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„Da ist die Tür“: Vierjähriges Kind und trans* Mutter aus Kindergarten geworfen

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Von: Lucas Maier

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Kinder
Eine Praktikantin liest in einer Kita Kindern vor. (Symbolfoto) © Sebastian Gollnow/dpa/Illustration

In einem Kindergarten in Kassel soll es zu einer schweren Diskriminierung gekommen sein. Eine trans* Mutter erhebt heftige Vorwürfe. Wir haben mit ihr gesprochen.

Kassel – Aufregend und faszinierend: Die Eingewöhnungsphase im Kindergarten ist für Kinder und Eltern ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Viele verbinden die ersten Tage mit schönen Erinnerungen, die ein Leben lang erhalten bleiben. Für Leonie und ihr Kind Luca dürften jedoch negative Erfahrungen in dieser Zeit überwiegen. Kind und Mutter sollen mit den Worten „da ist die Tür“ während der Eingewöhnungsphase hinausgeworfen worden sein. Jetzt erhebt die junge trans* Mutter schwere Vorwürfe gegen den Elternvorstand des Kindergartens in Kassel. Im Interview spricht sie über die Vorfälle.

Die Eingewöhnungsphase im Kindergarten ist für viele Eltern und Kinder ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Für Sie und Luca nahm die Phase jedoch eine abrupte Wendung. Was ist Ihnen passiert?

Die Eingewöhnungsphase von Luca begann an einem Montag, dem 5. September. Wie lange die Phasen im Einzelfall dauern, wird nicht vorgegeben. Das richtet sich natürlich danach, wie die Eingewöhnung läuft. Das Ziel der Phase ist, dass die Kinder sich an die neue Umgebung und die Erzieher:innen gewöhnen können. Ich habe Luca (4) in dieser Phase begleitet. Dabei habe ich jedoch versucht, mich so gut es ging im Hintergrund zu halten. Luca hat die Zeit gut gefallen. Die Eingewöhnung in die neue Gruppe hatte so weit auch gut funktioniert.

Nach knapp über zwei Wochen wurde mir dann eine fristlose Kündigung übergeben. Was dazu führte, dass Luca mitten am Vormittag aus der Gruppe gerissen wurde. Wir mussten den Kindergarten sofort verlassen, ohne uns verabschieden zu können. Mit den Worten „da ist die Tür“ wurden wir aus dem Kindergarten komplementiert.

Wurde die Kündigung begründet?

In der Kündigung heißt es wörtlich, dass „nicht behebbare Auffassungsunterschiede“ bestehen würden. Zwei Tage vor der Kündigung gab es bereits ein kurzes Gespräch mit der pädagogischen Leitung des Kindergartens. In dem kurzen Gespräch wurde schnell klar, dass die Person mit meiner trans* Weiblichkeit überfordert war.

Rauswurf aus Kindergarten: „Die Situation hat mich persönlich sehr geschockt“

Wie ginge es Ihnen und Ihrem Kind nach der Situation?

Die Situation hat mich persönlich sehr geschockt, gerade auch der direkte Rauswurf, weshalb ich mich seither in Therapie befinde, um das Ganze zu verarbeiten. Meine Partnerin ist nach dem Vorfall mit den Kindern auf eine dreiwöchige Kur gefahren. Ich habe ebenfalls einen Antrag auf Kur gestellt, der bis dato noch auf Bewilligung wartet.

Für Luca war die Situation sehr schwer. Luca hatte sich schon komplett darauf eingestellt, jeden Tag in den Kindergarten zu gehen. Warum wir rausgeworfen wurden und die Art, wie dies erfolgte, konnte Luca nicht verstehen. Es war sehr schwer, Luca die Situation kindgerecht zu vermitteln.

Fühlen Sie sich durch die Kündigung diskriminiert?

