen auf deutschem Boden, die sich vor allem durch ein singulares Ereignis voneinander abheben - den Völkermord an den europäischen Juden. Gerade deshalb, gerade wegen Auschwitz, diesem Menschheitsverbrechen, dürfen die Differenzen nicht eingeebnet werden, muss man dem Bemühen etwa in der sächsischen Gedenkstättenpolitik entgegentreten, zwei totalitäre Regime über die Erinnerung an die jeweiligen Opfer miteinander zu vermengen - und zu relativieren.

Die Begründung dafür reicht in die alte Bundesrepublik zurück. In die Debatten des Bundestags zur Verjährung der NS-Verbrechen 1979. Der vormalige Bundesinnenminister Werner Maihofer machte deutlich, warum in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen Mord und Völkermord beibehalten werden müsse. "Über Mord wächst irgendwann einmal Gras, und zwar im Regelfall schon nach einer Generation", sagte der Liberale. Und setzte hinzu: "Über Auschwitz aber wächst kein Gras, noch nicht einmal nach 100 Generationen."

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion