Unabhängigkeitsbewegung

Katalonien: Separatisten haben Barcelona fest in der Hand

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Separatisten in Katalonien: Massenproteste, brennende Barrikaden und ein Generalstreik - Unabhängigkeitsbefürworter sind weiter in Aufruhr.

Man kann Barcelona besuchen wie immer“, versicherte am Freitagvormittag der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska. Seit dem späten Dienstagabend legen sich gewalttätige Separatisten Nacht für Nacht mit der Polizei an, und die Bilder brennender Barrikaden machen zurzeit einen leicht gespenstischen Eindruck von der katalanischen Hauptstadt. Verantwortlich dafür seien nur einige „Gruppen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten“, sagte der Minister.

Während er von Madrid aus die Gemüter zu beruhigen versuchte, twitterte zur gleichen Zeit eine „El-País“-Reporterin Bilder vom Eingang der Sagrada Familia: „Die Touristen machen weiter Fotos vom meistbesuchten Monument Barcelonas, heute mit Demonstranten im Hintergrund.“ Als wären die Demonstranten eine Attraktion mehr.

Nein, Barcelona brennt nicht, auch wenn nächtens Dutzende Barrikaden und auch schon mal Autos brennen. Die Gemüter aber sind erhitzt, mindestens die der Separatisten, die sich nicht mit den Urteilen des spanischen Obersten Gerichtshofes abfinden können, der am Montag neun katalanische Politiker und Aktivisten zu Haftstrafen zwischen neun und dreizehn Jahren verurteilte. Sie sollen an der Organisation des illegalen Unabhängigkeitsreferendums vor zwei Jahren beteiligt gewesen sein, das die Richter als „Aufstand“ werteten. Gegen dieses Urteil protestieren die Unabhängigkeitsbefürworter, die etwa die Hälfte der katalanischen Bevölkerung ausmachen. Von der anderen Hälfte ist dieser Tage kaum etwas zu hören. Katalonien gehört den Separatisten, vereint in ihrer Empörung über ein durchaus gut begründetes Gerichtsurteil.

Für juristische Argumentationen interessiert sich im Moment aber niemand, vor allem die separatistischen Politiker nicht. Roger Torrent, der Präsident des katalanischen Regionalparlaments und ein eher gemäßigter Separatist, sprach am Freitag noch einmal von einem „ungerechten und abwegigen“ Urteil, gegen das sich nun der Protest erhebe. Und er jubelte über die „spektakulären Bilder“ der „Menschenströme, die sich nach Barcelona ergießen, auf massive, zivilisierte und friedliche Weise“.

An diesem Freitag kamen mehrere Protestzüge aus verschiedenen Winkeln Kataloniens in Barcelona an, die sich am Nachmittag zu einer Massenveranstaltung mit Hunderttausenden versammeln wollten.

Zugleich hatten zwei kleine, aber gut organisierte Gewerkschaften zum Generalstreik in Katalonien aufgerufen, auch das als Protest gegen die Urteile. Viele Unternehmen schlossen in vorauseilendem Gehorsam, darunter das Seat-Werk in Martorell bei Barcelona, der Einzelbetrieb mit den meisten Beschäftigten in der Region. Die VW-Tochter argumentierte, dass Lieferanten und Arbeiter an diesem Streiktag ohnehin nur unter Schwierigkeiten zur Fabrik vordringen könnten. Die Separatisten haben Katalonien fest in der Hand.

Dass friedlicher Protest des Nachts durch wildes Aufbegehren unterbrochen wird, verärgert Unabhängigkeitsgegner wie die Mehrheit der -befürworter gleichermaßen. Im vornehmen Stadtbezirk von Barcelona, Eixample, in dem die meisten Feuer brennen, stellten sich in der Nacht zum Freitag Anwohner den jugendlichen Krawallmachern entgegen: „So macht man das nicht!“, schimpften sie, berichtet die katalanische Zeitung „La Vanguardia“.

Auch Expräsident Carles Puigdemont, der am Freitag in Brüssel das erneuerte spanische Auslieferungsersuchen gegen ihn in Empfang nahm, verurteilte „die Gewalt“, konkret allerdings nur die von einer Gruppe Rechtsradikaler, die am Vorabend einen Unabhängigkeitsbefürworter zusammengeschlagen hatten.

Eine andere Gruppe, die „La Vanguardia“ als „Antifaschisten“ bezeichnet, verprügelte im Gegenzug einen der Rechtsradikalen. Während der spanische Innenminister mit seinen Worten die Lage zu beruhigen versucht, gießt die konservative Volkspartei (PP) – weil in Spanien zugleich Wahlkampf ist – Öl ins Feuer.

Sie fordert den Rücktritt von Grande-Marlaska, weil der es am Mittwochabend um 23 Uhr gewagt hatte, in einem Restaurant in der Nähe seines Ministeriums zu Abend zu essen. In Krisenzeiten hat ein Minister seine Arbeit hungrig zu erledigen, findet die Volkspartei.

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