Ja, ich fühle mich durch den aus meiner Sicht unbegründeten Rauswurf diskriminiert. Vonseiten des Elternvorstands gab es zu keiner Zeit den Versuch, mit uns über bestehende Differenzen ins Gespräch zu kommen. Ein Symptom von Diskriminierung ist, dass über die Betroffenen anstatt mit ihnen gesprochen wird. Für den Vorstand scheint es einfacher zu sein, mich als trans* Frau aus dem Kindergarten zu werfen, als sich mit der Thematik vertraut zu machen, oder gar die eigenen pädagogischen Strukturen zu hinterfragen.

Dass mit trans* Menschen so umgangen wird, ist kein Einzelfall. Mir ist beispielsweise ein weiterer Fall aus Berlin bekannt, der sich ähnlich zutrug. Da ich mich durch die Kündigung ungerecht behandelt fühle, haben wir uns anwaltliche Unterstützung gesucht.

Wie haben Sie auf die Kündigung reagiert?

Wir haben das Gespräch mit den Erzieherinnen und der pädagogischen Leitung gesucht. Die Erzieherinnen merkten an, dass ich als Mama zu sichtbar in der Eingewöhnungsphase war. Daher habe ich, um weitere Spannungen zu vermeiden, direkt angeboten, dass meine Partnerin die Eingewöhnungsphase mit Luca fortführen könnte. Die Angesprochenen zeigten sich gesprächsbereit und stellten in Aussicht, dass es ein extra Treffen zwischen den Pädagoginnen und dem gewählten Elternvorstand geben werde. Dieser hatte die Kündigung ausgesprochen.

Ja, das Treffen fand nach unserem Wissen statt. Nach dem ersten Treffen zwischen Vorstand und Erzieher:innen hat sich dann auch der Vorsitzende des Vorstands telefonisch bei uns gemeldet. Kurz angebunden meinte dieser, dass die Entscheidung vom gesamten Vorstand getragen wird und es bei der Kündigung bleiben wird.

Diskriminierung im Kindergarten: Trans* Mutter fühlt sich ungerecht behandelt - Rolle des Elternvorstands

Sie hatten erwähnt, dass Sie sich anwaltliche Unterstützung gesucht haben. Wie schätzt Ihre Anwältin die Situation ein?

Unsere erste Anwältin hat versucht, mit dem Elternvorstand in ein erneutes Gespräch zu kommen. Dieses wurde von den Angesprochenen aber abgelehnt. Auf anwaltlichen Rat hin haben wir uns an eine Anwältin gewandt, die auf zivilrechtliche Angelegenheiten spezialisiert ist. Diese wendete sich in einem Schreiben erneut an den Vorstand. Aus Sicht der Anwältin entzieht sich die fristlose Kündigung jeglicher Grundlage, da diese unter anderem nicht begründet wurde. Außerdem machte unsere Anwältin in dem Schreiben deutlich, dass die Kündigung in dieser Form gegen das Benachteiligungsverbot verstoße und mich aufgrund meines Geschlechtes diskriminiere.

Was ist seitdem passiert?

Bis heute warten wir noch auf eine Antwort vonseiten des Vorstandes, die gesetzte Frist ist hier bereits verstrichen. Wir haben lediglich eine Mail erhalten, in der uns der Elternvorstand auf Dezember vertröstete. Sollte sich dieser weiterhin nicht auf uns zu bewegen, behalten wir uns weitere rechtliche Schritte vor. (Red.: Mittlerweile hat der Vorstand in einem Schreiben geantwortet. Er weist alle Vorwürfe von sich)

Um hier vielleicht eins klarzustellen: Wir finden den Kindergarten als solchen eigentlich großartig, und Luca hat sich dort wohlgefühlt. Weshalb unser Ziel in erster Linie eine weitere Betreuung ist und keineswegs eine juristische Konfrontation.

Im Vorgespräch hatten Sie erwähnt, dass es auch einen Konflikt bezüglich Kinderbüchern gab. Können Sie das kurz erläutern?

