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Kontrollierter Schmuggel: Marokkanerinnen ziehen leere Karren nach Ceuta und schieben bepackte zurück in ihr Land.

Exklave

Die Karrenschieber von Ceuta

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Die Grenze der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta gehört zu den am besten gesicherten der Welt. Doch vier Mal pro Woche erhalten Tausende Männer und Frauen Einlass in die Stadt, um sich mit Schmuggelware einzudecken, die sie nach Marokko schaffen.

Kurz vor dem ersten Grenzhäuschen macht der Weg einen Knick nach rechts. Gleich darauf kommt eine leichte Unebenheit im Asphalt. Jede zweite Frau bleibt da mit ihrem Karren hängen. Dann greift der junge spanische Wachmann ein, der hier für alle Fälle steht, hilft ruckelnd, ziehend oder schiebend, bis die Frau ihren vollbepackten Wagen wieder in Bewegung gebracht hat und den von Geländern markierten Pfad zum marokkanischen Grenzposten einschlägt.

Es ist ein tägliches absurdes Theater an diesem Knick. Die Frauen nehmen das Hindernis gelassen, sie lachen viel, einmal keifen sich einige an. Eine Alte humpelt vorbei, ihre Krücke hat sie quer auf den Packen auf der Sackkarre gelegt, die sie mühsam vorwärts schiebt. Auch ihr hilft der junge Wachmann. Und natürlich der Blinden, die sich mit einem Stock in der einen Hand vorwärts tastet und mit der anderen einen Einkaufstrolley hinter sich herzieht. „Hier wird’s nicht langweilig“, sagt der freundliche Mann in der Uniform eines privaten Sicherheitsdienstes.

Nicht nur der Knick, die ganze Lage ist absurd. Hier ist Ceuta, ein winziges Stück Spanien in Afrika, und dort Marokko, das Ceuta für sich beansprucht und deswegen so tut, als gäbe es keine Grenze zwischen Marokko und Ceuta. Die Grenze ist aber schwer zu ignorieren. Marokko ignoriert sie auch nicht, sondern gibt nur vor, sie zu ignorieren. Deswegen finden alle spanisch-marokkanischen Gespräche über die Grenze von Ceuta im Geheimen statt. Es sind viele, tägliche Gespräche, man kennt sich und versteht sich, ohne diese Gespräche wäre das Chaos noch größer. Wenn’s mal Missverständnisse gibt, lässt sich Marokko Nadelstiche gegen Spanien einfallen. Aber nicht zu viele und nicht zu lange. Man braucht sich, gegenseitig. Also sucht man nach Lösungen für die vielen kleinen und großen Probleme, die diese Grenze mit sich bringt. Etwa, wie man diesen merkwürdigen Grenzhandel so organisieren kann, dass die Lastenschlepper, Frauen und Männer, nicht unter die Räder kommen.

Alfonso Sanz analysiert den Schmuggel.

Um Ceuta und das 350 Kilometer entfernte Melilla ziehen sich die einzigen Landgrenzen zwischen einem europäischen und einem afrikanischen Staat. Es sind schwer gesicherte Grenzen, mit sechs Meter hohen, natodrahtbewehrten Zäunen, die demnächst auf zehn Meter erhöht werden sollen. Die Botschaft ist klar: Hier soll keiner rüber. Marokko erkennt diese Grenze nicht an, hat Anfang dieses Jahres aber trotzdem in einigem Abstand eigene Zäune parallel zum spanischen Zaun gezogen. Europa zahlt dafür. Spanien ist im westlichen Mittelmeer der Gendarm Europas und Marokko der Gendarm Spaniens. Die Grenze, die es auf marokkanischen Landkarten gar nicht gibt, ist eine der am schwersten zu überwindenden der Welt. Und zugleich so durchlässig, wie man sich nur denken kann. Fürs Geschäft. Und für die Leute, die dieses Geschäft erst möglich machen: die Frauen und Männer mit ihren Karren. Die Lage ist, wie gesagt, absurd.

