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Karrierist aus Prinzip

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Von: Stefan Scholl

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Die Stimme seines Herrn - Sergej Kirijenko.
Die Stimme seines Herrn - Sergej Kirijenko. © dpa

Sergei Kirijenko gilt als Gewinnler von Putins „Spezialoperation“ - ein Porträt

Moskau – Mitte Mai redete Sergei Kirijenko vor den jungen Teilnehmer:innen des staatlich organisierten Bildungsmarathons „Neue Horizonte“ über seine Prinzipien als effektiver Verwalter und Manager. „Das Prinzip Nummer sechs lautet: Wir sind unterschiedlich, aber das ist kein Problem, sondern eine Möglichkeit.“

Sein sechstes Prinzip habe am genauesten der Präsident Russlands formuliert, als er den in der Ukraine getöteten Dagestaner Nurmagomed Gadschimagomedow posthum den Titel „Held Russlands“ verlieh: „Ich bin Russe, in meinem Stammbaum heißen alle Iwan oder Marija. Aber wenn ich auf die Heldentat Nurmagomed Gadschimagomedows und anderer Jungs anderer Nationalitäten schaue, dann spüre ich, ich bin Dagestaner, Tschetschene, Ingusche, Russe, Tatare, Jude, Mordwine oder Ossetine.“

Sergei Kirijenko, 59, stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung, tritt neuerdings oft in der Öffentlichkeit auf. Einer, der jahrzehntelang als graue Verwaltungsmaus galt, jetzt aber der erste große politische Gewinner der „Spezialoperation“ Putins ist. Schon fällt sein Name, wenn Journalist:innen über mögliche Nachfolger Putins diskutieren.

Vielleicht auch, weil Kirijenko Putin so oft zitiert. Und wenn er ihn nicht zitiert, begeistert er sich am heroischen Personal seines Ukraine-Feldzuges, an Sanitäterinnen, die Verwundete im Bombenhagel mit dem eigenen Körper schützen oder an Omas, die mit roten Flaggen winken. Als laute Kirijenkos wichtigstes Lebensprinzip: „Sag das, was dein Staatschef am liebsten hören möchte.“

Kirijenko gehört nicht zu Putins alten Petersburgern Weggefährten. Der Akademikersohn wuchs in Sotschi und Gorki auf, dem heutigen Nischni Nowgorod, studierte Schiffbau, während der Perestroika gründete er eine Bank und eine Ölgesellschaft. Seine erste politische Leitfigur war der junge, liberale Gouverneur Boris Nemzow, der ihn als Vizepremier nach Moskau holte. Im März 1998 wurde Kirijenko, gerade 35, sogar zum Premierminister ernannt. Die kommunistische Opposition verhöhnte ihn als „Kinderüberraschung“.

Kirijenko galt als liberale Reformhoffnung, allerdings machte im August der russische Staat bankrott, der Jungpremier wurde entlassen. Damals duzte er sich schon mit dem neuen Geheimdienstchef Wladimir Putin. Als der 2000 Präsident wurde, gingen andere Liberale wie Nemzow endgültig in die Opposition, Kirijenko aber wechselte als Putins Bevollmächtigter in den Föderativen Wolgakreis. 2005 übernahm er die Leitung der Staatsagentur Rosatom, also der gesamten Atomindustrie, 2016 wechselte er in die Präsidialverwaltung.

Als deren Vizechef war er ausschließlich für innenpolitische Aufgaben zuständig, ein kompetenter Bürokrat, der die Wahlergebnisse organisierte, die Putin forderte. Und sich sonst um Kaderfragen kümmerte. Ein Bürokrat, still, effektiv, sehr höflich, Interviews gab er keine.

Jetzt kontrolliert Kirijenko auch die ostukrainischen Rebellenrepubliken Donezk und Lugansk sowie die besetzten Gebiete in den ukrainischen Regionen Cherson und Saparoschschija. Den bisherigen Kurator Dmitri Kosak, einen „Petersburger“, verdrängte er laut dem Portal meduza.io bei einem persönlichen Treffen mit Putin, bei dem er genau das gesagt habe, was Putin hören wollte: „Dass Russland und seine Führung eine besondere Mission besitzen, dass alles, was sie in der Ukraine tun, richtig ist.“

Vielleicht ist Kirijenko nie ein wirklicher Liberaler gewesen, Karrierismus aber hält er für ein staatstragendes Prinzip. Seit Jahrzehnten initiiert er Nachwuchswettbewerbe, auch den Elitewettbewerb „Führer Russlands“, bei dem seit vier Jahren unter 840 000 Bewerbern 350 Spitzenpositionen vergeben wurden. Einer der Finalisten war der spätere Ministerialbeamte Vitali Chozenko, der gerade zum Regierungschef der Donezker Rebellenrepublik ernannt wurde, ein „Mann Kirijenkos“, so die BBC. Kirijenko besitzt ein eigenes Netzwerk. (Stefan Scholl)

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