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Insbesondere die Gastronomie leidet unter der Pandemie. Der Verkauf außer Haus kann nur einen Teil der weggebrochenen Einnahmen ausgleichen.
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Insbesondere die Gastronomie leidet unter der Pandemie. Der Verkauf außer Haus kann nur einen Teil der weggebrochenen Einnahmen ausgleichen.

Arbeitsmarkt

Kassensturz

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Die Krise hat die Löhne gedrückt. Für zwölf Millionen Menschen stehen nun mitten in der Pandemie Tarifverhandlungen an.

In welchen Branchen die Corona-Pandemie am heftigsten gewütet hat, das lässt sich auch an den Lohnzetteln ablesen. Im Beherbergungsgewerbe und der Luftfahrtbranche sind die Reallöhne im vergangenen Jahr zeitweise um ein Drittel eingebrochen, in der Gastronomie war es ein Viertel, genauso bei Reisebüros und Reiseveranstaltern. In der Autobranche ging es ein knappes Fünftel abwärts und bei Unterhaltung und Sport ein Sechstel.

Die Unternehmen hatten weniger Arbeit für ihre Beschäftigten. Und wenn kürzer gearbeitet wird, werden auch geringere Löhne gezahlt. Im Durchschnitt aller Betriebe im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich sanken von April bis Juni vergangenen Jahres die Reallöhne um 4,7 Prozent und von Juli bis September um 1,3 Prozent. Davor waren die deutschen Reallöhne seit Anfang 2014 gestiegen.

Eingesprungen ist der Staat: Er hat mit Kurzarbeitergeld die schlimmsten Auswirkungen der Krise abgefangen und viele betroffene Beschäftigte vor Arbeitslosigkeit und finanziellen Problemen bewahrt. Die Bundesagentur für Arbeit hat 2020 insgesamt 22,1 Milliarden Euro für das Kurzarbeitergeld ausgegeben, wie ein Sprecher auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mitteilte. An manchen Tagen habe man mehr Geld überwiesen als 2019 im gesamten Jahr. Damals wurden in Summe nur 157 Millionen Euro für Kurzarbeit aus konjunkturellen Gründen ausgegeben. Und noch sind nicht alle Ansprüche aus dem vergangenen Jahr beglichen worden. Der Grund: Die Betriebe schießen das Kurzarbeitergeld vor. Abgerechnet wird dann erst einige Zeit später.

Die Finanzspritze verfehlte ihre Wirkung indes nicht. Von den sechs Millionen Menschen, die im April in Kurzarbeit waren (Rekord!), haben die allermeisten ihren Arbeitsplatz noch. Zwar stieg die Arbeitslosigkeit 2020 im Jahresdurchschnitt stark an, aber letztlich eben „nur“ um 429 000 auf 2,695 Millionen Personen. „Die stabilisierende Wirkung der Kurzarbeit hat Beschäftigung gesichert und eine höhere Arbeitslosigkeit verhindert“, erläuterte der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele,

Nun besteht die Hoffnung, dass sich die Wirtschaft im laufenden Jahr von der Krise erholt. Die Bundesregierung rechnet mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent in diesem Jahr. Das gehe aus dem Jahreswirtschaftsbericht hervor, den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in dieser Woche vorstellen wolle, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Freitag. Eine kräftigere Erholung hält die Regierung wegen des verlängerten Lockdowns für unrealistisch. Manche Ökonomen sind zuversichtlicher und rechnen mit einem Plus von bis zu fünf Prozent.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat zum Jahreswechsel aber gewarnt, einer „Illusion“ aufzusitzen, wenn man sich erhoffe, dass die Wirtschaft in diesem Jahr kräftig wachsen werde. Zu viel könne noch schiefgehen, die Erholung länger dauern, als manche glaubten. Zu den Risiken zählt er vermehrt Insolvenzen von Unternehmen, die ihre Substanz aufgezehrt haben, Kreditausfälle bei Banken und schrumpfende Konsumausgaben.

Von der wirtschaftlichen Erholung wird letztlich abhängen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird. Im Dezember übermittelten die Unternehmen der Bundesagentur für Arbeit wegen des Lockdowns weitere 69 000 Anzeigen für Kurzarbeit. Sie signalisierten damit, dass sie potenziell die Arbeitszeit von 666 000 Personen verkürzen möchten. Wie viel davon realisiert wird, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. Und mit Neueinstellungen im großen Stil dürften die Unternehmen ohnehin abwarten, bis sie wieder auf sicherem Grund sind.

Was bedeutet all das für die Lohnentwicklung? Wo die Unternehmen zu den Normalarbeitszeiten zurückkehren, dürften auch die Reallöhne schnell wieder ihr früheres Niveau erreichen. Wo die Krise strukturelle Umbrüche beschleunigt hat oder noch lange Auswirkungen haben wird, werden die Unternehmen versuchen, die Kosten zu drücken. Bestes Beispiel dafür ist die Lufthansa, die in den vergangenen Monaten nichts unversucht gelassen hat, die Personalkosten zu reduzieren.

Auch die Haltung der Metall- und Elektroindustrie ist klar. Dort laufen derzeit Tarifverhandlungen. Gesamtmetallpräsident Stefan Wolf lehnt Forderungen der Gewerkschaft IG Metall ab, die zu höheren Personalkosten führen. Streiks der Belegschaften fürchtet er gleichwohl nicht. „Die Beschäftigten wollen, dass ihre Jobs erhalten werden, sie wollen auch wieder in den Betrieb kommen. Streiks helfen da nicht“, sagte er kürzlich.

Neben der Metall- und Elektroindustrie werden in diesem Jahr unter anderem auch neue Tarifverträge für die Beschäftigten im Bewachungsgewerbe, in der Eisen- und Stahlindustrie, im Groß- und Außenhandel, im Einzelhandel, im Kfz-Gewerbe, im Bauhauptgewerbe, im Bankgewerbe und im öffentlichen Dienst der Länder verhandelt. Insgesamt geht es um die Löhne von mehr als zwölf Millionen Menschen.

„Wir rechnen damit, dass die Tarifentgelte 2021 in der Gesamtwirtschaft um gut ein Prozent zulegen werden“, so der Ökonom Eckart Tuchtfeld von der Commerzbank auf FR-Anfrage. „Der verhaltene Anstieg ist eine Reaktion auf die Belastungen, unter denen die deutsche Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie und der Gegenmaßnahmen steht, und auf den daraus folgenden Druck auf den Arbeitsmarkt.“ Er erwartet, dass besonders stark von der Krise betroffene Branchen wie zum Beispiel der Einzelhandel möglicherweise überhaupt keine Erhöhungen zahlen werden. „In industriellen Bereichen dagegen werden die Tarifentgelte vielleicht etwas stärker zulegen.“

Ökonom Achim Truger, Professor an der Uni Duisburg-Essen und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“), sieht „eine realistische Perspektive für einen kräftigen Aufschwung im Laufe des Jahres“ und glaubt deshalb, dass die Tarifabschlüsse allenfalls geringfügig niedriger ausfallen werden als 2020. „Gesamtwirtschaftlich ist eine stabile Lohnentwicklung gerade in Krisen sehr wichtig, damit die Wirtschaft nicht noch tiefer in die Krise getrieben wird. Gerade in Branchen, in denen die Beschäftigten zu Recht als Corona-Heldinnen und -helden gefeiert worden sind, gibt es gute Gründe und viel Unterstützung auch für kräftige Lohnerhöhungen.“

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