+
Wer ihr zuhört, hat den Eindruck, dass Politik richtig Spaß machen kann: Katharina Schulze.

Bayern

Katharina, Sprengerin der Ketten

  • schließen

Katharina Schulze ist die Hoffnungsträgerin der Grünen in Bayern. Die 33-Jährige will das Land verändern ? und lässt sich dabei auch nicht von der absoluten Mehrheit der CSU abschrecken.

Es ist ruhig an diesem frühen Dienstagnachmittag im Bayerischen Landtag in München. In wenigen Minuten tritt das Plenum zusammen. Noch ist nichts davon zu spüren, dass es in zwei Stunden einen Schlagabtausch zwischen den Fraktionen geben wird, der heftiger ausfällt als sonst. 

Die junge Frau, die den Streit anzetteln wird, sitzt gerade ruhig am Computer in ihrem Abgeordnetenbüro im fünften Stock. Der Arbeitsplatz der Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katharina Schulze, ist der kleinste in diesem Raum, nur ein winziger Tisch neben der Tür, er wird vom PC-Bildschirm fast komplett eingenommen. Ihre beiden Mitarbeiterinnen sitzen an den großen Schreibtischen direkt am Fenster – mit Blick ins Grüne. Gerade geht es um einen gemeinsamen Wahlkampftermin mit dem Bundesvorsitzenden Robert Habeck in wenigen Wochen, irgendwo in Oberbayern.

Mitarbeiterin Ursula Friessl-Spaeth sucht vergeblich nach einer Verkehrsverbindung, die Schulze zwischen ihren anderen Terminen rechtzeitig dorthin bringt. „Kann ich nicht mit dem Auto fahren?“, fragt Schulze. „Auf keinen Fall, da stehst du nur im Stau“, antwortet die Mitarbeiterin und fügt leise zu sich selber hinzu: „Und in diesen Tagen lasse ich dich bestimmt nicht selbst fahren.“ Schließlich wird beschlossen, im Büro von Habeck nachzufragen, ob der gemeinsame Auftritt auch etwas später stattfinden könne. Damit Schulze die Treffen davor und danach schafft. Bayern ist im Wahlkampf, und Katharina Schulze möchte am liebsten überall gleichzeitig sein. 

Es steht einiges auf dem Spiel am 14. Oktober in Bayern. An diesem Sonntag könnte die politische Arithmetik in Deutschland neu justiert werden. Wird Markus Söder die absolute Mehrheit der CSU verteidigen können? Bleibt er im Amt? Wie hoch steigt die AfD ein, die sicher über die Fünf-Prozent-Hürde springt? Und werden die Grünen endlich ein zweistelliges Ergebnis erzielen? 

Umfragen für Grüne in Bayern sehen gut aus

Die Umfragen sehen gut aus. Laut Forsa könnten die Grünen bei der Wahl zweite politische Kraft im Freistaat werden, noch vor der SPD. Viele sind der Meinung, dass diese Werte vor allem der jungen Spitzenkandidatin zu verdanken sind. Sie ist der Shootingstar der Grünen.

Wenn irgendwo mal die Bezeichnung „jung und dynamisch“ gepasst hat, dann bei der gebürtigen Freiburgerin, die am Ammersee aufgewachsen ist. Blonde Haare, breites Lächeln und schon am Morgen gut gelaunt. Mit der Power einer Katharina Schulze, die gerade 33 Jahre alt geworden ist,  kann nicht jeder mithalten. Sie sei ein „Politik-Duracell-Hase“, schrieb die Süddeutsche Zeitung unlängst. 

„Die Katha spielt alle an die Wand“, sagt die frühere Landesvorsitzende Theresa Schopper, die selbst jahrelang Abgeordnete im Bayerischen Landtag war. Schulze hat bei ihr im Büro als Mitarbeiterin angefangen. Schopper, die inzwischen Staatssekretärin in Baden-Württemberg ist, war schnell fasziniert von dem Nachwuchstalent, das nicht nur fix im Kopf ist, sondern auch genau weiß, was es will. Selbst wenn man dabei den Altvorderen der Partei kräftig auf die Zehen tritt. 

Claudia Roth zum Beispiel. Die steckte vor einigen Jahren auf dem Bundesparteitag der Partei eine schmerzhafte Niederlage ein. Nachdem eine aufmüpfige Delegierte aus München eine Rede gegen die Olympischen Spiele in der Landeshauptstadt gehalten hatte, stimmten die Delegierten prompt in deren Sinne. Dumm nur, dass Roth im Kuratorium der Bewerbergesellschaft saß und nun den Rückzug antreten musste. Die aufmüpfige Delegierte war Katharina Schulze, damals gerade 25 Jahre jung, Sprecherin der NOlympia-Bewegung und Vorsitzende der Grünen Jugend München. 

