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Meron, 17 Jahre, Äthiopiens Tennishoffnung. Vor zehn Jahren begann sie, Tennis zu spielen.

Äthiopien

Du kannst es!

Zwei frühere Nationalspieler bringen Kindern aus den Slums von Addis Abeba Tennis bei. Für die Talentiertesten ist es mehr als ein Spaß – es ist ein Ticket in eine hoffnungsvollere Zukunft.

Von Markus Wanzeck

Um ein Haar hätte sie den Breakball vergeben, wäre das Spiel des Lebens ohne jene Wendung geblieben, die sie zu dem machte, was sie heute ist. Meron lacht, wenn sie daran zurückdenkt. Ihre Gedanken wandern zurück in ihre Kindheit wie in eine ferne, fremde Welt.

Zwei junge Männer kamen an einem sonnigen Nachmittag im Jahr 2002 den holprigen Pfad zwischen den Wellblechhütten des Viertels entlanggelaufen. Die Kinder hielten im Spielen inne. Blickten die Besucher an, die sich als Desta und Tariku vorstellten. Brüder, bestens gelaunt. „Hey,“ fragten die beiden in die Runde, „habt ihr Lust, Tennis zu spielen?“

„Was ist das, Tennis?“, fragte Merons Freundin aus der Nachbarhütte, Dinknesh, mit großen Augen zurück. Tariku und Desta blickten sich an. Zeigten auf die grellgelben Filzbälle in ihren Händen. Sie lotsten die Kinder zum Greek Club.

Der Olympiacos Greek Club! Was für ein Abenteuer! Unerreichbar und doch in direkter Nachbarschaft der Slumsiedlung gelegen. Das Amüsiergehege der Mächtigen von Addis Abeba und der reichen Ausländer, die in der äthiopischen Hauptstadt leben.

Tariku und Desta Tesfaye, Tennistrainer des Clubs, hatten eine verwegene Idee. Eine Tennisausbildung für arme Kinder. Kostenlos. Frühmorgens, noch ehe die Kleinen zur Schule gehen. Bevor die zahlenden Clubmitglieder die drei Sandplätze in Beschlag nahmen. Auf dem vornehmen Clubgelände drängten sich Hunderte Kinder, Eltern, Schaulustige in zerschlissenen Kleidern. Dinknesh war gekommen, um zu sehen, was Tennis ist. Merons kleiner Bruder Robel war da. All die Nachbarskinder. Nur Meron fehlte. Die Siebenjährige hatte zu Hause vor dem Spiegel gesessen, vertieft in das Flechten ihrer Haare. Abends erstattete aufgekratzt ihr Bruder Bericht, er sei für das Tennisprojekt im Greek Club ausgewählt worden.

Am nächsten Tag lief Meron hinauf zum Clubgelände, aufgeregt den Schritten ihrer Mutter folgend. Die Mutter sprach bei den Tennistrainern vor, hoffend, das Leben ihrer Tochter möge nicht in den Slums von Addis versanden wie das ihrige, das ihres Mannes, das der Nachbarn und Verwandten. Meron durfte vorspielen. Und sie nutzte ihren Breakball.

Zum Turnier nach Florida

Heute, zehn Jahre später, haben Erfolge und Erfahrung Meron Getu zu einer selbstbewussten jungen Frau gemacht. Verbindlicher Händedruck, fließendes Englisch. „Anfangs redete mir Tariku ständig ins Gewissen“, erinnert sie sich. „Du musst mehr essen, Meron, damit du groß und stark wirst.“ Groß? Hat nur halbwegs geklappt, 1,55 Meter misst Meron heute. Stark?

Die heute 17-Jährige ist die talentierteste Tennisspielerin ihres Landes und eine der besten auf dem afrikanischen Kontinent. Mit dreizehn gewann sie erstmals den Hilton Mercedes Cup in Addis Abeba in der Damenwertung. Sechsmal schon nahm sie an den Junioren-Ostafrikameisterschaften des Tennisweltverbandes ITF teil, jedes Mal brachte sie eine Goldmedaille zurück. Zusammen mit dem ein Jahr jüngeren Yonas Gebre, talentiertester männlicher Spieler des Tennisprojekts, reiste sie im Dezember 2008 zur Junioren-Weltmeisterschaft nach Florida.

