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„Querdenker“ bedrohen Arzt wegen Corona-Impfung

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Von: Katja Thorwarth

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Querdenker-Demo
Bei einer Demonstration gegen die Corona-Politik trägt eine Teilnehmerin eine Rolle Klopapier, die mit Labels beklebt ist, auf denen der Bundesadler, die Farben der deutschen Nationalflagge und das Wort „Grundgesetz“ zu sehen sind. (Archivfoto) © Christophe Gateau/dpa

Teile der „Querdenker“-Szene kündigten bereits an, Namen öffentlich zu machen. Die „Freien Bürger Kassel“ machen nun gegen einen Mediziner mobil.

Kassel/Frankfurt – In Kassel und Umgebung gibt es eine aktive Szene sogenannter „Querdenker“, deren Vorgehen sich vorgeblich gegen die Corona-Politik richtet. Besonders hervorzuheben sind die Gruppen „Freie Bürger Kassel“ und „Baunatal ist wach“. Letzterer Verein schaffte es in die überregionalen Schlagzeilen, als in deren Telegram-Gruppe die „Kampfansage“ eines „Carsten S.“ zu lesen war. Dieser hatte sich explizit an „Politiker und Bedienstete der BRD inkl. Gewerkschaften, Medien, Kirchen etc.“ gerichtet und gefordert, den „Weg für die Deutsche Wende“ freizumachen: „Eure Zeit ist abgelaufen.“

Der Post ging so weit, dass Teile des Staatsapparats identifiziert und lokalisiert werden sollten. Vor Besuchen von „Querdenkern“ wurde gewarnt: „Wir werden in Euren Vorgärten stehen ... vor Euren Schulen ... bei Euren Freunden und Familien“. Diese „Kampfansage“ kann als Aufruf zur Denunziation gelesen werden, die sich in Gewalt entladen kann.

„Querdenker“ von „Freie Bürger Kassel“: Diskussion um Masken auf Protestmärschen

„Baunatal ist wach“ und „Freie Bürger Kassel“ scheinen in personeller Verbindung zueinander zu stehen, was zumindest Telegram-Chats nahelegen. So scheint aktuell Unstimmigkeit zu herrschen über die Proteststrategien bezüglich des Schutzmaskentragens. Robert T. etwa schreibt im Chat der „Freie Bürger Kassel“-Gruppe: „ ... seid kollektiv, lasst alle die Maske ab, dann können sie nichts, statt tatenlos mit ansehen, wie Einzelne von der Veranstaltung abgeführt werden !!!“ T. werde die „Spaziergänge so lange aussetzen, bis man die Strategie endlich ändert!! !“ (Rechtschreibung angepasst, KT) „Gemeinschaft“ müsse doch zusammenstehen, in „Baunatal scheint das nicht der Fall zu sein“.

Hierauf entgegnet ein Achim H.: „Du hast recht mit deiner Kritik ...ja, aber das funktioniert leider noch nicht... noch...viele Neue sind noch nicht soweit ... und die verlieren wir, wenn es Stunk gibt ... die Zeit wird bald kommen...“ (Rechtschreibung angepasst, KT). Ein Nutzer verweist darauf, dass es sich um eine „Kasseler Gruppe“ handele.

„Freie Bürger Kassel“: Allgemeinmediziner, der Corona-Impfungen anbietet, am Pranger

Diese „Kassler Gruppe“ aka „Freie Bürger Kassel“ könnte zumindest eine Anregung aus der „Kampfansage“ des Carsten S. aufgegriffen haben, nämlich jene, Personen „öffentlich zu identifizieren“. Seit 3. Februar ist ein Post bei „Freie Bürger Kassel“ lesbar, der sämtliche Kontaktdaten eines Allgemeinmediziners öffentlich macht, der Corona-Impfungen für Kinder anbietet. „Mal ein bisschen Werbung machen für unseren Tierarzt ... Bitte teilen, jede Spritze zählt!“ Im Post sind Name und Adresse des Arztes ersichtlich sowie ein Impftermin für Kinder..

Dem Aufruf eines gewissen „Forrest“, den Mediziner telefonisch zu kontaktieren, wird mit der Frage „und dann?“ begegnet. Felix Blessmann, der Kasseler Aktionen vorgeblich gegen die Corona-Politik mitorganisiert, reagiert auf einen Audio-Kommentar, in dem „Forrest“ offenbar etwas „face to face“ regeln möchte, mit einer Nachfrage - „damit keine Missverständnisse aufkommen“. „Forrest“ expliziert, mit „ihm persönlich darüber diskutieren“ zu wollen. Das reicht Blessmann, dem Admin der Gruppe, offenbar aus, der sich bedankt, und Mitlesenden „nicht selten“ eine „sehr lebhafte Phantasie“ unterstellt.

„Freie Bürger Kassel“: Telegram-Nutzer will Konfrontation mit Mediziner „face to face“

Mittlerweile wurde das Audio gelöscht, die Twitter-Gruppe „FreieBürgerKassel Watch“ war jedoch schnell genug und hat ein Transkript veröffentlicht. Darin heißt es, dass „Forrest“ dem Mann „aufs Band gesprochen“ und ihn an seinen „hippokratischen Eid“ erinnert habe. Der Arzt dürfe „kein Gift spritzen“ und habe die „Finger von unseren Kindern zu lassen“. Weiter habe „Forrest“ um Rückruf gebeten: „Und wenn er das nicht tut, ich kann auch gerne vorbeikommen und das face to face regeln“.

Nun ist das noch keine Gewaltandrohung, jedoch sind Ärzt:innen immer wieder Bedrohungen durch „Querdenker“ ausgesetzt. Und tatsächlich bedarf es keiner öffentlichen Kontaktdaten eines Arztes in einer Telegram-Gruppe, um sich über das Impfen zu äußern. Wird eine Person dennoch unfreiwillig in den Fokus gerückt und dort belassen, wird eine Handlung gegen diese Person zumindest in Kauf genommen.

Insofern kann dieser Post als sozial-medialer Pranger gelesen werden, dem negative Folgen für den betreffenden Arzt implizit sein könnten. Das müsste eigentlich auch Felix Blessmann, der „Terminator“ der Telegram-Gruppe, ebenso deuten. Der Aufruf ist jedoch nach wie vor einsehbar. (ktho)

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