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Eine ehemalige Beschneiderin zeigt ein Werkzeug, mit dem die Frauen in Kenia vor dem Verbot der Praxis verstümmelt wurden.
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Eine ehemalige Beschneiderin zeigt ein Werkzeug, mit dem die Frauen in Kenia vor dem Verbot der Praxis verstümmelt wurden.

Genitalverstümmelung

Kein Gehör für Aryas Schmerz

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Ausbremsen beim Familiennachzug, Mauern im Asylverfahren: Wie deutsche Behörden Opfern von Zwangsbeschneidung dringend nötigen Schutz verweigern.

Acht lange Seiten umfasst das Anhörungsprotokoll im Asylverfahren von Arya L. (Name geändert). Gut achtzig Fragen und Antworten füllen die Seiten – die meisten davon kreisen um ihren Fluchtweg, um Daten und Orte, um ihre Verwandtschaft in Somalia. Oft hakt der Entscheider des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mehrfach nach. Ausgerechnet über eine Antwort aber geht er hinweg. Es ist die auf die Frage nach den Fluchtgründen: „Ich wurde nach der pharaonischen Art und Weise beschnitten“, erklärt die Somalierin dem Protokoll zufolge. „Als ich 15 wurde, wurde ich mit einem Mann verheiratet. Durch diese Ehe ist ein Kind entstanden, das ich 2015 zur Welt gebracht habe.“

Fluchtgrund Genitalverstümmelung, abgekürzt FGM (für Female Genital Mutilation): Frauen und Mädchen, die davon betroffen oder bedroht sind, können hierzulande seit einigen Jahren den vollen Flüchtlingsschutz bekommen. Das betont die Bundesregierung, das schreibt auch das Bamf in seiner für Asyl-Entscheider bindenden „Dienstanweisung Asyl“ von 2019. Doch in der Praxis sind die Hürden laut Anwält:innen zu hoch: Das Bundesamt entscheide entgegen den Verlautbarungen zu restriktiv. Es fehle an qualifizierten Ärzt:innen, die die für Asylverfahren erforderlichen Atteste ausstellen können. Und auch das Auswärtige Amt (AA) steht am Pranger: Familiennachzugsverfahren dauern demnach oft so lange, dass von Zwangsbeschneidung bedrohte Mädchen nicht rechtzeitig ausreisen können.

Arya L. ist „pharaonisch“ beschnitten worden. Das ist die weitestgehende, brutalste Form (siehe Infobox rechts), und die in Somalia übliche. Lena Ronte, L.s Anwältin und Expertin für FGM-Asylstreitfälle, ist sich sicher: „Dass sie die Beschneidung in der Anhörung so klar benannt hat, zeigt nur, wie hoch ihr Leidensdruck deshalb war. Der Entscheider hätte hier nachfragen müssen.“

Doch das hat er nicht getan. Und Flüchtlingsschutz bekommt Arya L. auch nicht, obwohl sie noch schildert, dass ihr die Zwangsverheiratung mit einem Milizionär der islamistischen Al-Shabab drohte, dass sie von einem Schlepper auf der Flucht vergewaltigt wurde und von diesem nun ungewollt schwanger ist. Im Ablehnungsbescheid wird die Genitalverstümmelung nicht einmal erwähnt, sondern die Schilderungen der jungen Frau als unglaubwürdig eingestuft. Arya L. droht damit die Zwangsrückkehr nach Somalia. Die Klage dagegen liegt beim Verwaltungsgericht. Für Lena Ronte ist der Fall typisch. Das rechtlich geforderte „offensive Nachfragen“ seitens der Entscheiderinnen und Entscheider finde zu oft nicht statt, vor allem bei Typ-3-Beschneidungen. „Hier unterstellt das Bundesamt einfach, dass FGM nicht mehr drohe, da die Frau ja schon maximal beschnitten ist.“ Eine zynische Logik, so Kritiker:innen.