Gerne. An einem Tag habe ich mich zu den Kindern gesetzt und mit ihnen Bücher gelesen. Ich hatte extra Bücher von Luca mitgebracht. Im Gegensatz zu den Büchern im Kindergarten versuchen diese, verschiedene Lebensrealitäten unserer Gesellschaft abzubilden. Anders als die vorhandenen Bücher werden diese von marginalisierten Menschen selbst geschrieben (own voices). Darin werden zum Beispiel Menschen abgebildet, die Teil der BIPoC-Community sind. In den Büchern werden auch queere Identitäten kindgerecht dargestellt. Später hatte ich die Bücher in die Bücherecke gelegt.

Als meine Partnerin zu einem späteren Zeitpunkt die Bücher zurückbekam, wurde ihr nahegelegt, dass solche Inhalte nicht ohne pädagogische Anleitung für Kinder zugänglich gemacht werden sollten.

Kindergarten bedacht gewählt: „Das Konzept `Elternladen´ klang sehr ansprechend“

Wie kamen die Bücher aus Ihrer Sicht bei den Kindern an?

Die Kinder haben aufmerksam zugehört und Fragen zu Bildern gestellt, die sich aber nicht auf die abgebildete Vielfalt bezogen haben, sondern viel mehr auf die allgemeine Bebilderung. Wie Kinder eben auf neue Bücher und Geschichten reagieren. Die Aussage, dass es für Bücher, in denen queere Lebensrealitäten dargestellt werden, eine pädagogische Anleitung brauche, ist für mich ebenfalls ein Ausdruck von Diskriminierung. Meiner Erfahrung nach haben meist Erwachsene ein Problem mit diesen Darstellungen. Kinder haben oft einen weitaus weniger vorurteilsbehafteten Blick auf die Geschichten.

Zuvor hatten Sie erwähnt, dass Sie die Auswahl des Kindergartens für Luca überlegt getroffen hatten. Was hatte Sie überzeugt und was hatten Sie sich erhofft?

Auf den ersten Blick wirkte das Konzept mit den großen Räumlichkeiten und dem niedrigen Betreuungsschlüssel auf uns sehr ansprechend, weshalb wir uns dann bei dem Kinderladen gemeldet hatten. In einem ersten Gespräch erweckte die pädagogische Leitung auch den Anschein, als würde in der direkten Betreuung auf einen geschlechtersensiblen Umgang geachtet werden.

Zudem klang für uns das Konzept „Elternladen“ an sich, also mit einer stärkeren Einbindung der Eltern, sehr ansprechend. Hinzu kommt, dass die Angebotssituation in Kassel gerade extrem angespannt ist. Es gibt derzeit einfach kein ausreichendes Angebot an Kindergartenplätzen in der Stadt.

Trans* Frau wünscht sich mehr Sensibilität – Angebote gibt es genug

Wie würden Sie und Ihre Partnerin sich wünschen, dass das Ganze weiter geht?

Ich, beziehungsweise wir erhoffen uns, dass die Betreuung von Luca so schnell wie möglich fortgesetzt werden kann. Denn am Ende geht es darum, dass unser Kind eine anständige Betreuung bekommt. Mittlerweile zieht sich der Prozess auch schon fast drei Monate, was es für uns und auch für Luca schwer macht.

Vom Vorstand oder vielmehr allen Beteiligten würde ich mir mehr Sensibilität gegenüber mir als trans* Frau wünschen. Hierfür gibt es beispielsweise von T*räumchen oder anderen Anlaufstellen extra Angebote zu trans* Themen. Ein Problem ist auch, dass ich in der Situation die einzige Person mit trans* Identität bin. Die Gegenseite versucht nicht einmal richtig zuzuhören oder sich um eine geschlechtersensible Perspektive zu bemühen.

(Interview: Lucas Maier)

Transparenzhinweis der Redaktion: Als Reaktion auf das Interview hat der Kindergarten die Vorwürfe gegenüber der Welt zurückgewiesen. Auf Nachfrage unserer Redaktion wollte sich der Kindergarten nicht zum Sachverhalt äußern.

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