„In einer idealen Welt“, sagt Alfonso Sanz, Finanzrechtsexperte der Universität in Cádiz, „müssten diese Leute Angestellte marokkanischer Import-Export-Unternehmer sein.“ Hier ist aber keine ideale Welt, sondern die Grenze von Ceuta. Über die lässt Spanien von montags bis donnerstags abwechselnd Männer und Frauen in die Stadt, damit sie sich bis oben hin mit Schmuggelware beladen und sie nach Marokko schaffen. Man nennt diese Leute hier porteadores, Träger, weil sie die Waren bis vor kurzem auf dem Rücken über die Grenze schleppten, wie Lastesel.

„Da sahst du Frauen von 40 oder 50 Jahren mit einem Gewicht auf den Schultern, das wir nicht heben könnten“, sagt Alfonso Cruzado von der Guardia Civil in Ceuta. Er ist 58 Jahre alt und schon seit mehr als 30 Jahren Guardia-Civil-Polizist in seiner Heimatstadt. Er weiß, wie das hier früher aussah. „Jetzt ist es perfekt“, sagt er in einem Moment des Überschwangs beim Blick auf die wohlsortierten Reihen der Frauen mit ihren Karren. Natürlich ist nichts perfekt. Und niemand ist bei einem Import-Export-Unternehmen angestellt.

Alles sollte bitte besser werden. Ana Rosado vom andalusischen Verein für Menschenrechte (APDHA) fordert, dass die porteadores in Spanien eine Arbeitserlaubnis erhalten, mit allem was dazu gehört: Sozialversicherung, Krankenversorgung, Steuerzahlung. „Wir sind keine Abolitionisten“, sagt sie, „wir wollen den porteo [also den Warentransport durch die porteadores] nicht abschaffen. Wir wollen, dass er unter würdigeren Bedingungen stattfindet. Denn für viele ist er der einzige Weg, ihr Überleben zu sichern.“

Ana Rosado hilft den „porteadores“.

So verdienen sie nun mal ihr Geld: Diesen Satz hört man hier immer wieder. Man möchte sich nicht vorstellen, dass die eigene Großmutter oder eine blinde Freundin diese Arbeit tut. Doch was sollen sie sonst tun? „Wenn du hier zum ersten Mal an die Grenze kommst, denkst du, das ist hart“, sagt der Guardia-Civil-Mann Cruzado. „Aber mit dem porteo kommen sie über die Runden. Wie der Arbeiter, der mit Schaufel und Spitzhacke loszieht.“

Die Welt ist also keine ideale, an dieser Grenze schon gar nicht, wo das Pro-Kopf-Einkommen auf der einen Seite neun Mal höher ist als jenes auf der anderen. Darum reihen sich die Frauen und die Männer bereits früh abends mit ihren Karren in der Schlange auf der marokkanischen Seite der Grenze nach Ceuta ein. „Gestern bis zum Hotel Ibis, das sind mehr als drei Kilometer“, erzählt Juan Hernández, Kabinettschef beim Regierungspräsidium in Ceuta, der sich um das gute Funktionieren der Grenze kümmert. Dieses lange Schlangestehen würde Hernández gerne wegorganisieren, jetzt im Sommer gehe es ja noch, „aber in Winternächten, bei Kälte und Regen – wir hätten gern, dass das aufhört“.

Es hört aber nicht auf, weil die Leute fürchten, vielleicht nicht mehr nach Ceuta eingelassen zu werden, wenn sie zu spät kommen. Das spanische Versprechen, die Grenze für die porteadores so lange offen zu halten, wie eben nötig, verfängt auf marokkanischer Seite nicht. Wahrscheinlich deswegen nicht, sagt Hernández, weil die lange Schlange selbst wieder Geschäft für vielleicht 100 Leute generiert, die Tee verkaufen oder sich als Platzhalter anbieten. Wer sich keinen Platzhalter leisten kann, bindet sich für die Wartestunden eine Windel um – „nein, das ist kein Märchen“, bestätigt Hernández.