Ein Wunder? Verwunderlich ist es schon, wie der traditionelle Sport der Gutgestellten in den Slumvierteln von Addis Abeba Fuß fassen konnte. In einem Land, das zu den ärmsten der Erde gehört, Jahreseinkommen 380 US-Dollar pro Kopf, Platz 157 von 169 auf dem globalen Human Development Index, die Hälfte der Menschen unterernährt. Zu verstehen nur, wenn man weiß, wie den Tesfaye-Brüdern selbst der Aufstieg aus der Armut gelang: mit einem Racket in der Hand.

„Ich war vielleicht zehn, da begannen Desta und ich, in einem benachbarten Tennisclub als Balljungen zu arbeiten“, erzählt Tariku Tesfaye, ein inzwischen 34-Jähriger mit wachen Augen und leicht abstehenden Ohren. Jeden Nachmittag rannten er und sein Bruder den Bällen hinterher. Abend um Abend brachten sie ein paar Groschen Trinkgeld nach Hause, mit dem sie ihre Eltern unterstützten. Die Clubmitglieder entfachten das Tennisfieber der beiden, indem sie ihnen ihre alten Schläger schenkten. Manchmal durften sie einspringen, wenn einer der Spieler von seinem Trainingspartner versetzt wurde. Es kam der Tag, da konnte es auf dem Platz keiner im Club mehr mit ihnen aufnehmen, und irgendwann wurden auch jenseits des Clubs die Gegner knapp. Die Tesfaye-Brüder hatten den Tellerwäschertraum in der Tennisvariante wahr gemacht. Von Balljungen waren sie zu Nationalspielern aufgestiegen.

Desta vertrat Äthiopien bei den Afrikanischen Juniorenmeisterschaften. Tariku spielte im Jahr 2000 für sein Land im Daviscup. Der Erfolg machte sie nicht reich; Reichtum winkt erst in den oberen Regionen der Weltrangliste. Aber er sicherte ihnen doch ein gutes Auskommen und öffnete viele Türen. Die Tesfaye-Brüder waren weiter gekommen, als sie jemals gedacht hatten: bis in die High Society von Addis Abeba.

Als der sportliche Zenith, nach Jahren des Aufstiegs, überschritten war, suchten sie nach einem Weg, diesen Aufstieg nicht zu einer kuriosen, kleinen Fußnote der Tennisgeschichte werden zu lassen. Sie wollten, dass andere Kinder ihre Geschichte wiederholen.

Heute, gut zehn Jahre später, ist das Projekt als TDKET bekannt, sperrige Kurzform für das noch sperrigere „Tariku and Desta Kids’ Education through Tennis Development Ethiopia“. Der Name soll zeigen: Neben dem Sport geht es auch um Schulbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Wer sich als schlechter Teamplayer erweist, wer in der Schule keine Leistung bringt oder gar auf die Idee kommt, den Unterricht für das Training zu schwänzen, ist raus.

Der Erfolg des Projekts hat immer mehr Unterstützer mobilisiert. Von der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba über den früheren Leiter des äthiopischen Tourismusamts bis hin zur Kindernothilfe. Von der örtlichen US-Vertretung bis hin zu Gymnasien in der Heidelberger Gegend, die durch den heimgekehrten Vize-Rektor der Deutschen Botschaftsschule von dem Projekt erfuhren und begannen, Geld zu sammeln.

Samstagnachmittag am Guenet Hotel, in einem Stadtteil von Addis Abeba, den sie Mexico nennen. Auf den zwei roten Tennisplätzen des Hotels steht der Staub, aufgewirbelt von vielen Kinderbeinen. Tariku Tesfaye steht mit einem Ballkorb am Netz. Schlägt Kindern, gerade so groß, dass sie übers Netz sehen können, im Sekundenrhythmus Bälle zu. Eins: Weit ausholen! Zwei: Schlagen, Vorhand! Die Trainingsanlage ist von rostigem Maschendraht umgrenzt, ausrangierte Tennisrackets hängen darin wie Insekten in einem riesigen Spinnennetz. An einer der Längsseiten steht eine Baracke, in der die Kinder Englischunterricht bekommen.

