Auf der Flucht gestrandet: eine Syrerin mit ihrem Kind an der Grenze zum Irak.
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Auf der Flucht gestrandet: eine Syrerin mit ihrem Kind an der Grenze zum Irak.

Covid-19-Virus

„Es ist wie in einem Horrorfilm“: Corona-Pandemie wütet in Syrien

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Das Regime von Diktator Bashar al-Assad verleugnet das wahre Ausmaß der Corona-Pandemie in Syrien. Die Krankenhäuser sind überfüllt, viel mehr Menschen sterben als offiziell zugegeben.

  • Corona-Pandemie wütet in Syrien
  • Offizielle Zahlen haben nichts mit der Realität zu tun
  • Warum es besonders Mediziner trifft

In Syrien geht die Panik um. Offiziell hat das Imperium von Bashar al-Assad die Corona-Pandemie im Griff. An die Weltgesundheitsorganisation WHO meldeten die Behörden bisher lediglich 2900 Infektionen und 120 Todesfälle. In Wirklichkeit jedoch ist die Lage längst außer Kontrolle geraten. Damaskus schwirrt von Gerüchten. Aus der Gesundheitsverwaltung sickerten inoffizielle Schätzungen durch, nach denen es allein in der syrischen Hauptstadt mittlerweile mehr als 110.000 Infizierte gibt. Das zerrüttete Gesundheitssystem ist total überfordert, die überfüllten Krankenhäuser nehmen niemanden mehr auf. Kranke brechen in der Notaufnahme zusammen. Covid-19-Patienten liegen auf den Fluren, ohne dass sich jemand um sie kümmert. „Es ist wie in einem Horrorfilm“, sagte eine Augenzeugin.

Auf Facebook häufen sich die Trauerfälle. „Jeden Tag poste ich 10 bis 15 Beileidstexte. Die Zahl der Toten ist atemberaubend, so etwas gab es selbst zu den schlimmsten Kriegszeiten nicht“, klagte ein User. Gleich sechs bekannte islamische Gelehrte aus Damaskus, alle waren Vorbeter in Moscheen, starben innerhalb einer Woche. In der südlichen Provinz Suweida wurden die Familien von Verstorbenen angewiesen, tiefere Gräber als üblich auszuheben. Erkrankt an Corona sind auffallend viele Mediziner und Krankenschwestern. Denn ein Teil der von der WHO gelieferten Masken und Schutzkleidung kommt offenbar nicht in den Hospitälern an, sondern wird in den Magazinen des Regimes gehortet. Allein im August starben nach Angaben der Regierung 76 Klinikmitarbeiter an dem Virus, während die Gesamtzahl der Toten mit 120 angegeben wird. „Die offiziellen Zahlen vermitteln ein Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat“, urteilte die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW).

Corona-Zahlen in Syrien explodieren - Regime hebt trotzdem Lockdown auf

Justizminister Hisham al-Shaar forderte die Syrer auf, mehr auf die Abstände zu achten sowie Gesichtsmasken zu tragen, woran sich jedoch niemand hält. Kürzlich wurden 700 Menschen samt Koffern dicht gedrängt und stehend in einer russischen Iljuschin-Transportmaschine von der kurdischen Stadt Qamishli nach Damaskus geflogen. „Keine Sitze, alle Schulter an Schulter, keine Anti-Corona-Regeln, man konnte kaum atmen – es war die Hölle“, schrieb einer der Passagiere. Den im März verhängten landesweiten Lockdown hob das Regime schon bald wieder auf, um die ramponierte Volkswirtschaft nicht weiter zu strapazieren. Seitdem tappt die Bevölkerung im Dunkeln und befürchtet, dass das Virus jetzt völlig ungebremst grassiert. In einer kurzen Audionachricht, die in sozialen Medien kursiert, berichtete ein ungenannter Arzt der Al-Mouwasat-Universitätsklinik in Damaskus, die Zahl der Covid-19-Patienten steige rasant. Viele Familien klagten, bei ihren Angehörigen seien als Todesursachen „Lungenversagen“ oder „Lungenentzündung“ eingetragen worden, um das wahre Ausmaß der Pandemie zu vertuschen.

Ähnlich brisant entwickelt sich die Lage auch in den Rebellengebieten im Norden und in den halbautonomen Kurdengebieten im Osten. In der Region um die Stadt Hassakeh drehte die Türkei Anfang August 500.000 Bewohnern das Wasser ab, um die Regionalverwaltung zu zwingen, die von der türkischen Armee besetzten Kurdengebiete mit mehr Strom zu versorgen. Wegen des Wassermangels sind selbst die einfachsten Hygieneregeln gegen Corona wie das Händewaschen nicht mehr umsetzbar.

Corona-Pandemie in Syrien: „Es ist eine tickende Zeitbombe“

In der Rebellenprovinz Idlib hausen mehr als 1,2 Millionen Menschen in überfüllten Flüchtlingslagern. Von den bisher 40 Infizierten sind die meisten Ärzte, die das Virus wahrscheinlich an zahlreiche Patienten weitergegeben haben. „Bei der Pandemie liegen wir wahrscheinlich vier Wochen hinter Damaskus“, meinte ein westlicher Helfer vor Ort: „Es ist eine tickende Zeitbombe.“ (Martin Gehlen)

Der Bürgerkrieg in Syrien rückte wegen der Corona-Pandemie und eines bröckeligen Friedens in den Hintergrund. Dabei erlebt das Land eines der schwersten Jahre bis jetzt.

Die Spannungen im Syrien-Konflikt nehmen zu. Die syrische Armee kündigt nach einem Angriff der Türkei heftige Gegenwehr an. Erdogan stellt derweil Forderungen an Merkel.

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