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1964 konnte man für Tokio noch mit Bildern der „schönen Spiele“ werben.
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1964 konnte man für Tokio noch mit Bildern der „schönen Spiele“ werben.

Olympia

Kanonen statt Stadien

  • VonFelix Lill
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Olympia sollte schon 1940 nach Japan kommen, aber Tokio entschied sich für den Krieg, an dessen Ende Atombomben fielen. Und später war vieles auch nur glänzende Oberfläche.

Am Nationalstadion im Zentrum Tokios hing während der Olympiavorbereitungen ein großes Banner: „Lasst uns den Traum von 1964 noch einmal erleben!“ „Tokyo 2020“ soll 2021 an ein großes Erbe anknüpfen. Als Japans Hauptstadt Mitte der 60er Jahre erstmals Olympia veranstaltete, wirkte das Sportereignis wie ein Befreiungsschlag. Mit der Magie des Sports, so dokumentieren es Geschichtsbücher, haben man endlich die Wehen des Krieges überwunden.

Das alte Japan war 1945 an seinem eigenen Größenwahn gescheitert – und musste auch noch die zwei kriegerischen Atombombeneinsätze der Menschheitsgeschichte ertragen. 19 Jahre später aber strahlte ein wiederaufgebautes Japan. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen raste atemberaubend schnell durchs Land, Tokio protzte mit modernen Hotels und Flughäfen. Die Wettkämpfe wurden erstmals live per Satellit in die ganze Welt übertragen.

1964 war eine Zeitenwende

Auch die sportlichen Leistungen trugen dazu bei, dass sich Japan in den Köpfen der Menschheit als führende Nation etablierte. Im Medaillenspiegel belegte das Land hinter USA und Sowjetunion Platz drei. Und weil die ersten Spiele in Asien als Erfolg galten, erhielten japanische Städte immer wieder das Austragungsrecht. Acht Jahre später kamen die Winterspiele nach Sapporo. 1998 waren sie in Nagano. Und nun, nach gut 20 Jahren, ist Tokio erneut Gastgeber. Häufiger haben nur die USA und Frankreich die Spiele veranstaltet.

Wenn es am Freitag losgeht, wird sich die Öffentlichkeit vor allem an 1964 orientieren. Nicht nur wegen des oft gezeigten Plakats am Nationalstadion, das übrigens eine renovierte Version des schon damals genutzten Olympiastadions ist. Es werden noch weitere Parallelen bemüht: „Tokyo 2020“ nennen sie „fukkou gorin“ – die „Wiederaufbauspiele.“ Gemeint ist diesmal der immer noch in Teilen verwüstete Nordosten – mit seinen eigenen radioaktiven Schäden.

Viele Menschen sind gegen die Olympischen Spiele

Auch dort – wie in Tokio – ist die Mehrheit der Menschen gegen die Spiele, nicht zuletzt, weil sie sich nach der Katastrophe vor zehn Jahren mehr Unterstützung erhofft hatte. Und der seit Beginn der Pandemie vor eineinhalb Jahren anhaltende Krisenmodus erinnert ohnehin kaum an die Erfolgsspiele 1964. Unangenehme Parallelen zu den weitgehend vergessenen Spielen von 1940 werden offenbar.

Zum ersten Mal gewann Japan das olympische Austragungsrecht schon 1936. Im Februar 1940 sollten in Sapporo, auf der Nordinsel Hokkaido, die Winterspiele steigen. Im September dann die Sommerspiele in Tokio. Alles war als Jahr für die Geschichtsbücher geplant: In der Hauptstadt war denn auch noch die Weltausstellung vorgesehen. All diese Feste, so der Gedanke, würden die 2600 Jahre des japanischen Kaiserreichs markieren.

1938: Lieber Krieg als Sport

Es kam anders. Nachdem Japan 1931 Teile Ostchinas besetzt hatte, brach 1937 ein Krieg aus. Schnell wurde er teurer als erhofft. 1938 meldete das Militär, dass man die für die Wettkämpfe eingeplanten Pferde in der Kavallerie brauche. Und das Metall, aus dem das Stadion gebaut werden sollte, leitete man in die Waffenproduktion um. 1938 gab Tokio das Austragungsrecht zurück. Lieber Krieg als Sport. Bei den ersten Spielen nach dem Krieg, 1948 in London, waren japanische Athlet:innen, genau wie deutsche, ausgeschlossen.

„Tokyo 1940“ ist das dunkelste Kapitel der japanischen Olympiageschichte. So dunkel, dass es in japanischen Museen und Lehrbüchern praktisch ausgespart wird. Wohl auch um dies so beizubehalten, wird heute immer wieder auf die Bilder von 1964 rekurriert. Dabei war selbst damals nicht alles glänzend.

Olympia diente der Image-Pflege

Die Pläne, das Sportevent zu veranstalten, waren von Anfang an umstritten. Für die Bauprojekte mussten Menschen ihre Wohnungen räumen. Außerdem war Tokio keineswegs die gut organisierte Metropole von heute. Torsten Weber, Historiker vom deutschen Institut für Japanstudien in Tokio, schreibt von „toxischer Verschmutzung, betäubendem Lärm und höllischem Gestank in der Stadt wegen des starken Verkehrs und des schlechten Abwassersystems.“

Acht Jahre später, 1972 in Sapporo, sollte das schon anders aussehen. Japan war die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Millionenstadt baute vor den Winterspielen die ersten Abschnitte ihrer U-Bahn, außerdem eine größere Untergrundshopping und -passage, um in den kalten Wintern das Leben außer Haus erträglicher zu machen. In Sapporo wurde erstmals in Wintersportanlagen von internationalem Rang investiert.

Wintersport kam in Mode

Die Skisprunganlagen Okurayama und Miyanomori dienten danach für Weltcups. Für die Bobbahn dagegen gab es keine rechte Verwendung, 20 Jahre später riss man die rostige Anlage wieder ab. Aber Sapporo gilt weiter als Geburtsort einer Wintersportnation. Nach nur einer Goldmedaille 1972 im Skispringen waren Medaillensiege fortan keine Überraschung mehr.

1998 in Nagano holte das Land fünf davon. Sportlich gesehen waren die dritten Olympischen Spiele damit ein historischer Erfolg für Japan, der fortan unerreicht geblieben ist. Unter der Oberfläche sah es weniger gut aus. Der Skiboom, den die Spiele von Sapporo ausgelöst hatten, war längst abgeflaut. Und dieser Trend reicht bis heute. Das Nihon Keizai Shimbun, die auflagenstärkste Wirtschaftstageszeitung der Welt, schrieb Anfang 2021: „Japans Skiresorts befürchten eine Abfahrt bis nach ganz unten.“

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