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So Gott will: Kardinal Reinhard Marx wird sich auch weiter kaum vor Arbeit retten können.

Bischofskonferenz

Deutschlands Kirchenfürst tritt ab: Kardinal Marx zieht sich zurück

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Kardinal Marx will die Bischofskonferenz nicht mehr leiten. Eine Analyse.

Als die Frauen der katholischen Reformbewegung „Maria 2.0“ nach ihrem Nachtgebet zum Auftakt des „Synodalen Wegs“ vor zwei Wochen aus dem Frankfurter Dom traten, entdeckten sie im Halbdunkel einen schwarz gekleideten, bärtigen Mann beim Rauchen. Fast hätten sie ihn gefragt, ob sie ihm helfen könnten, erzählte eine der Frauen. Aber dann sahen sie die dicke Zigarre in der rechten Hand, und sie erkannten den Mann: Kardinal Reinhard Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

Ein bisschen symptomatisch ist die Szene für das, was das katholische Deutschland am Dienstag ähnlich unvermittelt traf wie der Rückzug von AKK die CDU: Marx tritt nach sechs Jahren nicht für eine zweite Amtszeit an. Marx, der Genießer, der Kirchenfürst mit durchaus barockem Habitus, der Mann, der gern im Zentrum des Geschehens steht – er lässt ein Stück von seiner Macht und wird dadurch für einen Moment auch als ein einsam Mächtiger erkennbar.

Ahnt Kardinal Marx, dass die Rufe nach der Frauenweihe in Rom wirkungslos verhallen werden?

Überraschend ist die Ankündigung dennoch – vor allem aus zwei Gründen: Der „Synodale Weg“, ein gemeinsames Projekt von Bischofskonferenz und Laienvertretung, ist so sehr Marx’ Sache, dass eine vorzeitige Preisgabe der Co-Präsidentschaft mehr als nur Anlass zu Spekulationen gibt. Traut Marx dem Reformprozess doch so wenig zu, dass er sich dafür am Ende der zwei Jahre nicht hinstellen will? Oder ahnt er, dass die Rufe nach der Frauenweihe, nach der Lockerung des Zölibats, nach einer erneuerten Sexualmoral in Rom wirkungslos verhallen werden?

Das zweite Überraschungsmoment hat mit den Alternativen zu tun. Traditionell richten sich auf der Suche nach einem Vorsitzenden der Bischofskonferenz die Blicke auf Erzbischöfe von München und Köln, die in Deutschland nach dem Gewohnheitsrecht auch Kardinäle sind.

Doch in Köln hat sich Erzbischof Rainer Woelki so sehr als Antipode zu Marx aufgebaut, hat dessen Bemühen um Veränderungen in der Kirche oder um Fortschritte in der Ökumene nach allen Regeln der Kunst torpediert und zuletzt den „Synodalen Weg“ in einer Weise attackiert, dass ihm nicht nur Marx, sondern auch viele andere Bischöfe grollen. Allem Anschein nach war Marx der starke Mann der katholischen Kirche in Deutschland, nicht zuletzt auch als enger Berater des Papstes. Aber gerade diese Stärke ist eine nur abgeleitete, gleichsam auf Treu und Glauben beruhende.

Kardinal Marx hat sein Programm an das Pontifikat von Papst Franziskus gekoppelt

Marx hat sein kirchenpolitisches Programm an das Pontifikat von Papst Franziskus gekoppelt – mit einer Entschiedenheit, die manche verblüfft, andere misstrauisch gemacht hat. War Marx denn nicht ehedem als eher konservativer Theologe aufgetreten? Hatte er es sich nicht gern gutgehen lassen und eine Lebensführung gepflegt, die so gar nicht „Kirche der Armen“-Style à la Franziskus war? Ob nun aus Taktik oder ehrlicher Einsicht in die Reformbedürftigkeit der Kirche – Marx hat über die Jahre versucht, dem neuen Geist aus Rom in Deutschland Gestalt zu geben. Und musste wiederholt erkennen: So manches Wort des Papstes ist nicht unfehlbar, ja nicht einmal belastbar. Marx hat seine Autorität und Reputation eingesetzt, als er – scheinbar im Sinne des Papstes – für bestimmte pastorale Probleme Lösungen vorschlug, die zu den hiesigen Verhältnissen passten.

Kardinal Marx ist in Rom allein auf weiter Flur

Doch schon mit der vorsichtig geregelten Zulassung evangelischer Ehepartner zur Kommunion in der katholischen Messfeier lief Marx in Rom vor die Wand. Zu Hause in Deutschland konnte er die Mehrheit der Bischöfe hinter sich versammeln – in Rom war er allein auf weiter Flur.

Wenn an diesem Mittwoch das päpstliche Schreiben zur Amazonas-Synode erscheint, könnte sich Marx in der gleichen Rolle wiederfinden. Schlägt der Papst zum Beispiel die Bitte der lateinamerikanischen Bischöfe um Ausnahmen vom Pflichtzölibat ab, erteilt er einer Modernisierung des Frauenbilds eine Absage – dann hätte sich in Deutschland der Impetus des „Synodalen Wegs“ so gut wie erledigt. Zumindest wäre er erneut des vermeintlichen Rückhalts aus Rom beraubt. Und Marx wäre am Ende, noch bevor der „Synodale Weg“ zu Ende ist.

Werdegang von Kardinal Reinhard Marx

Der Münchner Erzbischof, der 66-jährige Reinhard Kardinal Marx, hat in der katholischen Kirche eine steile Karriere vollzogen, die ihm auch im Vatikan Einfluss verschaffte:

Von 1972 bis 1979 studierte Marx Katholische Theologie und Philosophie in Paderborn und Paris. 

1979 wurde er zum Priester geweiht. 

Von 1981 bis 1996 war er Geistlicher Rektor und dann Direktor des Sozialinstituts Kommende in Dortmund.

1996 erfolgte die Bischofsweihe. 

Von 2002 bis 2008 wirkte er als Bischof von Trier, dann wurde er Erzbischof von München und Freising. 

2010 erfolgte die Ernennung zum Kardinal, 2012 bis 2018 führte er die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft. 

2013 berief ihn Papst Franziskus in die Kardinalsgruppe zur Kurienreform, und 2014 wurde er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. epd

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