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Die Missbrauchsstudie steht im Zentrum der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Fulda.

Missbrauch in der Kirche

Kardinal Marx spricht von Wendepunkt für die Kirche

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Die umfassende Studie zum sexuellen Missbrauch von Kindern in der Katholischen Kirche nimmt Kardinal Marx zum Anlass, um eine neue Diskussion über die Entschädigung von Opfern anzuregen.

Mit einer Bitte um Entschuldigung und der Ankündigung struktureller Konsequenzen hat die Deutsche Bischofskonferenz auf den tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche in den vergangenen 70 Jahren reagiert. Die Vorlage einer umfassenden Studie mit Zahlen aus den 27 deutschen Bistümern nannte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in Fulda einen „Wendepunkt“ und einen „wichtigen Tag für die Geschichte der Kirche in Deutschland“.

Er schäme sich „für das Vertrauen, das zerstört wurde“. Die Tragweite dieser Verbrechen im Raum der Kirche sei ihm und vielen Verantwortlichen in der Kirche lange nicht klar gewesen. Selbst die Skandalwelle des Jahres 2010 habe noch nicht dazu geführt, an die systemischen Ursachen und die innerkirchlichen Strukturen heranzugehen, die sexuellen Missbrauch begünstigen.

Der Forensische Psychiater Harald Dreßing, Koordinator des Forscherverbunds der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen, nannte hier an erster Stelle den Missbrauch klerikaler Macht sowie einen problematischen Umgang der katholischen Kirche mit der Sexualität, speziell mit der Homosexualität, und dem Zölibat.

Überwiegen männlicher Opfer

Ein „komplexes Zusammenspiel von sexueller Unreife und abgewehrten oder verleugneten homosexuellen Neigungen“ von Priestern in einer „teilweise auch offen homophoben Umgebung“ könne eine Erklärung für das Überwiegen männlicher Opfer beim Missbrauch durch katholische Geistliche bieten. Solchen Befunden müsse sich die Kirche stellen, wenn sie den Missbrauch ernsthaft und „auch mit dem Mut zur Veränderung“ aufarbeiten wolle.

Wie in den Medien schon vorab zu lesen war, ermittelten die Forscher aus mehr als 38 000 Personalakten 3677 Opfer und 1670 Beschuldigte. Diese Zahl entspricht einer Quote von mehr als vier Prozent der Geistlichen im Dienst der Bistümer. Die katholischen Orden waren in die Studie nicht einbezogen. Dreßing sprach mit Blick auf die Zahlen von „unteren Schätzgrößen“. Das tatsächliche Ausmaß der Vergehen dürfte erheblich höher sein.

Sexueller Missbrauch durch Kleriker: Ein „anhaltendes Problem“

Dies liege zum einen an einem Dunkelfeld von unbekanntem Ausmaß, zum anderen an der unvollständigen Auswertung des Aktenbestands. Das Design der Studie sah von vornherein vor, die Personalakten nur stichprobenartig in zehn Bistümern von 1946 zu durchforsten. In den anderen 17 Bistümern beschränkten sich die Forscher auf den Zeitraum von 2000 bis 2014. Trotz professioneller Distanz als Wissenschaftler hätten ihn „das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen erschüttert“. 

Klar sei auch, dass es sich beim sexuellen Missbrauch durch Kleriker um ein „anhaltendes Problem“ handele. Weitere Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention seien deshalb „dringend erforderlich“. Insbesondere die bisher Betroffenen erwarteten nun von den Verantwortlichen eine „aufrichtige Auseinandersetzung“ und einen „Mentalitätswandel“. 

Kardinal Marx schließt Rücktritt trotz „persönlichen Schuldgeschichte“ aus

Als besonders auffallend charakterisieren die Forscher den weit überproportionalen Anteil von etwa 80 Prozent männlicher Opfer. Diese Quote im Raum der Kirche verhalte sich umgekehrt zu anderen Institutionen wie etwa den Schulen. Scharf kritisierten die Forscher die weithin unangemessene Reaktion der Personalverantwortlichen in den Bistümern. „Der Schutz von Institution und Beschuldigten hatte Vorrang vor den Interessen der Betroffenen“.

Zu deren finanzieller Entschädigung sagte Marx, die Diskussion über das Verfahren einer „Anerkennung des Leids“ mit einer Orientierungsgröße von 5000 Euro müssten die Bischöfe „noch einmal neu führen“ – auch hinsichtlich der Höhe. Persönliche Konsequenzen bis hin zum Rücktritt schloss Marx trotz seines Eingeständnisses einer „persönlichen Schuldgeschichte“ aus.

Dazu gehöre, dass er – wie viele andere – das Problem nicht immer in seiner ganzen Tiefe und aus der Sicht der Betroffenen gesehen habe. In seiner Verantwortung als Bischof habe er immer im Rahmen der jeweils geltenden bischöflichen Richtlinien gehandelt. Davon gehe er auch mit Blick auf seine 26 Mitbrüder aus. In der Runde der gut 60 deutschen Bischöfe habe nach der Präsentation der Studie keiner eine Last persönlicher Schuld bekundet, die ihn das Amt nun nicht mehr tragen ließe. 

„Dezentral weiter forschen“

Für die Aufarbeitung sei die Kirche auch weiter auf Hilfe von außen angewiesen, betonte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann (Trier). „Allein werden wir Bischöfe das nicht können.“ Marx zeigte sich offen für den Vorschlag des Bundesbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig zu einer engeren Kooperation zwischen Kirche und Staat. Weitere Untersuchungen insbesondere der Aktenbestände müssten aber dezentral auf der Ebene der einzelnen Bistümer erfolgen. Für das Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Woelki bereits vor der Präsentation der bundesweiten Studie ein eigenes weitergehendes unabhängiges Projekt angekündigt.

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