Ronte hat zahlreiche Mandantinnen, denen es so erging: Folgeerkrankungen und bleibende Traumatisierungen würden vom Bamf ignoriert, und vor allem die Gefahr der „Reinfibulation“, der verbreiteten erneuten Genitalverstümmelung nach jeder Entbindung. Das Bundesamt weist die Kritik auf Anfrage zurück und betont, jeder Fall werde „individuell geprüft“. Entscheider:innen müssten „bei Anhaltspunkten auf drohende Genitalverstümmelung… dies auch ohne vorherigen eigenen Vortrag der Antragstellerin aufklären“. Zahlen über Anerkennungen aufgrund von FGM nennt das Bundesamt aber nicht, sie würden statistisch nicht erfasst.

Auch Arya L. kann erst in der Anwaltskanzlei alles erzählen, was sie durchgemacht hat. Ihre Qualen, die im Asylbescheid unerwähnt bleiben, finden sich in Rontes Klageschrift: Beschnitten wird Arya L. demnach mit sieben Jahren, mit 15 von den Eltern verheiratet. „Weil ihre Scheidenöffnung durch die Beschneidung und Infibulation fast vollständig verschlossen war, war es ihrem Ehemann zu Beginn der Ehe nicht möglich, beim Geschlechtsverkehr in sie einzudringen. Er versuchte es immer wieder, schließlich mit Gewalt, bis das winzige Loch… soweit gedehnt bzw. aufgerissen war, dass eine Penetration möglich war. Die Klägerin erlitt dies still. Sie hatte unvorstellbare Schmerzen.“ Irgendwann wird L. schwanger, bei der Entbindung reißt die Beschneidungsnarbe, ein Dammschnitt ist nötig. Und heute? Ronte ist überzeugt: „Bei einer Rückkehr nach Somalia droht ihr mehrfach geschlechtsspezifische Verfolgung: „Wegen des unehelichen Kindes, das aus der Vergewaltigung hervorging, würde sie ausgegrenzt, bei jeder erneuten Schwangerschaft oder Heirat höchstwahrscheinlich reinfibuliert, und auch eine erneute Zwangsehe würde ihr drohen.“ Wann das Verwaltungsgericht über die Klage entscheidet, ist offen.

Besiegelt ist dagegen das Schicksal der jungen Mädchen, deren in Deutschland lebende Mutter sie schon 2017 zu sich holen wollte. Ronte erinnert sich an dieses Verfahren als ein besonders belastendes – „den Mädchen wäre sehr viel erspart geblieben, wenn das Auswärtige Amt den Familiennachzug damals gleich erlaubt hätte“.

Sie fasst das Drama zusammen: Zur Zeit der Visaanträge Ende 2017 leben die damals zwölf, zehn und acht Jahre alten Geschwister als unbegleitete Flüchtlinge in Kenia. Das sei eine „generell prekäre, gefährdete Lage“, so Ronte, „für Mädchen erst recht“. Doch das Auswärtige Amt lehnt die Visa im August 2018 ab, denn die Mutter habe aufgrund ihres Status kein Recht auf Familiennachzug. Die Kanzlei sieht das anders und erhebt Klage. Der Rechtsstreit zieht sich in die Länge.

Die Mutter durchlebt eine Höllenzeit, telefoniert fast täglich mit den Kindern, schickt Geld, versucht, sie im Alltag zu unterstützen. Dann passiert das, was sie hatte verhindern wollen: Das älteste Mädchen wird Anfang 2019 von Verwandten aufs Land gelockt und dort pharaonisch beschnitten. Es kommt zu Komplikationen, Lebensgefahr, Klinikbehandlung. Kurz darauf wird die Zweitälteste Opfer sexueller Gewalt, die Älteste im Sommer dann ebenfalls. Die Kanzlei stellt daraufhin einen Eilantrag, legt dem Gericht Klinikberichte und Aussagen der Kinder vor. Das AA widerspricht mit dem Argument, die Mädchen hätten zwar „unterschiedlichste körperliche und seelische Schädigungen“ hinnehmen müssen – „allerdings geht von diesen bereits abgeschlossenen Handlungen keine imminente Gefahr aus.“ Im Oktober 2020 kommt plötzlich doch die Wende: Das Auswärtige Amt erteilt die Visa. Ronte und ihre Kolleg:innen kennen diese Strategie, „erst einzulenken, wenn sich eine Niederlage vor Gericht abzeichnet“.

