Die Jecken in Köln zeigen ihre Solidarität mit den Opfern von Hanaus. Oliver Berg/dpa
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Die Jecken in Köln zeigen ihre Solidarität mit den Opfern von Hanaus. 

Kabarettist Wolfgang Trepper

Grenzen der Narrenfreiheit: „Rassistisch darf man nie sein“

  • Ruth Herberg
    vonRuth Herberg
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Der Kabarettist Wolfgang Trepper spricht im Interview über die Grenzen der Narrenfreiheit.

Herr Trepper, Karneval hat viel damit zu tun, sich lustig zu machen. Wie weit darf die Narrenfreiheit gehen?

Wie der Begriff schon sagt, können die Narren so ziemlich alles machen. Allerdings muss man festhalten, dass es die klassischen Redner, wie man sie von früher kennt, die in Reinform Büttenreden vortragen, inzwischen so gut wie gar nicht mehr gibt. Es kamen viele aus dem Comedy- und Kabarettbereich in den Karneval, dadurch sind neue Formen von Auftritten entstanden.

In den vergangenen Jahren gab es einige Aufreger. Zum Beispiel den „Toilettenwitz“, in dem sich Annegret Kramp-Karrenbauer über Toiletten für das dritte Geschlecht lustig gemacht hat. Anfang dieses Jahres hat sich ein Büttenredner in Sachsen-Anhalt Berichten zufolge rassistisch geäußert, Witze über „Asylanten“ gemacht und sogar das N-Wort benutzt. Schließt Narrenfreiheit also auch Diskriminierung ein?

Manche machen sich durchaus über Minderheiten lustig, über Alkoholiker etwa oder Menschen mit einem Sprachfehler. Aber klar ist: Rassistisch darf man nie sein. Auch nicht als Witz getarnt. Da gibt es keine Ausnahme. Wenn jemand das macht, ist das der Versuch, einen Lacher zu erzwingen. Für mich persönlich wären das Lacher von Leuten, von denen ich gar keine Lacher haben will. Im Gegenteil. Es wäre mir lieber, wenn die bei solchen Witzen unter Absingen schmutziger Lieder rausgingen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Karneval: Ausreden sind inakzeptabel 

In diesen und in ähnlichen Fällen haben die Verantwortlichen schnell beschwichtigt: Es sei doch Karneval, alles nicht so gemeint und nur ein Witz …

Das ist inakzeptabel, das sind Ausreden. Das darf man nicht machen. Ich will aber noch auf einen Unterschied hinweisen.

Bitte.

Wer Büttenreden hält und von Bühne zu Bühne zieht, kann die Wirkung solcher Witze viel besser abschätzen als Frau Kramp-Karrenbauer, die eine geschriebene Rede vorgelegt bekommt und die dann einfach abliest. Die Frau ist vieles, aber keine Humoristin. Und da wollen wir dann doch mal die Kirche im Dorf lassen. Wenn die so einen Stuss redet, mein Gott, dann redet sie eben Stuss.

Im Fall von Sachsen-Anhalt war es aber ein Büttenredner. Der hat also mit voller Absicht rassistische Witze gemacht?

Selbstverständlich, mit vollster Absicht. Der schreibt die Rede, der trägt die Sachen zusammen, und dann haut der diese Rede raus.

Hat der Karneval in Teilen also ein Rassismusproblem?

Wolfgang Trepper , 58, ist Kabarettist. Seit mehreren Jahren tritt er auch als Redner beim rheinischen Karneval auf.

Das würde ich so nicht sagen. Der Karneval hat kein Rassismusproblem, aber Deutschland hat ein Rassismusproblem. Und das spiegelt sich überall wider: im Sport, in der Literatur genauso wie beim Humor und auch im Karneval. Das ist ganz bestimmt kein karnevalsspezifisches Problem.

Der Karneval driftet nach rechts – diese Aussage trifft also nicht so pauschal zu?

Nein, das wäre viel zu viel. Aber es ist eben genau wie im Rest des Landes auch: Es zeigen sich rechtspopulistische Tendenzen. Langsam, aber stetig. Dazu kommt, dass wir heute sensibilisierter sind, weil wir mit Entsetzen sehen, wohin sich solche Tendenzen entwickeln können. Und das merkt man dann.

Inwiefern?

Wenn jemand so einen fragwürdigen Witz macht, wird das viel eher wahrgenommen.

Sie sind eigentlich Kabarettist, treten aber auch auf Karnevalsveranstaltungen auf. Reden Sie mit Kolleginnen und Kollegen darüber, dass sich auch im Karneval vereinzelt rechtspopulistische Tendenzen zeigen?

Ich unterhalte mich mit denen, mit denen ich auch ein privates Wort sprechen kann, durchaus darüber, und da gibt es selten zwei Meinungen. Man muss aufpassen, was man sagt, und man darf nicht auf den billigen Lacher aus sein. Das sehen eigentlich alle so.

„Das Getue der Herrschenden aufs Korn nehmen“

Wie politisch darf Karneval überhaupt sein?

Die Frage erübrigt sich, wenn man sich anschaut, woher der Karneval kommt. In seinem Ursprung war das kein Event und keine Party, sondern da wurde das Getue des Militärs und der Herrschenden aufs Korn genommen. Man konnte mal sagen, was man wollte, weil man in den Tagen Narrenfreiheit hatte. Natürlich richtete sich der Spott und das, worüber man gelacht hat, dann gegen diejenigen, die sonst über einem selbst stehen. Die ganzen Leute, die heute in Uniform über eine Bühne hüpfen, wissen gar nicht mehr, dass das früher gemacht wurde, um die Leute in Uniform lächerlich zu machen. Und dazu gehörten natürlich auch Witze über die Obrigkeit. Also muss vernünftiger Karneval, der ganz traditionell sein will, politisch sein. Dass sich das heute verkehrt, ist einfach nur falsch.

Was meinen Sie genau mit „verkehrt“?

Ich kann ja nur für Düsseldorf und Köln reden, aber da sind die politischen Reden mittlerweile deutlich in der Minderheit. Das sind heutzutage Alltagsthemen, die da größtenteils zur Sprache kommen, weniger Politisches. Aber das liegt auch daran, dass die Leute das einfach nicht hören wollen und das auch nicht verstehen.

Wird der politische Aspekt des Karnevals weiter verloren gehen?

Da bin ich bereit, mehrere Kisten Bier darauf zu verwetten: Beim Karneval wird sich mehr und mehr ein Eventcharakter durchsetzen, der Unterschied zwischen einer Ü-40-Party, einer Ballermann-Party und einer Karnevalssitzung wird irgendwann marginal sein. Die Leute wollen eigentlich nur erstens sich selbst und zweitens die Musik abfeiern. Für Düsseldorf und Köln kann ich sagen: Das Politische am Karneval fällt eindeutig nach und nach weg.

Interview: Ruth Herberg

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