Um 8 Uhr geht der Grenzübergang Tarajal 2, eigens für die porteadores eingerichtet, auf. Nach Ceuta rein dürfen alle mit Wohnsitz in der benachbarten Provinz Tétouan, das ist noch ein Privileg aus den Zeiten, als der Norden Marokkos aufhörte, spanisches Protektorat zu sein und man die alten Bindungen zu den weiterhin spanischen Exklaven Ceuta und Melilla nicht mit einem Mal kappen wollte. Das war 1956, und auch dreißig Jahre später, als Spanien der damaligen Europäischen Gemeinschaft beitrat, beließ man es bei dieser Sonderregelung zum visafreien Besuch Ceutas und Melillas.

In den spanischen Städten konnte man sich mit Dingen versorgen, die in Marokko schwer zu bekommen waren, und das ist heute immer noch so. Dass daraus ein Geschäftsmodell entstehen würde, war anfangs nicht absehbar. Obwohl es ein illegales ist, mindestens aus marokkanischer Sicht, funktioniert es ganz wunderbar, für beinahe alle Beteiligten. Auf dem Rücken der porteadores. Das „besondere Austauschsystem“, wie es der Ökonom Alfonso Sanz aus Cádiz nennt, „hat auf geheimnisvolle Weise dazu geführt, dass die marokkanischen Nachbarprovinzen von Ceuta und Melilla eine höhere Handelsaktivität und eine höhere Bevölkerungsdichte als der Rest Marokkos haben.“ Der Norden Marokkos lebt von Ceuta und Melilla. Und Ceuta und Melilla leben vom Norden Marokkos. Der Warenverkauf für den Schleichhandel ist die wichtigste wirtschaftliche Aktivität in beiden Städten.

Juan Hernández ordnet den Grenzverkehr.

Auf spanischer Seite von Tarajal 2 kontrolliert eine Guardia-Civil-Polizistin, ob die Ankommenden in ihren Karren und Taschen nichts nach Spanien einschmuggeln. Wenn sie einen Beutel verdächtig aufgebläht findet, lässt sie ihn sich zeigen – aber es stecken immer nur weitere Beutel drin. Über diese Grenze kommt nur frischer Fisch legal nach Ceuta herein. Der Rest des Handels geht in die entgegengesetzte Richtung. Wenn sie alle Kontrollen hinter sich haben, laufen die marokkanischen Frauen etwa hundert Meter zum Gewerbegebiet Tarajal hinauf, einer Ansammlung von Lagerhallen direkt an der Grenze, die nur den einen Zweck haben: den Schmuggel nach Marokko zu organisieren. Hier ist Endstation für die Lkws, die Waren vom spanischen Festland per Fähre nach Ceuta heranschaffen. Die Weiterfahrt über die Landgrenze nach Marokko ist für Lkws verboten, hier ist keine legale Wareneinfuhr vorgesehen – die läuft über den nicht weit entfernten marokkanischen Hafen Tanger-Med. Die Waren aus den Lagerhallen von Tarajal landen aber schließlich auch in Marokko: von den porteadores mühselig auf Karren vom Gewerbegebiet hinab zum Grenzübergang geschleppt, insgesamt 27 000 Tonnen im Laufe des vergangenen Jahres. Zoll zahlen sie keinen. Stattdessen hat jemand auf marokkanischer Seite, der diese Art von Geschäften organisiert, das geforderte Bestechungsgeld gezahlt. So fließen die Waren, und alle profitieren, nur der marokkanische Zoll nicht. Weil aber alles so gut eingespielt ist, drückt Marokko alle Augen zu. Wer weiß, wie lange noch.