Auch Theresa Schopper war für die Spiele in München, die sie sich grün und nachhaltig gewünscht hatte. Die politische Begabung der Jüngeren lobt sie dennoch uneingeschränkt. „Sie ist das größte politische Talent, das die Grünen in Bayern derzeit haben.“ Sie könne die Leute begeistern wie keine andere.

Katharina Schulze ist wie keine andere

Katharina Schulze ist aber auch wie keine andere. Jedenfalls nicht so wie die meisten bisherigen Führungsleute. Sie ist keinem Parteiflügel zuzuordnen, zeigt sich ebenso begeisterungs- wie durchsetzungsfähig. Vor allem aber: Wer ihr zuhört, hat den Eindruck, dass Politik richtig Spaß machen kann. Zur „Fastnacht in Franken“ etwa hat sie sich dieses Jahr als Daenerys Targaryen aus der Serie „Game of Thrones“ verkleidet.

Die Prunksitzung in Veitshöchheim wird vom Bayerischen Rundfunk übertragen, hat immer höchste Einschaltquoten und ist Kult in Bayern. Vor allem, weil die Politiker – ähnlich wie beim Starkbieranstich am Nockherberg – kräftig durch den Kakao gezogen werden. Ministerpräsident Markus Söder saß dieses Jahr als Prinzregent Luitpold ganz vorn. Ein bisschen ungünstig für ihn war, dass die Maske mit dem Vollbart so festgezurrt saß, dass er kaum eine Miene verziehen konnte. Zwei Sitze daneben saß Schulze und amüsierte sich prächtig, als sie der Moderator als „Drachenmutter der Grünen“ begrüßte. Und setzte dann noch selbst hinzu, sie sei die „Sprengerin der Ketten“. Ein paar Tage später lud sie ein Bild von sich als Daenerys auf ihrer Grünen-Webseite hoch – mit dem Motto „Winter is over“ und der Aufforderung, auch in Bayern die Ketten zu sprengen. 

So viel Spaß bringt natürlich nicht jeder Tag in der bayerischen Landespolitik. Zwei Stunden muss Katharina Schulze an diesem Tag auf ihre Rede im Plenum warten. Sie rollt mit ihrem Drehsessel hin und her, lacht nach hinten, unterhält sich mit den Kollegen. Doch als Ludwig Hartmann, ihr Kollege an der Fraktionsspitze, seine Rede zur Artenvielfalt hält, hört sie konzentriert zu und klatscht laut Beifall. „Das ist schließlich eines unserer Kernthemen“, sagt sie später. 

Dann sind die Dringlichkeitsanträge an der Reihe, und es geht so etwas wie ein Ruck durch die Reihen. Denn an diesem Dienstag Ende Juni ist der Asylstreit nun auch im Maximilianeum angekommen. Ministerpräsident Markus Söder will ein Votum des Landtages, in dem Seehofer die Unterstützung für seinen sogenannten Masterplan versichert werden soll. Und das, obwohl den zu diesem Zeitpunkt noch gar keiner kennt, auch die CSU nicht. Die Opposition schäumt.

Die Grünen bringen einen Geschäftsordnungsantrag ein, um das Thema von der Tagesordnung zu räumen. Bei der Begründung vor dem Plenum läuft Schulze zur Hochform auf. „Sorry, Kolleginnen und Kollegen, das ist einfach verantwortungslos“, ruft sie und fragt die Abgeordneten der CSU-Fraktion, wie sie es mit ihrem Selbstwertgefühl vereinbarten, über etwas abzustimmen, das sie gar nicht kennen. Ein CSU-Abgeordneter versucht später zu erklären, dass es ja mehr so allgemein um die Unterstützung von Seehofers Politik gehe. Die Grünen-Fraktion auf der anderen Seite des Plenarsaals lacht ihn aus. Der neue Ministerpräsident Söder bekommt das alles nicht mit. Er zeigt sich nur kurz im Parlament. Während der Debatte lässt er sich anderswo via Facebook befragen. Er weiß: Der Dringlichkeitsantrag kommt auch ohne ihn durch. Die CSU stimmt dafür, auch wenn es einigen nicht so recht zu passen scheint. So ist es immer. 

Schulze kennt das seit fünf Jahren. „Ich bin im Oktober 2013 mit der festen Absicht in den Landtag gekommen, die Welt zu verändern“, sagt sie. Die politische Realität im ehrwürdigen Maximilianeum hat ihr schnell die Grenzen aufgezeigt. Die CSU hält den Gesetzgebungsprozess mit ihrer absoluten Mehrheit im eisernen Griff. „Wir können die klügsten Anträge mit den besten Ideen schreiben, aber solange die CSU die absolute Mehrheit hat, wird das abgebügelt“, sagt sie.