Traum vom US-College

Weil der Greek Club nur frühmorgens seine Plätze für die Jugendlichen öffnete, pachtete Tariku Tesfaye 2011 zwei heruntergekommene Plätze am Guenet-Hotel, am anderen Ende der Stadt, richtete die Plätze her und wiederholte, was schon einmal funktioniert hatte: Er zog mit einem gelben Ball in der Hand durchs Viertel. Sein Bruder Desta lebte da bereits seit vier Jahren als Tennisgastarbeiter in Saudi-Arabien, wo er eine gut bezahlte Stelle als Trainer antrat und damit das Projekt aus der Ferne unterstützte.

„Dankeschön für heute!“ Tesfaye ruft die Sieben-, Acht-, Neunjährigen zu sich ans Netz, klatscht sie der Reihe nach ab, zwinkert ihnen zu. Die gut fünfzig Jungen und Mädchen sind die zweite Generation des Tennisprojekts. Viele trainieren jeden Tag. Alle wollen sie werden wie Meron, die auch hier trainiert und gerade mit einem Schlauch über den Platz geht und den Staub wegspritzt. Jeden Nachmittag das gleiche Ritual.

„Tennis ist alles für mich. Es ist mein Leben.“ Es klingt nicht pathetisch aus Merons Mund, eher wie eine nüchterne Analyse: Eine ganz und gar unwahrscheinliche Wendung hat sie vor zehn Jahren aus ihrem Alltag gerissen, seitdem ist ihr Leben ohne Tennis schlicht nicht mehr denkbar, Punkt. Dafür sei sie ihrem Trainer Tariku grenzenlos dankbar. „Er hat mir eine Richtung gegeben.“ Wurde zur wichtigsten Person in ihrem Leben. Wobei, nein, sagt Meron, niemand stehe über Gott. Die Wendung zum Guten sei Gottes Wille gewesen, sagt Meron. „Ich möchte, dass du das aufschreibst.“

Außer zum Schlafen ist Meron kaum noch zu Hause. Tennistraining, Schule, wieder Training, Hausaufgaben. Die Wochenenden verbringt sie großteils auf dem Trainings- oder einem Turniercourt.

Gefragt, ob ihr ein solch rastloses Leben manchmal zu viel wird, antwortet sie ohne Zögern. „Überhaupt nicht! Faul und nutzlos herumzuhängen – das wäre schlimm.“ Meron hat kaum Zeit für Freundschaften, und womöglich, ahnt sie, ist das gar nicht schlecht. Viele ihrer früheren Freunde sind, arbeits- und hoffnungslos, in die Kleinkriminalität abgedriftet. Die Jungs rotten sich in Banden zusammen. Die Mädchen schlagen Kapital aus ihrem Körper. Prostitution ist allgegenwärtig in Addis Abeba. In den Abendstunden steht an jeder Straßenlaterne in den Ausgehvierteln ein leicht bekleidetes Mädchen.

Ein Zögern erst, als Meron auf ihre Familie zu sprechen kommt. Was die Eltern machen, während sie zwischen Schule und Tennisplatz pendelt? „Hmm... Sie haben einen Laden. Verkaufen Zeug.“ Was für Zeug? „Kaffee und so. Glaub ich. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich war noch nie in dem Laden.“

Es ist nicht so, dass ihr ihre Eltern nicht viel bedeuten würden. Die Ohrringe, die sie von ihrer Mutter als Kleinkind bekam, hat Meron in all den Jahren nur dreimal abgenommen. Aber sie haben ihre Tochter ein Stück weit verloren. Ans Tennis. An eine große Hoffnung. „Mein Traum ist, Weltranglistenerste zu werden und mein Land stolz zu machen“, sagt Meron. Und schickt dem Traum noch eine zweite Zukunft hinterher, die planbarer ist: „Ich möchte einen guten Schulabschluss machen, um Wirtschaftswissenschaften studieren zu können.“ Mit ihrem Tennistalent plus guten Noten hätte sie beste Aussichten auf ein College-Stipendium in den USA.