Zurzeit läuft das Geschäft, das die grundlegenden Regeln des internationalen Handels missachtet, mit seinen eigenen, ziemlich präzisen Regeln: Marokko lässt nur eine Handvoll Warengruppen ins Land, vor allem Lebensmittel, Hygieneprodukte und kleinere Haushaltsgeräte. Der Übergang Tarajal 2 öffnet sich nur an vier Tagen der Woche: montags und mittwochs für Frauen, dienstags und donnerstags für Männer. Im August ist er ganz geschlossen. Und die porteadores müssen Karren benutzen. Das ist neu.

„Es war nicht ganz leicht“, sagt Bilal Dadi, „einige wollten den Karren nicht, andere schon, aber jetzt haben wir ihn, und er ist Pflicht.“ Der 32-jährige Dadi präsidiert den Unternehmerverein eines Teilbezirkes im Gewerbegebiet Tarajal, und er hält es seinem jugendlichen Engagement zugute, dass sich hier in letzter Zeit einiges getan hat. Es musste sich was tun: An der Grenze von Ceuta waren vor zwei Jahren sieben Lastenträgerinnen bei Unfällen im Gedränge ums Leben gekommen.

Damals schleppten die Frauen die Waren weit vornübergebeugt auf dem Rücken und konnten kaum ein paar Schritte nach vorn schauen, da geschah es schon mal, dass eine Trägerin auf die vor ihr gehende auflief. Mit den Karren sollte das nicht so leicht passieren. Manche Aktivisten nennen das Leben der porteadores trotzdem immer noch eine „Hölle“. An diesem Tag an der Grenze sieht es nicht danach aus.

Die Frauen selbst öffnen sich nicht leicht zum Gespräch, um die Arbeitsbedingungen aus ihrer Sicht zu schildern. Eine erzählt doch, sie stellt sich als Sahira vor. Sie ist keine porteadora, sondern Haushaltshilfe bei einer Familie in Ceuta, aber nach der Arbeit geht sie bei Bilal Dadis Lager im Gewerbegebiet Tarajal vorbei, um dort ein paar Töpfe zu kaufen, die sie in Marokko wieder verkauft, mit einem Euro Gewinn. Auch sie ist eine Grenzgängerin, sie wohnt in Fnideq, ein paar Kilometer hinter der Grenze, und um sich jedenfalls die tägliche Taxifahrt leisten zu können, nimmt sie teil an diesem gewaltigen grauen Handel zwischen Ceuta und Marokko. Ihr bleibt kaum etwas anderes übrig: Sie ist 50, arbeitet seit 25 Jahren bei derselben Familie in Ceuta, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag, und bekommt dafür 290 Euro im Monat. „Ich schwöre es“, sagt sie. „Uns bleibt nichts anderes. Die Reichen reich, die Armen Hunger.“ Bilal Dadi, der Händler, macht eine energische Handbewegung: „Das ist die Realität. Wir können sie fantasievoll ausmalen, wie wir wollen. Aber das ist es, was man hier jeden Tag erlebt.“

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Politik widmet sich in den kommenden Wochen „Grenzgängern“: Es geht um Menschen, die Barrieren überwinden – staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die Vorurteile im eigenen Kopf.

Heute beschreibt unser Spanien-Korrespondent Martin Dahms den sonderbaren Grenzverkehr zwischen der spanischen Exklave Ceuta und Marokko. Täglich werden tonnenweise Waren illegal aus der europäischen Stadt ins afrikanische Land geschafft. Doch beide Seiten dulden den Schmuggel.

In der nächsten Folge am Freitag, 26. Juli, geht es um polnische Frauen, die nach Berlin kommen, um heimlich ungewollte Schwangerschaften abzubrechen. Polen hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze der EU, Betroffene werden kriminalisiert und oft sozial geächtet. Doch ein transnationales Netzwerk hilft den Frauen.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? All das sind Fragen, die sich 2019 besonders dringlich stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert

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Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai. Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir

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