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Kaschmiris, die in Delhi wohnen, und ihre Unterstützer nehmen an einem stillen Protest gegen die indische Regierung teil, die Kaschmir den Sonderstatus entzogen hat.

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Konflikt um Kaschmir: Indien spielt mit dem Feuer

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Indiens Regierung treibt Kaschmir immer weiter auf einen brandgefährlichen Konflikt zu.

Statt Schlagstöcken gab es am Montag plötzlich Süßigkeiten von der Polizei. Fast eine Woche, nachdem die hindunationalistische Regierung unter Premierminister Narendra Modi den seit 1947 gültigen Autonomiestatus von Kaschmir aufhob und nahezu die gesamte Bevölkerung mittels eine Ausgangssperre in Gefangene verwandelte, zeigten sich die Sicherheitsbehörden von ihrer netten Seite. Verbindungsbeamte erhielten sogar 100 000 Rupien, umgerechnet 1400 Euro, um gut Wetter zu machen.

Die Charmeoffensive dauerte keine Stunde. Dann wurden die Zügel wieder angezogen, die Kaschmiris nach Hause geschickt. Begründung der Sicherheitsbehörden: Die allgemeine Lage. Am Freitag waren Videobilder aus Srinagar geschmuggelt worden, die massive Proteste zeigten. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengas und Gewehrsalven.

Kaschmir: Internet ist abgestellt, Telefone funktionieren nicht

Das Internet ist weiter abgestellt, Telefone funktionieren nicht. In Srinagar stehen Hunderte Bewohner vor dem einzigen Telefon Schlange, welches für Anrufe nach Indien benutzt werden darf. Flugblätter werden heimlich weitergereicht. In die allgemeine Funkstille platze am Montag eine Pressekonferenz der Behörden in Srinagar. Informationssekretär M.K. Diwedi, dessen eigentlicher Vorname nicht bekannt ist, gab zumindest Auskunft über das Schicksal von Hunderten von festgenommenen Politikern und Prominenten: „Sie können bis zu einem Jahr in Präventivhaft gehalten werden. Vielleicht auch länger.“

Modi versprach in einer Fernsehansprache, die in Kaschmir wegen der Kommunikationsblockade nicht zu empfangen war, eine rosige Zukunft für die Region. 1947 entschloss sich Kaschmir für die Angliederung an Indien und damit gegen Pakistan. Das Gebaren von Delhis Regierung erinnert nun aber an das einer Besatzungsmacht. Unter den Verhafteten befinden sich Mehbooba Mufti, früher Ministerpräsidentin und Chef einer Koalition mit den Hindunationalisten in Kaschmir. Von ihr fehlt ebenso jede Spur wie von Omar Abdullah und seinem Vater Farooq, den führenden Köpfen der Partei Jammu & Kashmir National Conference (JKNC).

Geschichte der Gewalt in Kaschmir

Die beiden gehören ebenso wie Mufti zu den Politikern, die nie Zweifel an ihrer Loyalität zu Indien aufkommen ließen. Inzwischen wurde die JKNC beim Obersten Gerichtshof vorstellig, um den die Aufhebung des Spezialstatus von Kaschmir für Verfassungswidrig zu erklären. Juristen sehen eine gute Grundlage für ihr Begehren. Doch Indiens Oberste Richter weckten in der Vergangenheit bereits des Öfteren Zweifel an ihrer Unabhängigkeit.

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Indiens Hindunationalisten bewiesen schon früher ihre Vorliebe für das Spiel mit dem Feuer. Atal Bihari Vajpayee bescherte der Welt Ende der 90er Jahre ein neues atomares Wettrüsten zwischen Indien und dem Nachbarn Pakistan. Ob Modi mit seiner provokanten Entscheidung ebenfalls die Aufnahme in die Reihe der hindunationalistischen Idole gelingt, ist nicht nur wegen der möglichen Entscheidung des Obersten Gerichtshofs offen. Er zwingt den atomar bewaffneten Nachbarn Pakistan, der sich immer als Beschützer der muslimischen Interessen gerierte, zum Überdenken seiner Rolle.

Pakistan hatte mit Hilfe von Untergrundorganisationen in der Region Anfang der 90er Jahre die Basis für die Gewalt gelegt, die seither mindestens 47 000 Menschen das Leben kostete. In jüngster Zeit und unter dem Einfluss Chinas schienen sich die Generäle in Islamabad jedoch von ihrer Rolle als Pate des bewaffneten Kampfs in Kaschmir zu verabschieden. Jetzt ist Premierminister Imran Khan gezwungen, gemeinsam mit den Streitkräften über eine neuerliche Unterstützung für bewaffnete Dschihadisten in Kaschmir zu diskutieren.

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