So gehe der Wettlauf gegen die Zeit zu oft verloren: „Wir kennen mehrere Fälle, in denen der Familiennachzug, der derzeit zwei bis vier Jahre dauert, zu spät kam. Die Mädchen kommen schwer traumatisiert hier an, oder sie verschwinden vorher und werden zwangsverheiratet.“ Das Auswärtige Amt erklärt der FR zu der Kritik, bei konkreten Gefahren für Minderjährige werde ein Visaantrag „im Rahmen des rechtlich Möglichen priorisiert“, allerdings hänge die Verfahrensdauer von vielen Faktoren ab, die das AA nicht alle beeinflussen könne.

Die drei Geschwister sind immerhin inzwischen bei ihrer Mutter in Deutschland. Die Familie versucht, zu sich zu kommen, die Töchter gehen zur Schule. Erst nach der Ankunft kam heraus, dass auch die Zweitälteste beschnitten wurde. Der lange Weg der Mädchen zur Verarbeitung des Traumas hat gerade erst begonnen.

INFOS & HILFE

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung (abgekürzt FGM, für Female Genital Mutilation) werden betroffenen Mädchen und Frauen die äußeren Genitalien ganz oder teilweise abgeschnitten, oft ohne Narkose und unter mangelhaften hygienischen Bedingungen. Menschenrechts- und Frauenorganisationen sprechen auch von FGM/C, wobei das C für Cutting (Beschneidung) steht. Sie verweisen darauf, dass betroffene Frauen aufgrund ihres traditionellen Hintergrunds das Wort „Verstümmelung“ oft als abwertend empfinden.

Rund 200 Millionen Frauen sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit betroffen, vor allem in Ländern West- und Ostafrikas, aber auch in Lateinamerika und Asien. Es handelt sich um eine schwere Menschenrechtsverletzung mit lebenslangen Folgen. Sie ist inzwischen in zahlreichen internationalen Übereinkommen geächtet und in vielen Staaten verboten, jedoch setzen die Staaten das Verbot häufig nicht durch. In Deutschland ist nicht nur die Durchführung, sondern auch die Beihilfe zu FGM strafbar, ebenso muss mit Strafe rechnen, wer die eigene Tochter im Ausland beschneiden lässt. Im Asylrecht gilt FGM als geschlechtsspezifische Verfolgung, Betroffene können Flüchtlingsschutz oder Asyl bekommen.

Die WHO unterscheidet im Wesentlichen drei Typen von FGM. Bei Typ I werden Klitoris und/oder Klitorisvorhaut ganz oder teilweise entfernt, bei Typ II außerdem die kleinen und unter Umständen die großen Schamlippen. Bei Typ III (Infibulation) wird darüber hinaus die Vaginalöffnung bis auf ein kleines Loch zugenäht – diese Form ist vor allem in afrikanischen Ländern verbreitet. Es gibt Regionen, wo der Verschluss vor Geburten jeweils erneut geöffnet und danach wieder verschlossen wird (De- und Reinfibulation), was jedes Mal wieder große Schmerzen und Risiken bringt.

Die Tradition der Genitalverstümmelung ist wahrscheinlich vor 3000 Jahren in unterschiedlichen Regionen der Welt entstanden. Die Frauenrechtsorganisation FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht) schreibt, dazu: „Heutzutage wird FGM/C in stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften praktiziert. FGM/C ist Ausdruck tief verwurzelter männlicher Besitz- und Kontrollvorstellungen über die Frau und ihren Körper, da sie vornehmlich als Sexualobjekt, Gebärende und Haushälterin gesehen wird.“ Die Ausführenden bei der Zwangsbeschneidung sind aber Frauen.

Infos, Beratung und Hilfe gibt es etwa bei: www.fim-frauenrecht.de; www.netzwerk-integra.de oder dem bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (kostenlos unter 08000-116016). Die Bundesärztekammer hat Empfehlungen zum Umgang mit betroffenen Patientinnen herausgegeben. Auf der Website des Bundesfamilienministeriums gibt es zum Download den neuen Schutzbrief, der Mädchen und Frauen bei Auslandsreisen vor FGM schützen soll: www.bmfsfj.de.

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