KOMMENTAR

Katrinas Klima

  • schließen

Der Super-GAU aus Sturm und Wasser ist ausgeblieben. Glück im Unglück: Hurrikan Katrina hat New Orleans nicht mit voller Wucht getroffen, wie die Meteorologe

Der Super-GAU aus Sturm und Wasser ist ausgeblieben. Glück im Unglück: Hurrikan Katrina hat New Orleans nicht mit voller Wucht getroffen, wie die Meteorologe in ihren Horrorszenarien orakelt hatten. Der Wirbelsturm drehte kurz vor dem Zentrum der Millionenregion nach Osten ab.

Doch für die von der Unwetterkatastrophe direkt Betroffenen ist dies kein Trost. Katrina hat die Küste des Golfs von Mexiko verheert. Die Opferzahlen sind am Dienstag ständig angestiegen, und sie werden in den nächsten Tagen weiter steigen. Bis alle Schäden behoben sind, dürfte es Monate dauern. Und Katrina wird möglicherweise der, volkswirtschaftlich gerechnet, teuerste Wirbelsturm, den die USA bisher erlebten - mit höheren Folgekosten als 1992 bei Hurrikan Andrew mit seinen 21 Milliarden Dollar an Versicherungsschäden.

Die USA müssen seit jeher mit Wirbelstürmen leben. Die Region um den Golf von Mexiko ist Risikogebiet. Immerhin: Verbesserte Wettervorhersagen, funktionierende Evakuierungspläne, zahlreiche Schutzräume mildern zum Glück im modernen Staat die Folgen der Katastrophe, anders als zum Beispiel im Jahr 1900, als ein Hurrikan in Texas rund 8000 Menschenleben forderte. Doch offensichtlich hat man auch im ökonomisch potentesten Land der Erde die Gefahren der ach so fernen "Jahrhunderkatastrophe" unterschätzt.

Die Deiche sind für solche Ereignisse nicht ausgelegt, obwohl jeder weiß, dass die Kosten für Ertüchtigungsmaßnahmen weit niedriger liegen als die der Katastrophen-Nachsorge. Die, verglichen mit europäischen Verhältnissen, leichtere Bauweise der Gebäude bietet Wind und Wasser mehr Angriffsfläche. Eine vernachlässigte Infrastruktur, die bereits in normalen Zeiten Stromausfälle provoziert, potenziert die Gefahr.

Höchste Zeit also für die USA, nach den Aufräumarbeiten aus dem Schaden klug zu werden. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Neben mehr Anstrengungen zur praktischen Katastrophenvorsorge in den Risikogebieten im Süden des Landes geht es vor allem um eine veränderte Haltung zum Problem des globalen Klimawandels. Zwar sagt kein Klimaforscher: Katrina ist eine Folge der wachsende Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre. Doch es gilt als erwiesen: Die Zerstörungskraft der Hurrikane ist größer geworden, und es dauert länger, bis sie abschwellen. Abzuwarten, ob die im vergangenen Jahrzehnt ebenfalls festgestellte Tendenz zu mehr Wirbelstürmen dauerhaft ist, bevor man etwas gegen den Klimawandel tut, verbietet sich.

Nicht nur in den USA, auf allen Kontinenten, machen sich die Folgen der bereits angelaufenen Klimaveränderungen bemerkbar - und das, obwohl die globale Durchschnittstemperatur erst um weniger als ein Grad Celsius angestiegen ist. Die Wetterextreme nehmen zu. Mehr Überschwemmungen, heftigere Stürme, längere Trockenperioden - nicht zuletzt die Europäer können davon ein garstig Lied singen. Was es heißt, wenn die globale Temperatur bis 2100 aber um fünf bis sechs Grad ansteigt, wie die Klimaforscher für den "worst case" voraussagen, mag man sich gar nicht ausmalen. Katrina gälte dann wohl als vergleichsweise laues Lüftchen.

Die US-Regierung hat bis in jüngster Zeit versucht, die möglichen Folgen des Klimawandels für das eigene Land herunterzuspielen. Sie schreckte nicht einmal davor zurück, wissenschaftliche Berichte zu frisieren, um den Druck der öffentlichen Meinung zu mildern. Die nämlich nimmt das Problem Klimawandel längst nicht mehr so elegant auf die leichte Schulter wie Präsident George W. Bush und seine Berater aus der fossilen Energielobby.

Bush hat seinen Rückzug aus dem Kyoto-Protokoll damit begründet, dass der internationale Klimavertrag der US-Wirtschaft schade und der "American Way of Life" nicht verhandelbar sei. Doch eine Reihe wichtiger Bundesstaaten, darunter Kalifornien unter Bushs Parteifreund Arnold Schwarzenegger, hat sich Ziele zur Minderung der Treibhausgase gesetzt und ambitionierte Programme zur Förderung der erneuerbaren Energien aufgelegt. Auch wichtige Teile der der Industrie sind längst auf den Pro-Kyoto-Kurs umgeschwenkt. Wenn Katrina diesen aufgeklärten Kräften Rückenwind verschafft, wäre das die einzige positive Folge der Katastrophe.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion