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Gegenspieler: Kapitänin Rackete und Innenminister Salvini.

Sea Watch 3

Nervenkrieg mit Salvini: Sea-Watch-Kapitänin bleibt standhaft

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40 Flüchtlinge müssen weiter auf der „Sea Watch 3“ vor Lampedusa ausharren.

Carola Rackete ist in Italien inzwischen eine Berühmtheit. Kritikern von Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini gilt die 31 Jahre alte Deutsche, Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffs „Sea Watch 3“, als Heldin. Für Salvinis Anhänger verkörpert sie ebenso wie für ihn selbst ein Feindbild. „Eine kleine Wichtigtuerin, die Politik macht“, schimpfte der Minister über Rackete, die ihr Schiff mit 42 Migranten an Bord am Mittwoch trotz seines Verbots in italienische Gewässer und zur Insel Lampedusa steuerte. Seitdem läuft das Ringen zwischen der „Capitana“ und dem „Capitano“, wie Salvinis Fans den Rechtsnationalisten und Hardliner in Sachen Migration nennen. Er fordert, Rackete müsse eine hohe Strafe zahlen und festgenommen werden, das Schiff beschlagnahmt.

Die „Sea Watch 3“ harrte auch am Freitag weiter in Sichtweite des Hafens von Lampedusa auf dem Meer aus, weil ihr die Einfahrt in den Hafen verweigert wird. Am Vortag hatte Rackete versucht, dennoch einzulaufen, wurde aber von Küstenwache und Zoll gestoppt. Zwei der 42 afrikanischen Migranten, die seit zwei Wochen an Bord festsitzen, waren am Vorabend aus medizinischen Gründen an Land gebracht worden, darunter ein zwölfjähriger Junge.

An Bord liegen die Nerven blank 

Das bestätigte Rackete am Freitag in einer Skype-Schaltung zur Auslandspresse in Rom. Die Lage an Bord, mit 40 Flüchtlingen und 22 Crew-Mitgliedern, werde immer angespannter, sagte sie. Essen und Trinkwasser seien nicht das Problem, wohl aber die psychologische Seite. Sie sei extrem besorgt, dass einige der nach Misshandlungen in Libyen traumatisierten Flüchtlinge sich etwas antun könnten. „Das Schiff ist wie ein Gefängnis für diese Leute. Sie sind unglaublich frustriert.“ Sie hoffe auf eine baldige politische Lösung, „innerhalb weniger Stunden“. Salvinis wütende Kommentare über sie zu lesen, dafür habe sie gar keine Zeit.

Italien ermittelt wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung

Die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Agrigent ermittelt inzwischen gegen die Kapitänin wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Am Freitagnachmittag informierten sie Beamte der Finanzpolizei darüber und durchsuchten das Schiff.

Die Sea-Watch-Aktivistin verwies auf die große Unterstützung in Italien und Deutschland. Seit Donnerstag sind fünf Parlamentarier der italienischen Linken an Bord des Schiffs. In Lampedusa schlafen der Pfarrer Don Carmelo La Grassa und Dutzende Inselbewohner seit acht Nächten im Freien vor der Pfarrei, als Zeichen der Solidarität mit den Flüchtlingen. Palermo hat die deutsche Hilfsorganisation am Donnerstag zu Ehrenbürgern ernannt.

Breite Welle der Solidarität für Sea Watch 

Zahlreiche deutsche Städte haben die Aufnahme der Migranten angeboten. In den sozialen Netzwerken sammelten Italiener innerhalb 24 Stunden 220.000 Euro, um die drohenden Geldstrafen und Gerichtskosten von Sea Watch zu finanzieren.

Der italienische Premier Giuseppe Conte sagte am Freitag am Rande des G20-Gipfels in Osaka, „drei oder vier Länder“ hätten sich bereit erklärt, die Sea-Watch-Flüchtlinge aufzunehmen. Die Regierung in Rom sieht vor allem die Niederlande in der Pflicht, da das Schiff unter holländischer Flagge fährt. Auf Briefe von Conte und Salvini reagierte Den Haag mit einer Absage.

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