Selbst Plan C, ein Job als Tennislehrerin, klingt noch verheißungsvoll für Meron. Desta Tesfaye verdient in Saudi-Arabien mehrere Tausend US-Dollar im Monat. Sein Bruder Tariku hätte ebenfalls eine lukrative Stelle in China antreten können, hätten seine TDKET-Pläne ihn nicht in der Heimat gehalten. Und selbst in Äthiopien, beim Greek Club etwa, verdienen Tennistrainer weit überdurchschnittlich.

„Noch Fragen?“ Wenn nicht, sagt Meron, würde sie nun gern trainieren gehen. Kommendes Wochenende steht ein Turnier an, bei dem sie sich in den Wochen zuvor bereits ins Finale gekämpft hat. Mal wieder.

Gut 5000 Kilometer von Addis Abeba entfernt, auf einem anderen Kontinent, schmieden sie derweil Pläne für ein äthiopisches Tennis-Leistungszentrum. Die Tennisakademie Rhein-Neckar bei Heidelberg, die auch regelmäßig junge Äthiopier zum Training nach Deutschland einlädt, hat bereits Skizzen erstellt: Umkleiden, Duschen, Lernräume, umringt von neun Sandplätzen. Die Skizzen sind mit „Vision“ überschrieben. Der erste Geldgeber, eine deutsche Stiftung, ist bereits gefunden. Mit dem Bau der ersten beiden Courts soll begonnen werden, sobald die äthiopische Regierung ein geeignetes Grundstück bereitstellt.

Würde das Tenniszentrum Wirklichkeit, könnte es zum Kristallisationskern eines neuen Nationalsports werden. Das ist der Traum, den hier inzwischen nicht mehr nur Tariku Tesfaye und sein Bruder Desta hegen. Haile Gebrselassie, vielfacher Marathon-Weltrekordbrecher und äthiopischer Nationalheld, hatte die Tenniskinder einst im Greek Club spielen gesehen. Sie weckten bei ihm Erinnerungen an eine andere Pioniertat, die das Land veränderte: „Vor den olympischen Marathonsiegen von Abebe Bikila war Äthiopien in der Sportwelt nichtexistent. Danach kam ich, kamen viele andere, wir wurden zur Läufernation. Warum sollte eine solche Entwicklung im Tennis nicht möglich sein?“

Das Entenrennen

Auch Stev Kleine, ein junger Trainer der badischen Tennisakademie, ist begeistert von dem Trainingseifer der Tenniskids. Drei Mal bereits war er in Addis Abeba. Um Trainerstunden zu geben, das vor allem. Aber auch als Materiallieferant. Diesmal im Gepäck: hochwertige Tennisschläger und T-Shirts in Kindergrößen, die er einem Sporthersteller als Spenden abgeschwatzt hat. Das Gesicht gerötet von der Sonne, die 2?400 Meter über dem Meer ihre Kraft nicht durch Wärme verrät, steht er mehrere Tage auf den Plätzen und schlägt unablässig Bälle übers Netz. Mitgebracht hat er auch Konditions- und Koordinationsübungen. Seilhüpfen. Zwei gegen eins. Kleinfeldduelle mit blitzschnellen Ballwechseln. „Nicht aufhören, du kannst es“, feuert Kleine an.

Als sich die Abenddämmerung über die beiden Plätze legt, das Rot des Sandes und das Gelb der Bälle schluckt, nimmt sich Stev Kleine die Oberschenkelmuskulatur vor. Die Spielerinnen und Spieler müssen sich an der Längslinie aufreihen und im Entenrennen gegeneinander antreten: in der Hocke watschelnd zur anderen Seite des Spielfeldes und, Kehrtwende, zurück. Ein Durchgang. Dann noch einer und noch einer.

Merons Gesicht ist schmerzverzerrt. Sie wird einen unangenehmen Muskelkater bekommen, das ist ihr schon jetzt klar. Vor dem anstehenden Turnierfinale ist ihr trotzdem nicht bange. Sie weiß, ihre Finalgegnerin wird mit dem gleichen Handicap antreten. Dinknesh watschelt nur wenige Meter neben ihr – die Kindheitsfreundin, die beim ersten Besuch der Brüder Tesfaye fragte, was das sei, Tennis.

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