Schulze sitzt mittlerweile vor rund 40 jungen Frauen und Männern im Konferenzraum der Landtagspresse. Es sind Volontäre verschiedener bayerischer Zeitungen, die an diesem Tag das Parlament besuchen. Der Raum ist überfüllt, die Luft stickig. Die Nachwuchsjournalisten befragen Politiker aller Parteien. Nach Schulze ist die Parlamentspräsidentin Barbara Stamm von der CSU an der Reihe. Sie sollte eigentlich vor der Grünen sprechen, doch wegen des Schlagabtauschs im Parlament und der Abstimmung ist der Zeitplan durcheinandergekommen. Stamm und Schulze treffen direkt vor dem Konferenzzimmer aufeinander. Die ältere lässt der jüngeren Politikerin freundlich den Vortritt, weil Schulze gleich danach zu einer Podiumsdiskussion muss. 

Die hat jetzt genau zwanzig Minuten, um den jungen Leuten zu erklären, welche politischen Ziele sie sich gesteckt hat. Sie antwortet auf die Frage mit einem ihrer Lieblingssätze: „Ich bin nicht in die Politik gegangen, um in Schönheit am Spielfeldrand zu sterben.“ Mit diesem Spruch haben sie und ihr Mit-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann die Parteiführung in Berlin heftig erschreckt. Denn Schulze und Hartmann haben damit die Möglichkeit angedeutet, die „wildeste Ehe der deutschen Politik“ einzugehen. So wiederum hat es jüngst der Publizist Wolfram Weimer formuliert.

Schwarz-Grün in Bayern? Ist das wirklich ihr Ernst? Schulze winkt ab. „Mit dieser CSU ist momentan kein Staat zu machen, denn sie möchten einen anderen Staat. Und das lassen wir nicht zu“, sagt sie. Auch diesen Satz wird sie in den nächsten beiden Tagen bei verschiedenen Gelegenheiten mehrfach wiederholen. Seit der frühere bayerische Ministerpräsident und heutige Bundesinnenminister Horst Seehofer den Asylstreit vom Zaun gebrochen hat und darin vom heutigen Ministerpräsidenten Söder aus Eigeninteresse tatkräftig unterstützt wird, verbietet es sich, mit dieser verwegenen Idee zu kokettieren. Eigentlich schade, aber Schulze ist pragmatisch genug, um sich den Gegebenheiten anzupassen. Man lernt das in fünf Jahren Landtagsalltag. 

Als sie 2013 ins Parlament gewählt wurde, war der Platz im Innenausschuss frei – nicht gerade das klassische grüne Politikfeld. Aber Schulze findet es prima. Sie schafft auch hier den Spagat. So lässt sie kaum eine Demonstration gegen das neue bayerische Polizeiaufgabengesetz aus, betont dabei aber stets: „Wir demonstrieren gegen die CSU, nicht gegen die Polizei.“ Die Dienststellen im Land besucht sie regelmäßig, erst vor wenigen Tagen war sie in Ingolstadt. „Die haben mir dort gleich ihr Elektroauto vorgeführt.“ 

Katharina Schulze wird respektiert

Im Innenausschuss ist sie mit Abstand die Jüngste. Am Tag nach der Plenumsdiskussion geht es dort um Wohnungsbauförderung und die Nöte der bayerischen Rettungsdienste. Doch zuvor gratuliert der Vorsitzende Katharina Schulze, die vor einigen Tagen Geburtstag hatte. „Ist sie jetzt volljährig?“, brummt der SPD-Abgeordnete Klaus Adelt. Die Grüne lässt ihm diese kleine Frechheit mit einem Grinsen und dem strengen Hinweis durchgehen, sie sei nicht die kleine Blonde von den Grünen. Sie weiß, dass sie respektiert wird. 

Adelt ist 61 Jahre alt und das, was man in Bayern ein gestandenes Mannsbild nennt. Außerdem ist er lange genug in der Politik, um sich nicht so leicht beeindrucken zu lassen. Für Schulze findet er lobende Worte. „Sie ist immer gut informiert und weiß genau, was sie will“, sagt er. „Auch wenn sie in ihrer jugendlichen Leichtigkeit manchmal etwas viel und schnell redet.“ 

Als der Ausschuss morgens um neun beginnt, hat Katharina Schulze schon zwei Stunden Fraktionsarbeit hinter sich. Dabei ist es am Abend zuvor mal wieder spät geworden. 
Die Münchner Frauenverbände haben die Vertreterinnen der Parteien zur Diskussion geladen. Etwa 200 Frauen sind in den großen Saal in der Israelitischen Kultusgemeinde München gekommen. Der einzige Mann im Saal ist der Personenschützer der Präsidentin der Gemeinde, Charlotte Knobloch. Sie erinnert in ihrem Grußwort daran, dass der Freistaat Bayern vor exakt 100 Jahren gegründet wurde. Der Landtagswahl im Herbst komme eine besondere Bedeutung zu, sagt sie. „Sie wird eine Wahl sein, an die man sich so oder so noch lange erinnern wird.“ 

Katharina Schulze nickt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion