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Baden-Baden: Kein deutsches Paradies mehr

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Baden-Badens russisch-orthodoxe Kirche kann auch keinen Beistand mehr bieten.
Baden-Badens russisch-orthodoxe Kirche kann auch keinen Beistand mehr bieten. © imago images/Arnulf Hettrich

In Baden-Baden gerät das mondäne Russland jetzt ins Straucheln

Vier Fäuste und eine offene Bierdose fliegen durch den Bus 216 auf der Strecke zur Altstadt von Baden-Baden, die Fahrgäste, alle so 70 Jahre und drüber, verharren in Schockstarre. Und das am Donnerstagvormittag!

„Spannungen zwischen Russen habe ich erlebt, aber so etwas noch nicht“, meint der Busfahrer, nachdem der angetrunkene glatzköpfige Angreifer an einer Haltestelle Reißaus genommen hat.

„Ich bin ihm auf den Fuß getreten, danach wollte er sich nicht mehr beruhigen“, beschreibt der ältere Angegriffene die Eskalation. Er ist bei alledem erstaunlich ruhig geblieben. Beide haben sich zuvor auf Russisch angemotzt.

Baden-Baden ist ein russischer Sehnsuchtsort

Baden-Baden ist seit mehr als 200 Jahre dank seines berühmten Casinos und seiner Bäder ein russischer Sehnsuchtsort. Zuerst war es der zaristische Adel, den es hierher zog, dann das nach und nach schwindende ex-zaristische Exil. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen wieder Menschen und Kapital in die Kurstadt, wo schon Dostojewski und Turgenjew weilten und zockten.

Die Stimmung ist aber nicht mehr die von einst. Seit wann das so ist, da scheiden sich die Geister. Schlagzeilen machte beispielsweise ein ukrainischer Hotelangestellter, der nach Beginn der Invasion russischen Staatsangehörigen Gewalt androhte und daraufhin entlassen wurde. Seit 2014, seit Annexion der Krim, hat die Stadt die Partnerschaft mit Jalta auch „ruhen lassen“, so die offizielle Formulierung, seit März dann auch die mit Sotschi.

„Nach dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar erlebten wir eine Welle der Hilfsbereitschaft bei vielen Russen“, betont Petra Heuber-Sänger, zuständig bei der Kommune für Kulturkontakte und Städtepartnerschaften. Insgesamt seien in der Stadt mit ihrer Bevölkerung von etwas über 55 000 so 1750 aus der Ukraine Geflohene aufgenommen worden, die meisten privat.

Baden-Baden: „Die fetten Jahre sind vorbei“

Geht man heute durch die Altstadt von Baden-Baden, fällt auf, wie selten Schilder in den Auslagen geworden sind, auf denen Kommunikation in russischer Sprache angeboten wird. „Das gegenseitige Vertrauen ist dahin. Das wird mindestens eine Generation brauchen, um dies wieder aufzubauen“, sagt ein ansässiger Kunsthändler. Mittlerweile würden Russinnen und Russen von ihrer Kollegenschaft diskriminiert – oder, so sie reich sind, machten ihnen die Sanktionen zusehends das bisherige Leben schwerer. Beste Hanglage ist dann schnell Vergangenheit.

„Die fetten Jahre sind vorbei.“ Davon ist der Händler überzeugt. Hinzu kommt, dass die „Expats“ aus dem Osten ihre teuren Immobilien gar nicht verkaufen können: Von Gesetz wegen sind den Banken so hohe Geldtransaktionen mit russischen Staatsangehörigen nun verboten. Das erfährt man erst auf Nachfrage in einem deutsch-russischen Immobilien-Büro, wo das Auftauchen von Presse kein Entzücken auslöst.

In Baden-Badens Casinos hat man gerne Bares.
In Baden-Badens Casinos hat man gerne Bares. © imago images/robertharding

Eine russischstämmige Beraterin mit Vornamen Elina meint, dass die Finanzprobleme ihrer Kundschaft mit der Corona-Krise zusammenhingen und nicht kriegsbedingt seien. Sie unterteile in Baden-Baden „nicht in Russen und Nichtrussen“, sondern in „schlecht erzogene Menschen und besser erzogene“; das zu sagen, ist ihr scheint’s wichtig.

Viele Russinnen und Russen sind auch freundlich, über Weltpolitik und deren Auswirkung aufs Lokale wollen sie jedoch nicht reden. Auch der ältere Herr im Bus, der den ersten Schlag des Glatzkopfes in die rechten Rippen erhielt, versichert, Politik habe keine Rolle gespielt, sondern allein, dass der andere seine Entschuldigung nicht akzeptierte.

Auf der Rückfahrt im Stadtbus zum Bahnhof führen zwei schwer betrunkene Polen einen Ausdruckstanz mit Bierflasche auf, ein alkoholisierter Engländer kippt fast vom Sitz. „Da haben Sie aber einen besonders schlimmen Tag erwischt“, beschwichtigt die Kulturbeauftragte Heuber-Sänger.

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